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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.07.2018

Hanka Kupfernagel über FrauenradsportMänner bestimmen die Spielregeln

Hanka Kupfernagel im Gespräch mit Dieter Kassel

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Hanka Kupfernagel  (picture alliance/dpa/Foto: Karl-Josef Hildenbrand)
Hanka Kupfernagel 2013 beim Zeitfahren der Frauen während der Deutschen Meisterschaften in Wangen (Baden Württemberg). (picture alliance/dpa/Foto: Karl-Josef Hildenbrand)

Die Tour de France ist Männer dominiert und auch im Frauenradsport entscheiden mehrheitlich Männer, worüber berichtet wird und was profitabel ist. Dennoch ändert sich einiges zugunsten der Frauen, sagt Radsportlerin Hanka Kupfernagel.

Bei der Tour de France lässt sich derzeit erleben, dass der Radsport bis heute von Männern beherrscht wird. Aber es ändert sich etwas auch in der Radwelt, wie die Radsportlerin Hanka Kupfernagel sagt. Sie war mehr als 20 Jahre lang eine prägende Figur des Frauenprofiradsports, dem lange ein Schattendasein beschert blieb, weil Sponsoren ausblieben und Fernsehübertragungen fehlten. 

"Aber wir können uns auch freuen, dass der Frauenradsport in den letzten Jahren immer attraktiver geworden ist", zeigt sich Kupfernagel im Deutschlandfunk Kultur optimistisch. 

"Heute sind hier 20 Profiteams am Start, also 120 Fahrerinnen werden hier losfahren und hoffentlich auch alle gesund ankommen und tollen Sport zeigen, und weltweit gibt es über 40 Profiteams, und das war vor zehn Jahre noch lange nicht so."   


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Die Tour de France gibt es seit 1903, das wissen relativ viele Menschen, ist auch noch nicht so lange her, dass sie ihr 100-Jähriges gefeiert hat. Spätestens jetzt, wo die Fußballweltmeisterschaft vorbei ist, gucken auch ganz viele wieder nach Frankreich. Tour de France hat da längst begonnen, heute wird die zehnte Etappe gefahren, und alle sehen dann an den Strecken und vor den Fernsehbildschirmen die Männer, die sich da abstrampeln, und eigentlich, wenn wir mal ehrlich sind, denkt man auch gar nicht darüber nach, dass das immer Männer sind, denn Profiradsport, das wird oft in Deutschland, und fast überall auf der Welt, halt mit einer Männersportart assoziiert.

Das ist sie aber nicht, es gibt natürlich Profiradsportlerinnen, höchst erfolgreiche, zum Beispiel Hanka Kupfernagel, die war über 20 Jahre lang eine prägende Figur des Frauenprofiradsports: achtmal allein Weltmeisterin, hat Medaillen kassiert, und doch hat man immer das Gefühl, wenn eine Frau so erfolgreich ist wie Hanka Kupfernagel, dann erregt das ungefähr so viel Aufmerksamkeit wie wenn ein männlicher Radfahrer einmal spektakulär vom Rad fällt. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber in Tendenz wahr. Da lacht sie schon. Ich sage erst mal hallo! Hallo, Frau Kupfernagel!
Hanka Kupfernagel: Schönen guten Morgen, hallo! Danke für das Intro!

Kassel: Wir reden gleich darüber, wo Sie im Moment sind, warum wir Sie auf dem Handy erreichen, aber erst mal, wo ich das gerade behauptet habe, es ist zugespitzt, aber ganz falsch im Kern ja nicht.

Kupfernagel: Ja, die Frauen haben die Wettbewerbe bei den Weltmeisterschaften und bei den Olympiaden gemeinsam mit den Männern. Das ist dann einmal im Jahr oder alle vier Jahre einmal, wo wir in den Medien auch gezeigt werden. Es ist ähnlich wie bei vielen anderen Sportarten, wo die Wettbewerbe irgendwie ein bisschen getrennt sind, aber trotzdem gibt es über das ganze Jahr verteilt natürlich Radrennen für Frauen und auch mehrtägige Rundfahrten.

