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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.02.2008

Hang zum Grotesken

Der Dramatiker Philipp Löhle

Szene aus "Genannt Gospodin" von Philipp Löhle mit Shenja Lacher (r.) (Bayerisches Staatsschauspiel München, Thomas Dashuber)
Szene aus "Genannt Gospodin" von Philipp Löhle mit Shenja Lacher (r.) (Bayerisches Staatsschauspiel München, Thomas Dashuber)

40 Jahre nach '68 sind Demonstrationen und Gesellschaftskritik manchmal nur noch ein Zitat der Ideen und Gesten von damals. So sieht es zumindest der Theaterautor Phillip Löhle, der in seinen Stücken immer wieder auf dieses Thema zu sprechen kommt. Seine groteske Komödie "Genannt Gospodin" wurde preisgekrönt.

"Man sieht hier die schönen Gipfel um Baden-Baden herum, den Merkurberg und auf der linken Seite das alte Schloss. Gerade auf den Merkurberg ist man dann immer mit jedem Besuch hoch gestiegen. Insofern ist das alles hier `Kindheit und Jugend`."

Vom Balkon des Theaters aus beschreibt Philipp Löhle den Blick auf den beschaulichen Kurort Baden-Baden. Der 29-Jährige kennt sich aus. Ganz in der Nähe wohnen seine Eltern, der Vater ist Arzt, die Mutter ist gelernte Werbefachfrau. Hier sind er und seine beiden Brüder zur Schule gegangen. Und natürlich auch ins Theater:

"Ich war früher hier immer in dem Theater, auch beim Weihnachtsmärchen. Insofern ist das schon ganz lustig, wenn man Schauspieler kennen lernt, die man schon als kleiner Bub im Theater gesehen hat. Schön, dass man hier ist."

Philipp Löhle ist nach Hause zurückgekehrt, wohnt im alten Kinderzimmer und fährt seit letztem Sommer jeden Morgen mit dem alten Roller seines Vaters zur Arbeit als Regieassistent am Theater Baden-Baden.

Im Herbst will der Jungdramatiker wieder nach Berlin. Der Liebe wegen, zur Freundin in den Prenzlauer Berg. Aber auch weil dort sein Aufstieg begann: 2007 gewann er den Werkstattpreis des Berliner Theatertreffens. Im gleichen Jahr den Dramatikerpreis der deutschen Wirtschaft. Seither spielen renommierte Bühnen in Wien, Bochum und München seine Werke. An der Berliner Schaubühne läuft zurzeit "Big Mitmache" - Löhles Stück über die RAF.

Felix, Nils, Rosa und Ina langweilen sich und sind deshalb gegen das "System" und weil ihnen nichts Besseres einfällt, gründen sie eine revolutionäre Gruppe. Konspirativ.

"Alle an einem Tisch seit Jahr und Tag, wahrscheinlich mit viel Zigaretten und viel Getränken die ganze Zeit, und reden, reden, reden. Bis man ganz woanders rauskommt, als wo man angefangen hat. So stelle ich mir das halt vor, weil in den 70ern immer wohl so diskutiert wurde."

Weil die Gruppe keinen Sprengstoff und keine Waffen hat, will sie sich dazu bekennen, dass sie verantwortlich für sämtliche Verkehrsunfälle in Deutschland ist. Ausgerechnet am 25. November 1973 – einem autofreien Sonntag. Der Terrorismus gerät so zur Farce.

"Big Mitmache" ist eine Auftragsarbeit für die Schaubühne. Die 70er Jahre kennt Phillip Löhle in erster Linie aus Büchern. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb fasziniert ihn diese Zeit. Auf den ersten Blick auch optisch: Die dunklen Haare trägt er verwuschelt, dazu einen grauen Wollpullover, dunkle Jeans und Turnschuhe. Der mittelgroße Mann spricht eher leise. Als Schüler hat er Fröschen über die Straße geholfen und auch mal demonstriert. Wirklich gefallen hat es ihm nicht.

"Ich finde halt, wenn heutzutage die jungen Leute anfangen, sich aufzulehnen und Demos zu machen, dann kriegt das unheimlich schnell so was Lächerliches. Das wirkt dann immer so wie ein Zitat wie von diesen früheren Zeiten. Wie rebelliert man? Das ist schwieriger geworden."

In Erlangen hat der Stückeschreiber Medienwissenschaften studiert. Auslandssemester in Rom inklusive. Sein Traum war es immer, Filme zu machen, zum Schreiben kam er eher zufällig.

Wenn es ein zentrales Thema in der Arbeit des Dramatikers gibt, dann ist es die Enttäuschung über Weltanschauungen. So auch im preisgekrönten "Genannt Gospodin".

Szene aus: "Genannt Gospodin":
"Anette! Ich habe es jetzt kapiert: Hermann! Abteilung! Freunde im Beruf! Gibt eine Feier!
Das ist mir egal. Hermann ist nicht ordentlich, er ist ein beschissener Spießer."

Gospodin, der Held des Stücks, ist gegen alles. Gegen den Kapitalismus. Gegen das Geld. Gegen seine alten Freunde.

"Das größte und einzige Schimpfwort, das es gibt, ist Spießer. Spießer, dass sind wahrscheinlich die Häuslebauer, früh heiraten, Auto putzen, Bausparvertrag. Ich glaube, die gibt’s noch. Aber ich will das gar nicht verteufeln. Kann ja jeder machen, was er will."

In "Genannt Gospodin" geht es um die Frage, ob ein Leben jenseits der Norm möglich ist. Phillip Löhle beantwortet dies mit einer grotesken Komödie. Am Ende findet Gospodin seine Freiheit – im Gefängnis.

Szene aus: "Genannt Gospodin":
" Gospodin: Das hier ist mein Zuhause.
Anette: Du bist hier eingesperrt. Über Jahre.
Gospodin: Was soll ich draußen sein und nicht wissen, wo ich hin will. Ich ... ich bin frei. "

Das Groteske scheint dem 29-Jährigen zu liegen – in seinem nächsten Stück soll es um den Klimawandel gehen. Und seine Verursacher: Rülpsende Kühe. Aber wer weiß, sagt Phillip Löhle, vielleicht schreibt er irgendwann auch mal eine richtige Tragödie.


Service:
Philipp Löhles Stück "Genannt Gospodin" läuft am 4. Februar um 20.00 Uhr im Marstall in München und um 19.30 Uhr im Theater unter Tage in Bochum. Sein Stück "Big Mitmache" ist am 6. Februar im Rahmen der "Deutschlandsaga" an der Berliner Schaubühne zu sehen.

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