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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Handys and moreDie Finnen und Nokia sind wieder da

Von Michael Frantzen

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(Michael Frantzen)
Nokia-Mitarbeiter Kai Sahala, Corinna Machnow und Jaako Koskinen im "Nokia Executive Experience Center" (Michael Frantzen)

Nokia war früher für Handys das, was Tempos für Taschentücher sind: ein Synonym. Doch dann hat Finnlands wichtigstes Unternehmen den Wettlauf mit Apple und Samsung verloren. Jetzt das Comeback: eine neue Version des Nokia-Klassikers "3310" ist auf den Markt gekommen.

"This is the place where 300 million phones were made."

Für Superlative waren sie in Salo immer schon gut. Sage und schreibe 300 Millionen Handys wurden in der finnischen 54.000-Einwohner-Stadt 110 Kilometer westlich der Hauptstadt Helsinki produziert. Nokia-Handys.

Doch das ist Vergangenheit. Statt Handys stapeln sich heute ausrangierte Büromöbel in der Riesen-Fabrik vor den Toren der Stadt.

Stillgelegte Handy-Fabrik in Salo (Michael Frantzen)Stillgelegte Handy-Fabrik in Salo (Michael Frantzen)

Die Lichter hier: Sie sind längst ausgegangen. Das alles muss man Mika Mannervesi nicht zwei Mal sagen. Salos Wirtschafts-Dezernent zuckt mit den Schultern. Trübsal blasen – angesichts der gespenstischen Kulisse: Das ist nicht seine Art.

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"We are already in a post-Nokia phase."   

Salo ist bereits in der Post-Nokia-Phase, lautet sein Mantra.

"Wir haben längst ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nokia – das war einmal. Unsere Wirtschaft ist vielfältig. Das ging früher häufig unter, weil Nokia solch ein großes, globales Unternehmen war – und mit seinen 5000 Arbeitsplätzen allein in Salo alle anderen in den Schatten stellte, bis sie den Trend zum Smartphone verschliefen. Es gab bei uns immer schon ganz verschiedene Jobs, in verschiedenen Bereichen. Deshalb mussten wir auch nicht groß diversifizieren, als Nokia vor fünf Jahren bei uns die Handyproduktion einstellte. Wir mussten nur schauen, wie wir den anderen Unternehmen auf die Sprünge helfen."

Keine Geisterlandschaft sondern Perspektiven

Ein, zwei Mal die Woche schaut Mannervesi im alten Nokia-Campus vorbei. Er tut das nicht ohne Grund: Vor anderthalb Jahren hat die Stadt ihn zusammen mit Privatinvestoren gekauft. 4,5 Millionen Euro hat sich die Kommune das kosten lassen. Für den schwarzgekleideten Glatzkopf gut investiertes Geld. Schnellen Schrittes stapft der Mann, der Salos Wirtschaft wieder in Schwung bringen soll, einen der endlosen Flure entlang: Wo andere eine Geisterlandschaft sehen, sieht er Perspektiven. Da drüben etwa: Im ersten Stock: Hat sich ein US-amerikanischer Software-Hersteller angesiedelt. Und weiter oben: Zieht im Januar ein Ableger der Universität Turku ein, samt 900 Studierender. Mannervesi bleibt kurz vor einer Sicherheitsschleuse stehen: Hier geht es in die frühere Entwicklungsabteilung.

Ehemalige Entwicklungsabteilung im "Nokia-Campus" in Salo (Michael Frantzen)Ehemalige Entwicklungsabteilung im "Nokia-Campus" in Salo (Michael Frantzen)

Auf Microsoft sind sie in Salo nicht gut zu sprechen

Die bunten Quadrate auf der Glasfassade stammen noch von Microsoft. Auf den Software-Giganten sind sie in Salo nicht gut zu sprechen. Microsoft – für viele ist das der Buhmann; spätestens seitdem sich das US-Unternehmen erst 2012 Nokias Handygeschäft zu einem Spottpreis einverleibte, nur um keine drei Jahre später den Stecker zu ziehen. Als letztes musste die Entwicklungsabteilung daran glauben. Erst vor ein paar Monaten haben die letzten Softwareleute ihre Büros geräumt.  

