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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2011

Handlungsreisender in einer Grenzregion

Drago Jancar: "Nordlicht", Folio, Wien 2011, 240 Seiten

Für Drago Jancar ist das Nordlicht Vorbote für den Zusammenbruch des alten Europas. (Andreas Jacobsen)
Für Drago Jancar ist das Nordlicht Vorbote für den Zusammenbruch des alten Europas. (Andreas Jacobsen)

Maribor, im Winter 1938: Ein Polarlicht erscheint am Nachthimmel und verwirrt die Menschen. Für Drago Jančar ist dieses Spiel der Natur in seinem Roman "Nordlicht" Vorbote für den Zusammenbruch des alten Europas. Das Buch erschien bereits 1990 auf Deutsch und liegt in einer neuen Übersetzung vor.

Wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwinds auf die Polargebiete der Erde treffen, was gelegentlich vorkommt, lässt sich in der Dunkelheit ein greller Feuerschein beobachten. Ein solches Polarlicht soll in einer Winternacht des Jahres 1938 am nördlichen Himmel über Maribor erschienen sein und die Menschen verwirrt haben. In "Nordlicht", einem Roman des slowenischen Schriftstellers Drago Jančar ist dieses Spiel der Natur Vorbote für den Zusammenbruch des alten Vorkriegseuropas und den Triumph der totalitären Mächte.

"Nordlicht" spielt im Winter 1938 in der slowenischen Stadt Maribor. Bevor sie 1918 dem neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen einverleibt worden war, hatte sie unter dem Namen Marburg an der Drau zur Habsburger Monarchie gehört. Zwei Jahrzehnte nach seiner deutschen Erstausgabe ist der Roman neu übersetzt von Klaus Detlef Olof bei Folio erschienen.

Erzählt wird die Geschichte des Handlungsreisenden Josef Erdmann, eines teilweise in Marburg aufgewachsenen Österreichers. Erdmann, der ohne Leidenschaft Laborgerät verkauft und sich ansonsten fantastischen Theorien über die prekäre Weltlage hingibt, kommt am Neujahrstag 1938 in Maribor an, um sich mit einem Geschäftspartner zu treffen, die nie auftaucht. In der diffusen Sehnsucht nach seiner frühen Kindheit durchstreift er wochenlang die Stadt, verliert sich im Alkohol und bringt sich dabei um ein Haar um den Verstand.

Erdmann findet Anschluss an die slowenisch-deutsche Oberschicht der Stadt und beginnt eine Affäre mit Marjetica, der Gattin eines Textilingenieurs und Mietshausbesitzers. Zugleich verbrüdert sich Erdmann in den Kaschemmen der Stadt mit den Entwurzelten und Gedemütigten. Sein zielloses Treiben erregt in der politisch unruhigen Grenzstadt bald die Aufmerksamkeit der Polizei, die ihn als potenziellen Unruhestifter bespitzeln lässt, jedoch nichts Handfestes ermitteln kann. Als Erdmanns Geliebte zusammen mit einem ihrer Freunde ermordet wird, gerät der tiefsinnige, aber unpolitische und letztlich unbedarfte Handlungsreisende noch einmal zu Unrecht in Verdacht.

Für eine Zeit landet er in der Heilanstalt von Maribor, dann wird er zu seiner Familie ins österreichische Lienz abgeschoben. Jancar hat seinen Roman aus zwei Blickwinkeln konstruiert. Die Aufzeichnungen Erdmanns werden von einem allwissenden Erzähler ergänzt und in den historischen Zusammenhang eingeordnet - vom Nationalitätenhader im slowenisch-österreichischen Grenzgebiet bis zu den Moskauer Schauprozessen.

Drago Jančar der 1948 in Maribor zur Welt kam, ließ sich für sein Buch in den 1970er-Jahren inspirieren, als er nach einem Konflikt mit dem Tito-Staat einschließlich Gefängnisaufenthalt in einem Zeitungsarchiv von Maribor mit der Auswertung alter Chroniken befasst war.

"Nordlicht", gespickt mit Details aus der Geschichte Maribors, erweist sich als spannender Roman über das Leben in einer europäischen Grenzregion. Ein lesenswertes Buch, das lange vergriffen war, einer Neuübersetzung allerdings nicht unbedingt bedurft hätte. Auch die alte Fassung hatte ihren Reiz.

Besprochen von Martin Sander

Drago Jančar: Nordlicht
Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof
Folio, Wien 2011
240 Seiten, 22,90 Euro

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