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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.08.2016

Hamburger WohnungsmarktMieter wehren sich gegen hohe Neubauten

Von Axel Schröder

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(picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Altbauten mit begrünten Innenhöfen in Hamburg-Winderhude (picture alliance / dpa / Markus Scholz)

Hamburg braucht neuen Wohnraum. Der entsteht, indem einstöckige Gebäude abgerissen und durch Vier- oder Fünfgeschosser ersetzt werden. Und Brachland wird zu Bauland. Gegen diese sogenannte Nachverdichtung regt sich Widerstand in der Bevölkerung.

Der Innenhof ist ein Idyll. Unter alten Bäumen spielt ein Dutzend Kinder Fußball zwischen Wäschestangen. Nur ganz hinten im Hof begrenzt ein Dutzend Garagen die weite Rasenfläche. Vier Stockwerke hoch sind die rotbraun verklinkerten Häuser im Carée am Moorkamp in Hamburg-Eimsbüttel. 350 Menschen leben hier, viele junge Familien mit Kindern. Sie fürchten, dass die Idylle bald zerstört werden könnte:

"Was schon geplant ist, sind zwei große Blöcke, die hier in die Mitte des Hofes kommen. Wo rechts und links zwar noch Zufahrten für die Feuerwehr dann letztlich bleiben. Aber spielen wird da keiner mehr können. Es ist dann einfach zu. Das ist das Problem!"

Wohnungsbaugesellschaft: Nachverdichtung ist Verbesserung für Kinder

Vier Stockwerke hoch sollen auch die neuen Bauten im Hof werden, dazu kommen noch zwei so genannte Kopfbauten, also Anbauten an die bestehenden Gebäude. Und auch die Dachstühle sollen ausgebaut werden. Gegen das Projekt wehrt sich die Anwohner-Initiative. Ein kleiner Film vom Leben im Hof wurde gedreht, mit Kindern, die über ihre Ängste und Sorgen angesichts des Bauprojekts sprechen. Aber diese Sorgen seien ganz unbegründet, findet Thomas Niemuth, Geschäftsführer der Hamburger Wohnungsbaugesellschaft Rebien. Denn dort, wo heute die Garagen im Innenhof stehen, würde am Ende eine neue Rasenfläche zum Spielen einladen:

"Wenn wir den Innenhof nachverdichten, gehen circa 800 Quadratmeter überbaute Fläche weg. Gleichzeitig wird aber die derzeit nicht nutzbare Fläche als Nutzfläche aktiviert und letzten Endes bepflanzt und auch bespielbar gemacht. Wir beabsichtigen zwei neue Spielplätze. Sodass das für die Kinder an der Stelle ein spielwertmäßige Verbesserung darstellt."

Die Initiative der Hausbewohner will von dieser "spielwertmäßigen Verbesserung" aber nichts wissen. Die alten Bäume würden abgeholzt werden, der Charme des Innenhofs verloren gehen. Außerdem würden die Wohnungen in den unteren Geschossen noch mehr verschatten als heute schon.

Das Beratungsnetzwerk "Mieter helfen Mietern" bestätigt: Das Projekt "Moorkamp" ist für Hamburger Verhältnisse ein sehr drastisches Beispiel für Nachverdichtung. Der besondere Umfang des Projekts ist auch dem Bezirk bewusst, der über einen Bauantrag entscheiden muss, erklärt Hamburgs Senatorin für Stadtentwicklung Dorothee Stapelfeldt:

"Der Bezirk kümmert sich auch um diesen Fall. Und letztendlich geht es immer um die Abwägung von verschiedenen Interessen. Natürlich brauchen wir auch in solchen Bereichen Verdichtungsmöglichkeiten. Ob das in diesem Fall in die eine oder andere Richtung ausgenutzt werden soll, das wird man sich vor Ort nochmal genau anschauen müssen. Aber natürlich ist das der ganz klassische Fall."

Nachverdichtung und Mietpreisbremse bisher wirkungslos

Seit Ende der Achtzigerjahre wächst die Einwohnerzahl der Hansestadt. Zunächst wurde an den Randbezirken, auf einstigen Wiesen und Brachen neu gebaut, heute suchen die Stadtplaner nach den Lücken in Hamburgs Zentrum. 23 Personen leben hier heute auf einem Hektar Stadtfläche. In Berlin sind es 39, in Wien 41 und in München sogar 45 Menschen. 70.000 Wohnungen könnten durch die Nachverdichtung der städtischen Wohnquartiere entstehen, so Dorothee Stapelfeldt. Je mehr Wohnungen entstehen, desto weniger würden die Preise pro Quadratmeter steigen.

Zusätzlich soll die im letzten Jahr beschlossene Mietpreisbremse den Anstieg entschleunigen. Bislang zeigen beide Instrumente allerdings noch keine nachhaltige Wirkung. Die Mieten steigen weiter. Beim Nachverdichtungsprojekt "Moorkamp" sind bislang keine Wohnungen mit Sozialbindung vorgesehen. Die Wohnungsbaufirma Rebien will bislang Mieten zwischen 13 und 15 Euro pro Quadratmeter erzielen. Ob der Plan aufgehe, wisse er noch nicht, erklärt Geschäftsführer Thomas Niemuth.

"Hier ist es letzten Endes die Verhandlung mit der Behörde, welchen Anteil von Sozialwohnungen oder Wohnungen mit Mietpreisbindung wir belegen müssen."

Anwohner verlangen Kompromiss

Würden tatsächlich auch Sozialwohnungen in ihrem Hinterhof entstehen, dann würde die Anwohner-Initiative dem Projekt "Moorkamp" in jedem Fall positiver gegenüber stehen. Natürlich sei es aber am besten, auf die Innenhofbebauung ganz zu verzichten und sich mit den zwei Kopfbauten und dem Ausbau der Dachgeschosse zu begnügen, findet Dirk Jung, der schon seit Jahren hier lebt:

"Der Vermieter hat ja auch ein finanzielles Interesse an dieser Anlage. Das finde ich auch total legitim. Nur wir haben als Mieter eben auch Interessen. Und ich finde, da muss ein Kompromiss her! Und den kann ich aus den Plänen, die bisher existieren, so überhaupt nicht ablesen!"

Damit steht das Projekt exemplarisch für die immer währenden Konfliktlinien in der Stadtentwicklung. Ohne soziales Engagement hilft auch keine Nachverdichtung, den Wohnungsmarkt entspannen. Ohne soziales Engagement zahlen viele Mieter den Preis für den Gewinn einiger weniger.  

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