"Microsoft hat unseren Bürgermeister informiert - nur Stunden, bevor sie mit der Nachricht an die Presse gingen, dass sie die Anlage schließen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Wir haben alle Überstunden gemacht – und versucht, einen klaren Kopf zu bewahren. Wir hatten ja schon im Vorfeld verschiedene Szenarien durchgespielt. Das hat uns geholfen, uns schnell auf die neue Situation einzustellen. Wir wussten, was uns erwartet."

Mika Mannervesi, Wirtschafts-Dezernent von Salo im "Salo Campus" (Michael Frantzen)Mika Mannervesi, Wirtschafts-Dezernent von Salo im "Salo Campus" (Michael Frantzen)

So ändern sich die Zeiten: Bis vor ein paar Jahren begrüßten im Besucherzentrum   Nokia-oder Microsoft-Manager ihre Geschäftskunden, vorzugsweise in Anzug und Krawatte. Heute tummeln sich hier Typen in Jeans und bizarren Phantasy-T-Shirts im XXL-Format, an denen Aki Kaurismäki, der finnische Filmmacher, seine helle Freude hätte. Mika Mannervesi kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Ist alles halb so wild.

"Der Hacker-Club ist etwas für unseren älteren Kaliber. Heikki und die anderen sind richtige Könner auf ihrem Gebiet."

"Das hat Mika nett gesagt. Wir sind Technik-Freaks. Wir beschäftigen uns hobbymäßig mit IOT – dem Internet der Dinge. Hacker nennen wir uns nur zum Spaß. Gerade experimentieren wir mit einer virtuellen Wetterstation. Uns gibt es seit einem Jahr."

Über zwanzig Jahre hat Heikki – der Oberhacker - bei Nokia gearbeitet – als Software-Entwickler. Gutes Geld verdient. Bis Schluss war.

Wer hier einen Job ergatterte, hatte das große Los gezogen

"Das war schlecht, keine Frage. Aber es hat auch etwas Gutes: Wir können jetzt endlich das machen, was uns Spaß bereitet. Wir sind ja alle arbeitslos. Bei Nokia haben wir nur getan, was uns gesagt wurde. Jetzt können wir uns richtig austoben."

Voll möbliert ist er noch: Der Clubraum, in dem es sich Mika Kortelainen bequem gemacht hat. Früher traf sich hier die Belegschaft zum Entspannen. Der Kühlschrank, die kleine Kochecke: Alles noch in Betrieb. An den Wänden: Aufkleber mit stilisierten Eishockeyspielern. Fast dreißig Jahre arbeitete der Softwareentwickler in der "Joensuunkatu 7". Die Adresse kannte jedes Kind in Salo. Wer hier einen Job ergatterte – hieß es früher - hatte das große Los gezogen.

"Es ist noch keine drei Monate her, dass ich meinen Arbeitsplatz geräumt habe. Als Vertrauensmann haben sie mich mit als Letzten entlassen. Schon ein komisches Gefühl – wieder hier zu sein. Damit musst du erst einmal klar kommen. Aber zumindest tut sich etwas. Außer uns von SmartSalo haben sich einige Startups angesiedelt. Wir sind nicht ganz alleine."

SmartSalo: Wenn man so will, ist das Mikas Baby. Seit gut zwei Jahren gibt es die Gruppe. Smart – schlau – wollen sie sein, die ganzen Ex-Nokia-und Microsoft-Mitarbeiter, die jetzt  auf der Straße stehen; sich vernetzen; beistehen – auch moralisch. Mika schaut auf sein Handy. Eine SMS von seiner Frau. Auch sie hat bei Nokia gearbeitet, auch sie: Arbeitslos.  

