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Lesart | Beitrag vom 26.05.2018

Hans Belting, Andrea Buddensieg: "Ein Afrikaner in Paris"Senegals verhinderter Nationalheld

Von Moritz Behrendt

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Cover von Hans Belting, Andrea Buddensiep: "Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne", im Hintergrund sieht man Präsident Senghor mit Kulturminister André Malraux (r.) im Louvre (C.H. Beck /Beck / dpa / Collage: DLF Kultur)
Das Buch "Ein Afrikaner in Paris" widmet sich Léopold Sédar Senghor, der den Senegal in die Unabhängigkeit führte. (C.H. Beck /Beck / dpa / Collage: DLF Kultur)

Léopold Sédar Senghor hat zwar den Senegal in die Unabhängigkeit geführt. Als erster Präsident des Landes hat er aber die Opposition unterdrückt. Sein politische Erbe ist deshalb bis heute umstritten. Seine Philosophie dagegen passt in die Gegenwart.

Zur Eröffnung spielte Duke Ellington. Langston Hughes, der große Poet der Harlem Renaissance war nach Dakar gekommen, ebenso der äthiopische Kaiser Haile Selassie. Senegals Präsident Léopold Sédar Senghor hatte im April 1966 zum ersten Weltfestival schwarzer Kunst geladen.

"Durch die Kunst wollte man den neuen Nationen Afrikas ein Selbstbewusstsein vermitteln, das sie in der Kolonialzeit verloren hatten", schreiben Hans Belting und Andrea Buddensieg in ihrem Buch. Man, das war Senghor persönlich. Noch emphatischer drückte es der Schriftsteller und damalige französische Kulturminister André Malraux bei der Eröffnung des Festivals aus: "Zum ersten Mal nimmt ein Staatschef das Schicksal eines ganzen Kontinents in seine sterblichen Hände. Weder in Europa noch in Asien oder Amerika ist es jemals vorgekommen, dass ein Staatsoberhaupt sagt: Lasst uns versuchen, gemeinsam die Zukunft des Geistes zu erschaffen."

Die umstrittene Idee einer "Negritude"

Natürlich war das dreiwöchige Festival nicht frei von Symbolpolitik. Dennoch hat kein afrikanischer Präsident so sehr wie Senghor die Kultur ins Zentrum seines Wirkens gestellt.

Hier liegt auch der Schwerpunkt des Werkes der Kunsthistoriker Belting und Buddensieg. "Ein Afrikaner in Paris" ist weniger eine Biografie als vielmehr der Versuch, Senghors Rolle als Kulturpolitiker und Denker neu zu bewerten. Die Autoren schreiben kenntnisreich über die Museen und Kunstschulen, die Senghor eröffnet hat. Und sie machen deutlich, wie sehr diese Vorhaben Ausdruck seines Weltbilds waren. Ein lobenswertes Unterfangen: Denn viele der Ideen des Dichters und Politikers wurden von lautstarken Kritikern absichtlich falsch verstanden und in Misskredit gebracht.

Das betrifft vor allem die Philosophie der Négritude. Gemeinsam mit den karibischen Schriftstellern Aimé Césaire und Léon Damas hatte Senghor sie im Paris der 1930er-Jahre entwickelt: als Idee schwarzer Selbstbestimmung. Vielen Afrikanern war sie nicht radikal genug. Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka etwa ätzte: "Ein Tiger proklamiert auch nicht seine Tigritude - er springt einfach."

Andere warfen Senghor sogar Rassismus vor und verwiesen auf sein Diktum, dass die Emotion schwarz sei, so wie die Vernunft hellenisch. 

Von Senghors politischen Fehlern ist wenig zu lesen

Dabei ging es Senghor eigentlich darum, den eigenen Beitrag Afrikas zur Zivilisation des Universellen, wie er es nannte, herauszustellen. Und wenn er von Assimilation sprach, dann meinte er nicht etwa die Anpassung an die Werte des Westens, sondern einen Prozess der gegenseitigen Annäherung. Senghor sagte: "Wir befürworten die kulturelle Vermischung. Wir müssen verwurzelt sein in den Werten der Négritude und uns öffnen für andere Werte."

Doch Senghor war nicht nur Opfer mutwilliger Missverständnisse. Als Denker war er zwar ein Mann des Ausgleichs, als Präsident dagegen handelte er oft autokratisch. Davon ist bei Belting und Buddensieg leider wenig zu lesen.

Politische Gegner unterdrückte er, wenn er sie nicht in seine Einheitspartei einbinden konnte. 1976 ließ er dann genau drei Oppositionsparteien zu, deren politische Ausrichtung er selbst bestimmen wollte. Acht Jahre zuvor, 1968, ließ er Studentenproteste in Dakar niederschlagen. Sogar die französische Armee rief er zu Hilfe. Als er im selben Jahr in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, gab es heftige Proteste. Der SDS schrieb auf Flugblättern: "Wir werden der philosophierenden Charaktermaske des französischen Imperialismus, der mit Goethe im Kopf und dem Maschinengewehr in der Hand die ausgebeuteten Massen seines Volkes unterdrückt, den Weg in die Paulskirche versperren."

Das war natürlich selbstgerecht und aus der Feder deutscher Studenten ziemlich geschichtsvergessen. Schließlich hatte der Dichter seine Leidenschaft für Goethe im Kriegsgefangenenlager der Nazis entdeckt.

Ein lückenhaftes Buch zum richtigen Zeitpunkt

Zumindest die Kritik an Senghors Nähe zu Frankreich traf aber einen wunden Punkt. Seine Liebe zur Grande Nation stand einer eigenständigen Politik häufig im Wege. Die Idee der französischen Republik, das arbeiten Belting und Buddensieg gut heraus, war für Senghor größer als Frankreich selbst. Deshalb wollte er Ende der 1950er-Jahre die Unabhängigkeit Senegals hinauszögern. Ihm schwebte eine stärkere Beteiligung der ehemaligen Kolonien innerhalb einer frankoafrikanischen Gemeinschaft vor. Einen Ruf als großer Freiheitskämpfer erwirbt man sich so nicht. Und auch als Präsident gelang es ihm nicht, die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit Senegals von der ehemaligen Kolonialmacht zu verringern.

Auch kulturell war Senghor Frankreich mehr als eng verbunden - waren Rhythmus und Inhalte seine wunderbaren Gedichte westafrikanisch geprägt, so schrieb er sie doch wie selbstverständlich nicht in seiner Muttersprache Serèr sondern auf Französisch. Als Senghor 1980 den Präsidentenposten abgab und fortan in Frankreich lebte, da spotteten viele Senegalesen, er sei nach Hause zurückgekehrt.

Insgesamt entsteht das Bild eines in seiner Widersprüchlichkeit faszinierenden Denkers und Politikers, dessen Ideen auch heute noch relevant sind: Etwa, wenn es darum geht, wie sehr Kulturen von Eigenständigkeit oder Vermischung geprägt werden oder auch in der Debatte über Kunst aus Afrika.

Europäische Museen mögen derzeit erstmals intensiv darüber nachdenken, wie sie mit Exponaten umgehen sollen, die auf zweifelhaftem Wege in der Kolonialzeit "erworben" wurden. Für Senghor und viele afrikanische Künstler war dies schon in den 1960er-Jahren ein großes Thema. "Ein Afrikaner in Paris" ist daher, trotz so mancher Lücken, ein anregendes Buch zum richtigen Zeitpunkt.

Hans Belting, Andrea Buddensieg: "Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne", 287 Seiten, 28 Euro, C.H. Beck

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