Dylan Groenewegen Fernando Gaviria Peter Sagan im Endspurt der siebten Etappe der 105. Tour de France (AP/dpa)Der Endspurt der siebten Etappe der 105. Tour de France (AP/dpa)
Kassel: Das berühmteste Radrennen der Welt ist immer noch die Tour de France, deshalb reden wir miteinander, jetzt kann ich es verraten: Sie sind auch gerade vor Ort, auf dem Weg nach Annecy, wo heute die Etappe beginnt. Aber im Grunde genommen, dass es seit über hundert Jahren ein reines Männerrennen ist, hat eigentlich noch nie jemanden aufgeregt, oder? Haben Sie da eine Erklärung für?

Kupfernagel: Es gab Ende der 80er, Anfang der 90er auch parallel die Tour de France der Frauen. Also es wurde versucht, zusammen zu organisieren, die Frauen kamen dann eher ans Ziel, sind eine kürzere Runde gefahren, also wie wir das heute hier eigentlich haben. Es wurde dann einfach vom Organisatorischen her ein unmöglicher Aufwand, sodass man das getrennt hat. Dann gab es lange Grand Boucle für die Frauen, also irgendwann anders mal zwei Wochen. Auch das härteste Rennen für uns Frauen gewesen, bloß es fand halt nicht im Fernsehen statt, und deswegen kennt es keiner, aber gibt es schon lange.

Riesenschritt nach vorne

Kassel: Aber das ist doch heute immer noch so. Also Sie wollen ja die Männer schon auch angucken – dagegen spricht ja nichts –, aber heute, diese Etappe nicht exakt die der Männer, die 159 Kilometer, aber einen Teil dieser Etappe fahren ja heute Frauen, aber auch das … Weiß ich nicht, wenn man jetzt Kabelfernsehen mit 130 Kanälen hat, vielleicht läuft es bei Eurosport Sieben, aber auch das erregt doch bis heute keine große Aufmerksamkeit.

Kupfernagel: Ja nun, das liegt halt da dran, es werden viele Versuche gestartet, dass Sponsoren dort die … Wenn wir im Prinzip tolle Sponsoren finden, die die Frauen oder den Frauensport pushen wollen, auch insgesamt, Produkte für Frauen, die dann irgendwie, was weiß ich, Waschmittel vielleicht, keine Ahnung, dann haben die ein Interesse, dass es im Fernsehen gezeigt wird, weil sie viel Geld investieren oder beziehungsweise weniger Geld als Fußball oder Männersport, dann aber eine größere Reichweite haben.

Also ich denke, in den letzten zehn Jahren haben wir schon einen Riesenschritt gemacht, gerade auch durch Social Media und durch das Internet kann man, wenn man weiß wo, ganz viele Frauenrennen gucken, und in Deutschland haben wir ein großes Beispiel wie Lotto Thüringen Ladies Tour, die im Mitteldeutschen Rundfunk täglich dann, wenn sie dann stattfindet immer im Juli, jeden Tag wenigstens mal fünf, sechs Minuten übertragen wird, und da haben wir dann auch regional richtig viele Fans, viel mehr, als man das sonst kennt.

Also man sieht ganz deutlich diesen Zusammenhang, TV-Übertragungszeiten, Fans, Sponsoren. Das ist ein Kreislauf, der irgendwo anfängt, und in Thüringen, sag ich mal, hat es angefangen, dass es die Rundfahrt schon 30 Jahre gibt und der MDR dahintersteht.

Frauenradsport ist attraktiver geworden

Kassel: Aber ist das zum Beispiel, wenn wir auf die ganz großen internationalen Rennen kommen, wie die Tour de France und auch noch ein paar andere, ist das nur eine Frage dieser kommerziellen Aspekte, die ganz sicher eine Rolle spielen, was Sie gerade beschrieben haben mit den Sponsoren, oder steckt da nicht doch auch ein gewisser Chauvinismus dahinter? Ich meine, die Leute, die die Tour de France organisieren, die wirklich Entscheidungen treffen, die Verbandschefs, das sind ja doch überwiegend Männer.

Kupfernagel: Also, dass das überwiegend Männer sind, also dem letzten Satz muss ich recht geben, aber gerade die ASO, die die Tour de France organisiert, die sind ja jetzt seit 2014 Initiatoren, dafür dass die Frauen auch hier eine Etappe eine Bühne bekommen. Man kann nicht erwarten, dass über Nacht gleich eine ganze Tour organisiert wird, nachdem 30 Jahre oder 15 Jahre da nichts war, aber letztes Jahr waren zwei Etappen, und seit 2014 gibt es im Prinzip immer die Ankunft auf der Champs-Élysées, und da sind dann alle internationalen Fernsehsender drauf und haben auch die Möglichkeit, das zu übertragen, kostenlos sozusagen, aber ob das jeweilige Land das dann ausstrahlt, das ist dann wieder eine Frage der Leute vor Ort und ob die tolle Frauen haben in ihrem Land, die sie zeigen wollen oder nicht.