"Last mobile phone what was been designed here in Salo."

Ex-Nokia-Mitarbeiter gründen Startups

Mika benutzt immer noch sein altes Handy, ein Lumia-Modell – das letzte Smartphone, das in Salo designt wurde. Zwischendurch hat er sich überlegt, ein neues zu kaufen, doch das war ihm zu teuer. Große Sprünge kann er sich nicht mehr leisten. Noch reicht das Geld von der Abfindung, die ihm Microsoft gezahlt hat. Doch das wird irgendwann aufgebraucht sein. Nervös rutscht er auf seinem Hocker hin und her. Überall hat der stille Mann sich schon beworben – in Salo, Turku, sogar in Helsinki. Gebracht hat es nichts.

"Die Arbeitgeber sollten es eigentlich besser wissen: Auch als 50jähriger kannst du motiviert sein. Doch die denken sich: Nehmen wir lieber einen energiegeladenen 25jährigen. Mein Alter war bei meinen Vorstellungsgesprächen nie Thema. Da wären die Personalchefs ja auch schön blöd gewesen. Jemanden wegen seines Alters zu diskriminieren, ist strafbar. Aber hintenherum haben sie mir zu verstehen gegeben: Wenn sie die Wahl haben zwischen einem 25jährigen und einem 50jährigen – bei gleicher Qualifikation, nehmen sie lieber den Jüngeren als jemanden wie mich."    

Zwei, drei Mal die Woche schaut Mika im Clubraum von "SmartSalo" vorbei. Die Kommune stellt den Raum kostenlos zur Verfügung. Er hat jetzt Zeit; viel Zeit.

"Heute Morgen habe ich ein bisschen am PC gearbeitet. E-Mails schreiben und so. Früher, bei der Arbeit, habe ich Stunden vor dem Computer verbracht. Jetzt kann es vorkommen, dass ich tagelang offline bin. Aber ich habe auch so keine Langweile. Wir wohnen auf dem Land, in einem alten Haus circa eine halbe Stunde von Salo entfernt. Unser Grundstück ist groß – mit Riesen-Garten und einem kleinen Wald. Da gibt es immer etwas zu tun. Als ich noch gearbeitet habe, bin ich zu nichts gekommen. Jetzt kann ich mir meine Zeit frei einteilen. Ich genieße das. Ich kann einfach in den Wald gehen um Holz zu fällen. Nur ich und meine Axt. Es tut mir gut. Ich kann so Stress abbauen." 

Die Ärmel hochgekrempelt für eine Erfolgsgeschichte

Ein neuer Tag, ein anderer Gang im labyrinthischen Geflecht des alten Nokia Campus: Und damit zu Jari Sutari – und einer Erfolgsgeschichte. Auf Gäste waren sie eigentlich nicht eingestellt. Doch wenn Jari Sutari eines kann: Dann improvisieren. Er schaut von seinem Mikroskop hoch. Seit gut anderthalb Jahren gibt es sein High-Tech-Startup; seit Microsoft ihn vor die Tür setzte. Einige seiner Ex-Kollegen fingen nach dem Jobverlust aus lauter Frust an zu trinken, doch da ist Jari aus anderem Holz geschnitzt: Er krempelte einfach die Ärmel hoch. Sisu – so nennen die Finnen die Fähigkeit, ohne viel Aufhebens das Beste aus einer widrigen Situation zu machen.   

"Ich habe es als großartige Möglichkeit gesehen, mir selbst etwas aufzubauen. Mir ist regelrecht ein Stein vom Herzen gefallen. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich hätte nie und nimmer bei Microsoft oder vorher Nokia gekündigt. Ich habe wirklich bis zum letzten Tag um unseren Erfolg gekämpft. Na ja, hat nichts genützt. Im Nachhinein bin ich froh darüber. Ich habe noch kurz überlebt: Bewirbst du dich jetzt auf einen neuen Job? Doch dann habe ich mir gedacht: Bloß nicht. Ich hatte keine Lust, mich in meinem Alter noch irgendwo zu bewerben. Wahrscheinlich hätte ich mit meiner Qualifikation sogar relativ schnell einen neuen Job ergattert. Aber so ist es viel besser. Als Startup-Gründer kann ich selbst entscheiden, in welchem Bereich ich arbeiten will."

