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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.05.2017

Hanekes "Happy End" in Cannes Die bürgerliche Verlogenheit

Anke Leweke im Gespräch mit Marietta Schwarz

Mathieu Kassovitz und Michael Haneke (picture alliance/dpa/Foto: Jean-Pierre Brunet)
Schauspieler Mathieu Kassovitz und Regisseur Michael Haneke während der Dreharbeiten zu "Happy End", der in Cannes im Wettbewerb läuft. (picture alliance/dpa/Foto: Jean-Pierre Brunet)

Michael Haneke zeigt in "Happy End" den Zerfall einer bürgerlichen Großfamilie im französischen Calais. Schon zwei Mal hat er in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Dieses Jahr könnte die dritte folgen.

Eine Familie zerbricht und vielleicht mit ihr ein ganzer Kontinent. Michael Haneke hat mit "Happy End" eine schwarze Komödie gedreht, dessen Wirkungsradius die Filmkritik an der Croisette bei den 70. Filmfestspielen in Cannes noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Im Zentrum steht eine bürgerliche Großfamilie im französischen Calais. Das Familienoberhaupt wird 85 Jahre alt und will sich nur umbringen. Seine Tochter muss einen schrecklichen Arbeitsunfall in ihrer Firma verdauen. Ihr Bruder muss seine Tochter aus erster Ehe bei sich aufnehmen, weil seine Ex-Frau unheilbar krank wird. Und ihr Sohn zerbricht an seiner eigenen Unzulänglichkeit und flüchtet sich in eine aggressive, selbstzerstörerische Wut.

Unser eigenes Leben auf der Leinwand 

Haneke zeigt dieses Auseinanderfallen einer großbürgerlichen Familie in stillen wohl überlegten Aufnahmenfolgen, die sehr anstrengend mitunter auch langweilig sind. Das ist sein Prinzip. Wir wollen das nicht sehen, es ist ja unser Leben und Haneke demonstriert, dass bürgerliche Werte im 2017 verlogen, hohl und leer geworden sind. Es gibt keinen Halt, keine Sicherheiten. Toll spielen das seine Darsteller wie Isabelle Huppert und Jean Louis-Trintinant.

Und dennoch ist dieser Film keine angenehme Seherfahrung. Hanekes blick auf die Gegenwart ist verzweifelt, pessimistisch. Er nutzt Snapchat und Sex-Chats auf Facebook als Bilder einer vollkommen kaputten Gemeinschaft. Das wirkt so frisch und einfallsreich wie von einem Debütanten. Man muss sich da kneifen, um sich zu erinnern, dass Haneke 75 Jahre alt ist.

Kaputte Familien sind das Zentrum der meisten Filme

"Happy End" ist im heutigen Europa angesiedelt. Und ja, auch die so genannte Flüchtlingskrise spielt eine Rolle, auch wenn sie eher zum unsichtbaren Rhythmusgeber mutiert. Damit reiht sich der Film in Cannes in eine ganze Folge von Familienfilmen an. Er ist die düstere Version zu Noah Baumbachs Meyerowitz Stories, der mit Stars wie Dustin Hoffmann, Adam Sandler und Ben Stiller, von einer neurotischen New Yorker Künstlerfamilie erzählt, die sich erst wieder annähern muss, um mit dem eigenen Leben fortfahren zu können. Bei Noah Baumbach gibt es ein Happy End, bei Haneke, obwohl sein Titel anderes vermuten lässt, nicht.

Ob das am Ende zynisch oder brillant ist, das wird in den nächsten Tagen noch heiß diskutiert werden. Eines ist sicher: Hanekes Film ist im Wettbewerb der erste Film, der die Gemüter erhitzt. Und das ist in einem bislang eher mittelmäßigen Jahrgang schon eine beachtliche Leistung.

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