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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Hamburg sagt Nein zu Olympia"Bittere Niederlage"

Michael Vesper im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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"Nein zu Olympia" steht beim Schanzenfest in Hamburg auf die Schanzenstraße gesprüht. (dpa / picture alliance / Bodo Marks)
Das war's: Die Olympischen Spiele werden auf absehbare Zeit nicht in Hamburg stattfinden (dpa / picture alliance / Bodo Marks)

Die Hamburger haben sich gegen die Olympischen Spiele in ihrer Stadt entschieden. Für den DOSB-Vorsitzenden Michael Vesper ist das ein Schlag ins Kontor. Es tue ihm leid für die Stadt, sagt er - Olympia hätte viele große Impulse ausgelöst.

Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sieht im Hamburger Nein zu Olympia eine "bittere Niederlage". Im Deutschlandradio Kultur sagte er, die Befürworter der Olympischen Spiele seien offenbar nicht genügend mobilisiert worden. Zum Referendum selbst habe es aber keine  Alternative gegeben, betonte er. Die Zustimmung der Bevölkerung sei Voraussetzung für die Olympia-Bewerbung gewesen. Vesper sagte, es tue ihm für Hamburg leid. Das "größte Sportfest weltweit" hätte in der Hansestadt viele und große Impulse ausgelöst, betonte er.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Nun also doch ein Nein zu einer Bewerbung Hamburgs für Olympia 2024, wenn auch sehr knapp: 51,6 Prozent der Hamburger haben dagegen gestimmt und das, obwohl die Politik der Stadt und der Sport wochenlang dafür getrommelt hatten, und ich vermute, einer der Befürworter war auch Michael Vesper, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes, der ist jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Michael Vesper: Morgen, Frau von Billerbeck! Da vermuten Sie richtig!

von Billerbeck: Haben Sie es nicht schon hundertmal seit gestern Abend bedauert, dass Sie überhaupt das Ganze haben abstimmen lassen oder für diese Abstimmung gewesen sind?

Vesper: Nein, dazu gab es ja keine Alternative. Das war von vornherein klar, das wollte Hamburg, das wollten wir. Wir wollten antreten, wenn wir die Zustimmung der Bevölkerung haben und in einem Referendum auch bekommen würden. Es ist natürlich eine bittere Niederlage – schauen Sie, die Kieler haben mit zwei Drittel Mehrheit ja gesagt, die Hamburger mit einer knappen Mehrheit nein, und dadurch ist das Projekt gestorben.

von Billerbeck: Die Kieler bekamen aber nur Segelboote auf dem Wasser und die Hamburger Riesenbauprojekte und haben da wahrscheinlich was befürchtet. Waren Sie denn sicher, dass die Hamburger doch mehrheitlich dafür stimmen würden?

Olympia wäre nicht nur ein "großes Bauprojekt" gewesen

Vesper: Nein, sicher war ich natürlich nicht, aber ich war schon zuversichtlich, denn wir hatten ja bis in die letzten Tage immer wieder repräsentative Umfragen bekommen. Noch gestern Abend hat ja das ZDF eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen veröffentlicht. Mit 4.000 Befragten, die bei 56 Prozent Zustimmung landete.

Das ist eben dann häufig so, dass die, die dann dafür sind, trotz dieser hohen Wahlbeteiligung, sich nicht haben letztlich alle mobilisieren lassen. Aber es bringt nichts, darüber zu räsonieren.

Ich glaube auch, es ist verkürzt, zu sagen, dass es eben ein großes Bauprojekt war – Olympia ist das größte Sportfest weltweit, das es gibt, das kann sehr große Impulse auslösen, und mir tut es wirklich auch für Hamburg leid, für die ganze Region, dass dieses Sportfest jetzt nicht 2024 stattfinden kann, denn wir hatten ein Superkonzept, das auch international viel Beachtung gefunden hat.

von Billerbeck: Nun hat ja der Spitzensport derzeit nicht so einen guten Ruf, also um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, wir haben eine Menge Dopingfälle, wir erleben, was im Fußball passiert. Die Erfahrungen mit Großbauten, auch in Hamburg – ich sage nur das Stichwort Elbphilharmonie –, die sind ja nun nicht so toll. Da ist es doch eigentlich nicht verwunderlich, wenn die Leute da sagen, na, da bin ich doch lieber vorsichtig, mehrheitlich.