Jari Suutari, Gründer des Startups "Sensoan" (Michael Frantzen)Jari Suutari, Gründer des Startups "Sensoan" (Michael Frantzen)

Sensoan – Jaris Startup - hat sich darauf spezialisiert, hochempfindliche Sensoren zu überprüfen. Jari zeigt auf den Bildschirm vor seinem Mikroskop. Die Striche, die über den Bildschirm flackern: Irgendwo muss da das Problem liegen. Probleme lösen – das konnte er schon zu Nokias goldenen Zeiten. Sagenhafte 220 Milliarden Euro war Nokia um die Jahrtausendwende an der Börse wert. Vier Prozent des finnischen Bruttoinlandprodukts gingen auf die Kappe des Traditionsunternehmens. Doch dann verschliefen Jari und die anderen den Hype um das Smartphone. Ihn ärgert das heute noch; dass sie nicht auf Zack waren. Soll nicht wieder vorkommen. Erst recht nicht bei Sensoan. Bald wird er mit seinem achtköpfigen Team drei Stockwerke höher ziehen. Mehr Platz: Dann kann er auch ein paar neue IT-Experten einstellen – und es all denen zeigen, die anfangs meinten: Mit Ende fünfzig ein Startup zu gründen: Das ist doch ein Himmelfahrtskommando.      

"Bedenkenträger gibt es immer. Natürlich sind nicht alle Startups erfolgreich, ganz im Gegenteil: Die meisten scheitern. Das ist mir schon klar. Doch ich bin zuversichtlich: Mein Team besteht aus qualifizierten Leuten – mit den richtigen Beziehungen. Außerdem hat uns Microsoft eine Art Crashkurs für Geschäftsgründer spendiert. Wir sind gewappnet. Ich würde sagen, unsere Chance erfolgreich zu sein ist weitaus größer als die irgendwelcher Jungspunde, die noch nicht so viel durchgemacht haben wie wir."

Ein Jung-Unternehmer, der rüberkommt wie ein zweiter Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer: Das ist ganz nach dem Geschmack von Lauri Inna, Salos Bürgermeister.  

"We still have a lot of work to do but it’s getting better."  

Sonnenuntergang in Salo (Michael Frantzen)Sonnenuntergang in Salo (Michael Frantzen)

Dienstag, später Nachmittag. Das Rathaus von Salo. Zwölf Millionen Euro hat der Lichtdurchflutete Neubau aus Glas und Birkenholz gekostet. In Helsinki, der Hauptstadt, würde es gut und gerne als Botschaft eines mittelgroßen EU-Landes durchgehen. Heute könnten sie sich in Salo solch einen Prachtbau inklusive elektronisch verstellbarer Schreibtische nicht mehr leisten - allein schon wegen der gesunkenen Gewerbesteuer. Sechzig Millionen Euro betrug die 2010 – hauptsächlich Dank Nokia. Dieses Jahr werden es voraussichtlich zehn Millionen Euro sein. Ja, ja, wirft der Bürgermeister ein. Aber als die Stadt ganz am Boden lag, vor fünf Jahren, waren es nur acht Millionen. Soll heißen: Es geht wieder aufwärts. Auch bei der Arbeitslosigkeit: Mit 13 Prozent liegt sie zwar über dem finnischen Durchschnitt, doch vor ein paar Jahren waren es noch 18 Prozent.

