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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.04.2015

Hannover MesseWas ist eigentlich Industrie 4.0?

Von Wolfgang Noelke

Der Schriftzug "Industrie 4.0" steht bei der Hannover Messe 2015 beim Leaders Dialogue "Industrie 4.0 in Made in Germany" zum Start der Plattform Industrie 4.0 auf einer Wand. (dpa / picture alliance / Ole Spata)
Leaders Dialogue während der Hannover Messe 2015 (dpa / picture alliance / Ole Spata)

Die Hannover Messe wirbt damit, dass Besucher dort die Industrie der Zukunft besichtigen können. Wolfgang Noelke ist bei seinem Rundgang auf künstliche Schmetterlinge und einen Roboter mit Motorschaden gestoßen.

Der kauzige Lehrer Bömmel, – hätte es vor 300 Jahren bereits ihn – und eine Hannover- Messe gegeben – er hätte dort sicher im schönsten Messesprech doziert: Wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm. Und dann sage mer so: En Dampfmachin, dat is ene jroße schwarze Eins-Punkt-Null.

Alle hätten sich am Kopf gekratzt. - Konnte doch niemand ahnen, dass man 300 Jahre nach ihrer Erfindung "De Dampfmaschin" als "Industrie 1.0" abhakt. Oder all die Maschinen, die von ihr angetrieben wurden, als 2.0! – Kommt ein Computer ins Spiel soll es 3.0 heißen! - Doch wo genau liegt 2.1, 2.2 oder 3.6? Wo liegt in diesem Zeitstrahl jener Zeitpunkt, als man die, in Fabriken üblichen langen ledernen Treibriemen durch Elektromotore und Hydraulik ersetzte? Oder war das 2.7, als Dampfantrieb überall abgeschafft wurde, sogar in der Bahn?

Die Ansagetechnik ist höchsten 2.5

"Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir unseren nächsten Halt, Hannover- Hauptbahnhof. Dort erreichen Sie alle vorgesehenen Anschlusszüge. Vielen Dank für die Reise mit der..."

Woher weiß er, dass die Anschlusszüge noch erreicht werden? Falls der Zugbegleiter es vom Bildschirm abliest, könnte es 3.9 sein. Die Ansagetechnik ist jedenfalls nicht weiter als ein Elektroantrieb. Vielleicht 2.5. Der Zugbegleiter muss noch selbst sprechen. Vor ein paar Jahren durfte er noch durch die Wagen gehen um jeden reservierten Sitz mit einem "Reserviert-Kärtchen" zu markieren. Das war höchstens 1.3. Heute erledigt das ein Computer. Oder auch nicht. Manchmal fällt der aus.

Ach ja, Hannover. Bis einschließlich Freitag soll hier noch Industrie 4.0 zu besichtigen sein.

Das erste Mal, dass die Menschheit oder wenigstens die Bosse vorher wissen, dass sie nun ganz oben schweben. In der ersten Liga, Industrie 4.0! Oder auch nicht.

"Ok, wie kommt die Industrie 4.0 dann hier zum Einsatz? Wie kommunizieren diese Antriebe miteinander?"
"Ok, öhm... wir sehen diese Einscanncodes, hier oben platziert."

Wie im Marionettentheater mit einem Rechner

Minus 6.0 Schnell zu einem anderen Aussteller. Über dessen Messestand fliegen zwei künstliche Schmetterlinge, die niemals zusammenstoßen. Auf Kollisionskurs entscheiden sie angeblich selbst, kurz vor dem Zusammenstoß auszuweichen. Angeblich. Denn zwei Kameras beobachten die geflügelten Wesen.

"Damit kann die Flugrichtung und Position erkannt werden und damit kann der zentrale Rechner vorgeben, flieg höher oder tiefer, flieg nach links oder rechts."

Also geht es doch eher zu, wie im Marionettentheater, wenn ein zentraler Rechner die Fäden zieht. Industrie 4.0 ist das noch lange nicht, aber wenigstens hübsch anzusehen und funktioniert natürlich nur bei ausreichender Kapazität des Netzes. Vielleicht trügt ja der Eindruck, hier würde nur hochglanzlackiert das gezeigt, was bereits jahrelang für den Robocup trainiert: Da versuchen kleine künstliche Fußballspieler selbstständige Entscheidungen zu treffen – und vor allem das gegnerische Tor. Viel zu oft jedoch das Aus. Dies ist der Stand der Dinge und funktioniert gerade mal so mit Ach und Krach. Meist müssen die kleinen Kerlchen repariert und justiert werden.

Wie im Kleinen, so auch im Großen: Genial, die Idee, RFID- Marker an Paletten zu nageln, um Waren verfolgen zu können. Noch genialer, dafür einen Roboter zu entwickeln, der riesige Palettenstapel erklimmt um diese Arbeit selbständig zu erledigen. Doch...

"Das sind diese Motoren, wo die Motorsteuerung nicht funktioniert."
"Kriegen Sie das noch hin?"
"Nee, das glaube ich nicht."
"Was zeigen Sie dann den Besuchern?"
"Wir haben einen Bildschirm hier, den wir zeigen."

Kein Zweifel, dass der Klettermaxe funktioniert. Sieht man doch auf dem Bildschirm. Und dass er seine Arbeit macht. Wenn die Motoren funktionieren würden. Es gibt noch viel zu tun, Robotern einen Weg ins 4.0- Paradies zu ebnen. Denen ist es egal. Es ist unser Paradies.

Wir Menschen, also Wir - Punkt-Null - stehen erst am Anfang.

Mehr zum Thema:

Roboter der Zukunft - Des Menschen "dritter Arm"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 13.04.2015)

Organische Elektronik zum Wegwerfen
(Deutschlandradio Kultur, Elektronische Welten, 11.04.2013)

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