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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.06.2009

Handschriften unterm Hammer

Autografen-Auktion in Berlin

Von Dirk Fuhrig

Wachsende Aura alter Handschriften im Computer-Zeitalter. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Wachsende Aura alter Handschriften im Computer-Zeitalter. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

80.000 Euro für ein Liebesgedicht Goethes an Charlotte von Stein war die höchste Summe, die am ersten Tag der Handschriften-Auktion in Berlin erzielt wurde. Das traditionsreiche Auktionshaus Stargardt hat mehr als 1000 Original-Autografen von bekannten Wissenschaftlern, Musikern, Schriftstellern und Schauspielern zur Versteigerung gebracht.

B wie Böll. C wie Chamisso. D wie Charles Dickens. Der Auktionator geht ordentlich in alphabetischer Reihenfolge vor. Buchstabe für Buchstabe, schnell hintereinander weg werden die mehr als 1000 Handschriften an den Meistbietenden versteigert. Fritz Jüttner muss noch ein bisschen warten. Bis zum Buchstaben K. Das von ihm begehrte Stück trägt die Versteigerungs-Nummer 165.

Fritz Jüttner: "Fast will ich’s nicht sagen, weil’s erst noch drankommt. Aber ich sag’s ihnen schon. Klopstock. Eines interessiert mich besonders: Es ist ein Widmungsexemplar des "Messias". Hier ein Exemplar, das Klopstock der Gräfin Augusta Stollberg, der Brieffreundin des jungen Goethe gewidmet hat, seinem Gustchen."

Solange die Nummer 165 nicht aufgerufen ist, solange flüstert der Berliner Germanist im Ruhestand. Denn die Konkurrenz hat gute Ohren. Und wer seine Leidenschaft allzu offen preisgibt, der hat bei so einer Versteigerung schnell verloren - und dann bekäme die private Klopstock-Sammlung zu Hause bei Fritz Jüttner keinen Zuwachs.

Ein Brief von Bertolt Brecht findet keinen Käufer unter den rund drei Dutzend meist älteren Herren und ein paar Damen. Einige jüngere Leute, Mitarbeiter des Auktionshauses Stargardt, geben die Gebote am Telefon weiter - zum Teil auf Französisch und Italienisch.

Gespannte Ruhe liegt über dem biedermeierlich ausgestatteten Saal Unter den Linden in Berlin. Durch die Fenster blickt man auf die Staatsoper, auf dem Boden liegen dicke Teppiche – schallschluckend. Dominierender Farbton: Altrosa. Es ist ein gediegenes Geschäft, so eine Handschriften-Auktion.

"Es gibt glücklicherweise keine große Anzahl von spekulativen Käufern auf dem Autografenmarkt."

sagt Wolfgang Mecklenburg, der Eigentümer des Auktionshauses, im korrekten dunkelblauen Anzug.

"Das bewahrt uns vor großen Haussen und Baissen, so wie das der Markt für Gegenwartskunst erleiden muss. Auf der anderen Seite nehmen es die Käufer natürlich mit, dass ihre Leidenschaft eine vernünftige ist. Wer heutzutage Autografen kauft, kann sicher sein, wenn er sich nicht hinreißen lässt, sein Geld sehr vernünftig angelegt zu haben."

Im Gegensatz zum Kunstmarkt habe es keinen Einbruch wegen der Wirtschaftskrise gegeben. Das Antiquariat Stargardt ist eines der wichtigsten Versteigerungshäuser für Autografen weltweit. Es wurde 1830 gegründet und befindet sich seit 1885 im Besitz der Familie Mecklenburg. Alle acht Monate kommen bei Stargardt zwischen 100 und 1300 Manuskripte auf den Markt.

Die Auktion scheint gut zu laufen. Häufig werden Preise geboten, die weit über dem im Katalog angegebenen Schätzwert liegen. Ein Gedicht von Rilke in französischer Sprache wechselt für 5500 Euro den Besitzer, ein … Marquis de Sade – obwohl nur auf 1600 geschätzt – geht für 3100 Euro weg. Ein Entwurf Uwe Johnsons zu den Jahrestagen: mit 3200 Euro fast das Dreifache des Schätzwerts. Und auch ein Brief Schillers an seinen Freund Christian Körner erzielt mit 30.000 Euro 50 Prozent mehr als veranschlagt.

Den größten Umsatz an diesem Vormittag beschert allerdings die Original-Handschrift des Frankfurter Dichterfürsten: 80.000 Euro zahlt ein Bieter aus Frankreich für das Liebesgedicht "Der Becher" an Charlotte von Stein – am Seitenrand findet sich die komplette Übersetzung der romantischen Verse ins Französische.

Viele Privatsammler sind zur Versteigerung nach Berlin gekommen, die um einer Original-Handschrift willen ein paar Hundert oder Tausend Euro investieren. Aber auch Vertreter wissenschaftlicher Institutionen. Wolfgang Mecklenburg kennt die diskreten Abgesandten des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar oder des Literaturarchivs Marbach. Auch Einkäufer großer Bibliotheken sind dabei. So wie die Dame, die ihr Bieter-Schild für Auktionsnummern 211-214 hebt, Gedichte und Briefe August von Platens:

"Ich komme von der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Das sind Stücke, die Platen während seiner Erlanger Studienzeit geschrieben hat und in denen er sich um die Zuneigung eines jungen Mannes bemüht, aber abgewiesen wird. Das war der Grund, warum Platen Erlangen verlassen hat. Deshalb sind wir an diesen Briefen interessiert."

Handschriften – das klingt heute, wo fast jeder Schriftsteller seine Gedanken direkt in den Computer tippt – nach einem aussterbenden Medium. Aber vielleicht gerade deshalb besitzen eigenhändig mit Feder oder Bleistift geschriebene Buchstaben und Sätze eine ganz besondere Aura. Und: alte Schriften riechen.

Abgesehen von der wissenschaftlichen Bedeutung und dem steigenden finanziellen Wert einiger Manuskripte: Eine Sammel-Leidenschaft lässt sich kaum in Worte fassen. Der Berliner Germanist Fritz Jüttner jedenfalls ist glücklich: Sein Klopstock-Archiv wird um zwei Stücke reicher:

"Mir liegt sehr viel daran, Ihnen das ins Mikrofon sagen: Die Dinge, auf die ich besonders erpicht war, die habe ich bekommen. Also jenes Widmungsexemplar von Klopstocks "Messias"… Und meine Freude war so groß, dass sie mich gleich auch noch zum Erwerb eines wichtigen Klopstock-Briefes getrieben hat."

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