"Wir müssen geduldig sein. Wir werden nicht über Nacht Erfolg haben. So etwas braucht Zeit. Ständig fragt mich jemand: Und?! Wie läuft es auf dem alten Nokia-Campus? Haben sich die 4,5 Millionen Euro, die ihr da reingesteckt habt, amortisiert? Wie viele neue Arbeitsplätze sind entstanden? Wie viel habt ihr vermietet? Ich antworte dann immer: Liebe Leute, bitte habt etwas Geduld. Ich verspreche euch, der neue Business-Park wird ein Erfolg. Aber alles braucht seine Zeit."

Inna nimmt sich ein Lachshäppchen vom Besprechungstisch. Dafür ist immer noch Geld da. Der Quereinsteiger, der seit Anfang Juni im Rathaus das Sagen hat, schaut entgeistert. Am Hungertuch nagen sie in Salo noch nicht. So schnell ist jemand wie er nicht aus der Reserve zu locken. Direkt nach der Schule ging der Ein-Meter-Neunzig-Mann zur finnischen Armee, nahm an Auslandseinsätzen teil. Kosovo, Afghanistan: Inna kennt sich aus mit Krisen. Der finanzielle Aderlass Salos wirkt da fast wie eine Lappalie.

"Wir haben die öffentlichen Ausgaben massiv gekürzt. Insgesamt haben wir seit 2010 800 Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut. Wir haben neue Strukturen geschaffen;  schlankere Strukturen – so wie es Nokia vorgemacht hat. Unsere Philosophie ist ähnlich. Ich bin ein großer Fan von Lean Management. Klar hat die Stadt eine harte Zeit durchgemacht, aber wir haben den Wandel gemeistert. Salo ist wieder auf der Erfolgsspur." 

Lean Management - Schlanke Strukturen

Lean Management – schlanke Strukturen: Davon können sie auch in der Stadtbücherei Salos ein Lied singen. "Die alten Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?"  Sarkasmus in Form eines Zitats des österreichischen Dichters Johann Nestroy: Jaako Lind, der Leiter der Stadtbücherei, hat einen feinen Sinn für Humor.

"It’s a day of silence, I think."    

Ruhig ist es tatsächlich im rosafarbenen Flachbau am Rande der Fußgängerzone. Ziemlich sogar. Nur ein paar Rentner haben es sich auf einem der grauen Sessel im Lesesaal bequem gemacht. Jaako schlendert an ihnen vorbei, ehe er aus dem Fenster schaut: Kein Wunder, dass es so leer ist. Es regnet wieder Bindfäden, wie so häufig in diesem nassen Herbst. Da bleiben viele lieber zu Hause.

"Natürlich waren die letzten Jahre sehr schwierig. Es war schwer, meine Mitarbeiter zu motivieren. Ich weiß noch: Jedes Mal, wenn ich einen Termin im Rathaus hatte, hat mich ein Kollege zur Seite genommen und gefragt: Hast du diese Liste dabei? Und ich so: Welche Liste? Na, die Liste mit den Namen der Angestellten, die sie rausschmeißen wollen? Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. "

44 Angestellte hatte die Stadtbücherei vor fünf Jahren, jetzt sind es noch 36. Das Budget gibt nicht mehr her. Jaako ist zurück in sein Büro gegangen - hinten links, am Ende des Ganges. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Broschüren und Papierkram. Die Bürokratie ist nicht weniger geworden. Erst recht nicht, seitdem seine Bücherei Teil des Bibliothekverbands von Südwestfinnland ist. Aus Kostengründen. Vom Verband stammt auch die neuste Innovation, wie es euphemistisch heißt: Die vollautomatische, elektronische Ausleihe. Es hat unter seinen Kollegen nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt.

"Hier in Salo ist es so: Viele der langjährigen Mitarbeiter sind es nicht gewöhnt, effizient und kostengünstig zu arbeiten. Sie haben noch nicht verstanden, dass sich die Zeiten geändert haben. Manchmal denke ich, es wäre einfacher, eine neue Bücherei zu gründen als die alte umzugestalten. Machen wir uns nichts vor: Es führt kein Weg an weiteren Kostenersparnissen vorbei. Ständig überlege ich: Wo kannst du noch sparen? Brauchen wir die oder die Dienstleistung wirklich? Gibt es weiteren Bedarf etwas umzugestalten?"

