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Zeitfragen | Beitrag vom 25.03.2020

Hamstern in der vernetzten WeltwirtschaftWovor haben wir Angst?

Ein Kommentar von Arno Orzessek

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Ein junger Mensch sitzt maskiert mit einer Gasmaske auf einer Couch und blickt ins off, während sich auf dem Tisch das Klopapier stapelt. (Unsplash/Erik Mclean)
Die Gasmaske sitzt, das Klopapier steht bereit - das Schlimmste kann kommen. Hinter der Irrationalität der Hamsterkäufe steckt aber auch eine rationale Angst, sagt Arno Orzessek. (Unsplash/Erik Mclean)

Ohne Hamsterkäufe keine leeren Regale, ohne leere Regale keine Hamsterkäufe. In der irrationalen Angst vor Versorgungsengpässen spiegelt sich ein Misstrauen in die Stabilität des globalen Warenverkehrs, meint Arno Orzessek.

Es ist in Zeiten von Corona nicht nur ein deutsches Phänomen: In den Niederlanden standen vor der Schließung der Coffee-Shops Marihuana-Hamsterer in Schlangen an. In der Türkei wurde das populäre "Kolonya" zur Mangelware – das Pendant zum Kölnisch Wasser, das mit 80% Alkohol desinfizierend wirkt. In Italien haben sich die Weinregale geleert. Unterdessen werden Reis und Nudeln weltweit gehortet. Und in vielen Ländern ohne Bidet-Kultur decken sich die Leute genauso rege mit Klopapier ein wie in Deutschland, wo es ironisch zum "weißen Gold" geadelt wird, obwohl es eigentlich an Rollen nicht fehlt.

Denn ohne Hamsterkäufe gäbe es keinen Grund für Hamsterkäufe. Das ist ja die Ironie der Geschichte: Dass es einen echten Versorgungsmangel, der für leere Regale sorgen würde, gar nicht gibt, sondern nur leere Regale aufgrund der plötzlich-massenhaften Hortung bestimmter Waren des alltäglichen Bedarfs.

Die Mutter aller Ängste

In den Hungerwintern des Ersten Weltkriegs und nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Menschen buchstäblich um ihr Überleben gehamstert – und Hunderttausende vergeblich. Was tiefe Spuren in der kollektiven Psyche hinterlassen hat: Vorratskeller und dickbauchige Kühltruhen mitten im Wirtschaftswunderland.

Das Coronavirus verändert unseren Alltag und zwingt Menschen zum Handeln. Wir begleiten beides mit unserem Podcast "Coronavirus - Alltag einer Pandemie". Deutschlandradio / Bildmaterial: CDC

In der Coronakrise nun ist die Angst vor dem Virus die Mutter aller Ängste, gewiss größer als die Angst vor Versorgungsengpässen. Aber die bisher völlig unbegründete Angst, dem Virus könnte der Mangel auf dem Fuß folgen, hat viele schneller befallen als das Virus selbst. 

Die Risiken der weltweiten Vernetzung

Warum ist das so? Auch ohne Makro-Ökonomie studiert zu haben, dürften viele ahnen, dass es eine volkswirtschaftliche Frage gibt, die durch Corona akut geworden ist: Welche Risiken birgt im Krisenfall die weltweite Vernetzung unserer Versorgungskanäle?

Solange der Warenfluss ungehindert strömt, lassen sich Vorräte auf allen Ebenen gering halten. Man kauft sich etwas, wenn man es braucht, denn es ist da. Betriebswirte sprechen im Blick auf die Industrie von "just-in-time"-Produktion: Alle Teile werden möglichst erst im Moment ihrer Weiterverarbeitung angeliefert. Denn Lagerhaltung kostet.

Aber jetzt fehlen in Deutschlands Kliniken zum Beispiel Schutzmasken. Der Nachschub, vor allem aus China, stockt. Und deshalb schlägt, wie die FAZ unterstrich, "die Stunde der Globalisierungskritiker".

Die Hungersnot kommt nicht - eher schon die Handy-Not

Wenn es ganz hart kommt, könnte sich die EU, und damit auch Deutschland, mit Agrar-Produkten vielleicht so weit selbst versorgen, dass keine akute Hungersnot ausbräche. Jedenfalls nicht so bald. Insgesamt litt die EU schon immer eher an landwirtschaftlicher Überproduktion als an Unterversorgung, Milch- und Butterberge wurden sprichwörtlich.

Coronavirus-NewsletterAber es braucht weit mehr, um das gewohnte Zivilisationsniveau zu halten: medizinische und digitale Infrastruktur, sichere Energie- und Wasserversorgung, Millionen technische Einzel- und Ersatzteile. Klopapier könnten wir auch noch kaufen, wenn die weltweiten Handelsnetze reißen würden – aber keine Handys, keine Laptops, keine Fahrräder, keine Autos, eben kaum ein Gerät, das aus diversen Einzelteilen zusammen gebaut wird.

Der Staat hamstert selbst

Insofern spiegelt das unvernünftige Hamstern im Kleinen eine durchaus vernünftige Besorgnis wider angesichts der Störungen in den globalisierten Warenströmen. Die Bundesregierung rät – etwa in Person von Agrarministerin Julia Klöckner – dringend von Hamsterkäufen ab. Doch der Bund hält für den äußersten Fall selbst an 150 geheimen Orten fast 800.000 Tonnen Getreide sowie 125.000 Tonnen Reis und Hülsenfrüchte vorrätig.

Unser Staat ist der größte Hamsterer. Er hat für den Fall der Fälle einen gigantischen Vorrat angelegt. Was uns beruhigen könnte. Aber die Fahrzeuge, die die Vorräte verteilen müssten, blieben auf der Strecke, wenn es keine Ersatzteile mehr gibt.

Die Beunruhigung darüber dürfte bleiben, auch wenn die Coronakrise überwunden sein wird.


Arno Orzessek kommt in seinem Kommentar auch auf die Hamsterjahre nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu sprechen - ein Hinweis darauf, dass auch das Hamstern eine Geschichte hat. Dieser widmet sich unser Autor Michael Hollenbach in einem eigenen Beitrag. Darin erfahren wir: In den Nachkriegsjahren gehörte das aus der Not geborene Hamstern für die Stadtbewohner zum Überlebenskampf. In sogenannten Hamsterzügen fuhren Berliner nach 1945 ins Umland und hamsterten. Einen Ring oder eine Kette oder einen Band Goethe gegen Kartoffeln oder Butter.

Eigentlich ist Hamstern ein uraltes Phänomen: Schon in biblischen Zeiten legten die Menschen in den sprichwörtlichen "sieben fetten Jahren" Vorräte für die mageren Jahre an. Im 20. Jahrhundert wurde die Versorgung immer besser – ausgenommen in Kriegszeiten. Die hinterließen Spuren in der Nachkriegsgesellschaft: davon zeugen die Vorratskeller in den 1950-er Jahren trotz Wohlstand und Wirtschaftswunder. Als dann in der Zeit des Mauerbaus 1961 die Bundesregierung in Bonn aufrief, Vorräte anzulegen ("Aktion Eichhörnchen"), hielten die meisten das aber nicht mehr für nötig. Für den Historiker Jonathan Voges ist Hamstern ein Zeichen von gesellschaftlicher Unsicherheit: Man wolle sich unabhängig machen von der Außenwelt.

Hören Sie hier den ganzen Beitrag von Michael Hollenbach:

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