Klar sitzen in diesen Positionen auch Männer, und wenn die da kein Interesse dran sehen oder kein wirtschaftliches Interesse, dann wird es auch nicht gezeigt. Ist leider so, aber wir können uns auch freuen, dass der Frauenradsport in den letzten Jahren immer attraktiver geworden ist und dass es jetzt weltweit … Ich meine, heute sind hier 20 Profiteams am Start, also 120 Fahrerinnen werden hier losfahren und hoffentlich auch alle gesund ankommen und tollen Sport zeigen, und weltweit gibt es über 40 Profiteams, und das war vor zehn Jahre noch lange nicht so.

Kassel: Darf ich dann mit einer persönlichen Frage enden, keine persönlich, nicht intim, wenn Sie das so beschreiben, das ist jetzt auch mein Gefühl, bei dem, was Sie sagen, dass es langsam, aber stetig doch besser wird –

Kupfernagel: Ja, definitiv.

Tour of California (imago/ZUMA Press)Das Radrennen Tour of California. Hier im Mai 2015 Sacramento, Kalifornien. (imago/ZUMA Press)
Kassel: – sind Sie da manchmal traurig, dass Ihre Zeit vielleicht fast ein bisschen zu früh war, Ihre Zeit als Radsportlerin? Weil für Sie muss das doch manchmal auch frustrierend gewesen sein, so erfolgreich zu sein und trotzdem öffentlich nicht so wahrgenommen zu werden wie viele Männer. Also sagen Sie manchmal, eigentlich wäre es schön, wenn ich jetzt wieder neu anfangen könnte als aktive Sportlerin?

Kupfernagel: Na ja, ich bin auf der Suche nach der Zeitmaschine. Wenn ich die dann finde, drehe ich die mal 15 Jahre zurück. Nein, aber es war natürlich … Ich wurde so oft gefragt, was können Sie denn machen, dass der Frauenradsport attraktiver wird, und ich habe mich immer bemüht, bin sehr interessante Rennen gefahren. Aber allein der Sportler oder der Athlet kann da halt nichts ausrichten, außer, so wie jetzt, Aufklärung zu betreiben, dass es eine Radsportwelt gibt auch für Frauen.

Da werden richtig harte Rennen gefahren, und ich bin jetzt zuletzt, sage ich mal, in großen internationalen Rennen unterwegs gewesen 2015 und Anfang 2016, und ich muss sagen, da hat sich sehr viel verändert. Es ist auch aggressiver geworden. Also die Frauen kämpfen da auch um jede Position viel härter als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren, und die Spitze ist einfach so viel breiter geworden, dass man ohne ein professionelles Team auch sich nicht lange in der Weltspitze behaupten kann, wenn überhaupt. Also da muss man schon sehr außergewöhnlich talentiert sein.

In England boomt der Frauenradsport

Kassel: Frau Kupfernagel, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen jetzt als interessierte und professionelle beobachtende Zuschauerin viel Freude bei der Tour de France!

Kupfernagel: Vielen Dank!

Kassel: Hanka Kupfernagel …

Kupfernagel: Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen kleinen Einblick geben.

Kassel: Ich fand es war ein Großer. Also ich glaube, sobald die Sendung vorbei ist, werde ich rumsuchen im Internet, wo ich das alles wirklich sehen kann.

Kupfernagel: Darf ich vielleicht einen kleinen Schlusssatz noch sagen, weil es gibt auch die Tour of California und in Yorkshire, da ist es wirklich landesabhängig. In England zum Beispiel boomt der Frauenradsport enorm, und das sind so Leuchtpunkte, an denen wir uns festhalten und was wirklich die Mädels auch bedeutet, dass die in Zukunft damit Geld verdienen können mit dem Sport.

Kassel: Hanka Kupfernagel war das zu ihrer aktiven Zeit über 20 Jahre lang, eine der erfolgreichsten Profiradsportlerinnen der Welt und heute begeistert davon, dass es andere langsam genießen können, dass der Frauenradsport mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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