Vom Handyhersteller zum Netzwerkausrüster

"Herzlich Willkommen in unserem Nokia Executive Experience Center."

Tönt es - Luftlinie 110 Kilometer von Salo entfernt - aus der Nokia-Zentrale in Espoo, der Trabantenstadt unweit Helsinkis. Dass Corinna Machnow, ihres Zeichens "Engagement Manager", Deutsch spricht, ist kein Wunder: Bis vor fünf Jahren arbeitete sie in München für Nokia, ehe es sie nach Finnland verschlug.

"Wir fangen quasi mit der Zukunft an und arbeiten uns so langsam in die Gegenwart zurück."

Nicht kleckern, sondern klotzen: So lautet nicht nur das Motto der Frau mit den blaugefärbten Haaren, sondern auch das ihres finnischen Kollegen Kai Sahala. Der  Netzwerkspezialist ist in die futuristisch anmutenden Vorführräume gekommen, um zweierlei zu demonstrieren: Dass es Nokia noch gibt. Und die Finnen den Sprung geschafft haben vom Handyhersteller zum Netzwerkausrüster. Ferngesteuerte Roboter, die kabellos Dinge produzieren – per 5 G, der nächsten, superschnellen Mobilfunkgeneration: Bald schon soll das, was Kai Sahala zu Demonstrationszwecken vorführt, weltweit Standard sein. 2019 soll es so weit sein. Nokia will davon profitieren. Deshalb auch der Kauf des französischen Netzwerkbetreibers Alcatel Anfang 2016. Knapp 24 Milliarden Euro hat Nokia letztes Jahr umgesetzt.

"Unsere Wurzeln sind immer noch finnisch. Es ist diese "Lass-es-uns-einfach-tun"-Einstellung. In der heutigen Geschäftswelt darf man sich nicht verzetteln. Dazu ist die Konkurrenz zu hart. Bei Nokia wollen wir Sachen möglichst schnell erledigen – im Team. Das ist, glaube ich, ziemlich Finnisch. Außerdem haben wir unser Lektion gelernt: Wenn wir zu lange am Althergebrachten festhalten wie damals im Handygeschäft und uns im Kreis drehen, kommen wir nicht voran. Wir müssen pragmatisch sein. Egal wie hoch die Hürden sind: Wir müssen sie überwinden. Stillstand können wir uns nicht erlauben."

"Nokia ist immer noch eine wertvolle Marke"

Kai und Corinna haben sich in das Café am Rande des Vorführzentrums gesetzt. Alles vom Feinstem hier. Die Holzmöbel: Selbstverständlich Finnisch; die Lampen aus Birkenholz:  Exklusiv für Nokia hergestellt. Schöne, heile Nokia-Welt. Selbst das neue Nokia-Handy gibt es seit geraumer Zeit wieder zu kaufen – allerdings nicht von Nokia produziert, sondern in Lizenz von HMD. Hinter dem "Home of Mobile Devices" steckt ein Privat-Equity Fond, der die Handys in China montieren lässt. Kai Sahala hat damit kein Problem, im Gegenteil.

"Nokia ist immer noch eine wertvolle Marke. Überall auf der Welt schätzen Menschen Nokia. Uns kommt es gelegen, wenn die Marke Nokia wieder auf Handys prangt – selbst wenn unser Unternehmen sie nicht mehr produziert. Es ist gut aus Imagegründen -  für die Marke und unser Kerngeschäft." 

Finnen, heißt es, sind ziemlich pragmatisch. Pragmatisch und ausgesprochen widerstandsfähig. Kai Sahala schaut von seinem Kaffee hoch. Wohl wahr.

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