Zu sehen ist eine Foto-Simulation, die ein Stadion und neue Wohnhäuser zeigt. Alles steht im Hamburger Hafen auf der Elbinsel "Kleiner Grasbrook." (picture-alliance / dpa / Kcap / Arup / Vogt / Kunst+herbe)Foto-Simulation: So hätte die Elbinsel "Kleiner Grasbrook" nach dem Willen der Olympia-Planer ausgesehen, wenn Hamburg Ausrichter der Spiele 2024 geworden wäre (picture-alliance / dpa / Kcap / Arup / Vogt / Kunst+herbe)

Vesper: Aber daraus haben wir ja gerade Konsequenzen gezogen: Die Freie und Hansestadt Hamburg, die hat in den vergangenen Monaten Experten darangesetzt, alle Projekte, die mit Olympia verbunden hätten sein müssen, zu berechnen, zu bewerten, auszurechnen, wie viel sie kosten. Sie haben großzügige Kostenvarianten eingebaut für mögliche Risiken, sie haben das in den Preisen von 2024 berechnet, um nur ja nicht wieder in eine Situation zu kommen, dass etwas teurer wird als vorher geplant.

Und wir haben das alles zu einem sehr, sehr frühen Zeitpunkt gemacht: Neun Jahre vor den Spielen, wo es natürlich noch gewisse Unsicherheiten gibt. Das war der Versuch, eine sehr transparente, glaubwürdige und auch von Partizipation geprägte Bewerbung auf den Weg zu bringen, und das ist leider gescheitert.

von Billerbeck: Tja, hat nicht geklappt, muss man sagen. Was heißt denn das nun? Man benutzt ja immer gerne das Wort Sportstandort Deutschland – wie schätzen Sie das ein? Welche Folgen wird diese Nichtbewerbung um Olympia 2024 haben?

Der Sportstandort Deutschland ist nun geschwächt

Vesper: Nun, das ist eine eindeutige Schwächung von Sport-Deutschland, denn Olympia hätte viele Impulse ausgelöst, Olympia hätte den Ehrgeiz angestachelt, auch im Leistungssport wieder besser zu werden, und genau diese Chance ist jetzt mit diesem Ergebnis vertan, aber im Sport ist man es gewohnt, auch Niederlagen einzustecken. Wichtig ist, dass man hinterher sich wieder aufrappelt, und das werden wir tun. Nur, da brauchen wir ein paar Tage für!

von Billerbeck: Das ist klar, man muss jetzt erst mal die Wunden lecken. Aber warum wäre das dann für den Sport eine Niederlage? Ich meine, die Spitzensport machen und gut sind, die fahren ja trotzdem zu den Olympischen Spielen, auch wenn die in Budapest, Paris oder Los Angeles stattfinden.

Vesper: Das ist richtig, aber Spiele im eigenen Land lösen da etwas ganz Anderes, etwas viel Enormeres aus. Da brauchen wir nur nach Großbritannien zu gucken, die 1996 in Atlanta eine einzige Goldmedaille gewonnen haben und dann in Großbritannien selbst nach einem großen Aufholprozess nun ganz vorne im Medaillenspiel gelandet sind.

Die Sportbegeisterung im Land ist sehr stark gestiegen, und wer glaubt, dass man auch ohne erfolgreichen Spitzensport etwas für den Breitensport mehr tun könnte, der irrt. Ich glaube, da gibt es unmittelbare Beziehungen zwischen Spitze und Breite. Das Fundament, auf dem der Spitzensport aufbaut, braucht Vorbilder und braucht auch Erfolge im internationalen Spitzensport.

von Billerbeck: Michael Vesper war das, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes nach der gestrigen Entscheidung der Hamburger gegen eine Olympiabewerbung 2024. Danke Ihnen!

Vesper: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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