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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Hallgrímur Helgason

Friedhof von Flatey, Island

Von Tobias Wenzel

Hallgrímur Helgason auf dem Friedhof der Insel Flatey (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Hallgrímur Helgason auf dem Friedhof der Insel Flatey (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Wieso behauptet Hallgrímur Helgason auf einem Friedhof, der Tod betreffe ihn nicht, und wird kurz darauf eines Besseren belehrt?

Ein Mann steht am Kai. Er trägt einen schwarzen Mantel und einen grauen Hut und blickt zu Boden. Mit einem Arm lehnt er sich an einen Geräteschuppen. Um Halt zu suchen, aber auch, um sich wieder zu sammeln. Langsam sieht der Mann auf zum Breiðafjörður, zu den meterhohen Wellen, die sich weiter draußen im Fjord wild überschlagen. Diesem tosenden Sturm ist er gerade eben entkommen. Der Mann ist keine Romanfigur, sondern der isländische Autor Hallgrímur Helgason:

"Dieser Breiðafjörður ist in Island berühmt-berüchtigt für starke Böen und Wellen und Probleme in der Schifffahrt. Eggert Ólafsson, der bekannteste isländische Dichter des 18. Jahrhunderts, war ein junger, frisch verheirateter Mann, als er in seinem Boot in ebendiesem Fjord in Seenot geriet und starb. Viele Gedichte wurden über diesen dramatischen Tod geschrieben. Ich habe auf dem Boot in Gedanken diese Gedichte rezitiert und mir gesagt: 'Ich bin der nächste! Oh mein Gott!'"

Zwei Tage zuvor betreten Helgason und ich noch bester Laune das Boot in diesem Hafen von Stykkishólmur im Nordwesten Islands, fahren zur kleinen Insel Flatey und übernachten dort in einem Gästehaus.

Am nächsten Morgen stehen wir, beäugt von Schafen, auf einer Anhöhe, zwischen einer strahlend weißen Kapelle und einem überschaubaren Friedhof. Hier liegt in Helgasons Roman "Eine Frau bei 1000°" eine gewisse Schwitze-Gunna begraben.

"Sehen wir mal nach, ob wir ihr Grab finden!"

Es klingt, als glaubte Hallgrímur Helgason selbst daran, auf diesem realen Friedhof tatsächlich auf das Grab seiner fiktiven Romanfigur zu stoßen. Ein Falke sonnt sich auf dem Kreuz des Kirchendachs. Vom Friedhof aus überblickt man den Fjord und auch jene Insel, von der Schwitze-Gunna aus Liebeskummer ins Wasser sprang und starb. Nicht nur in "Eine Frau bei 1000°", auch in anderen Romanen Helgasons ist der Tod äußerst präsent:

"Der Schriftsteller in mir ist jemand anderes als ich. Ich selbst denke nicht über den Tod nach. Für mich hat das Leben nichts mit dem Tod zu tun. Natürlich gehe ich auch mal zu einer Beerdigung. Aber sonst betrifft mich der Tod nicht."

Hallgrímur Helgason auf dem Friedhof der Insel Flatey (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Hallgrímur Helgason auf dem Friedhof der Insel Flatey (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


Am nächsten Tag revidiert sich Hallgrímur Helgason. Nach zwei Stunden turbulenter Rückfahrt zum Festland steht er erschöpft am Kai. Auch ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, bin gerade einmal in der Lage, das Mikrofon auf den Isländer zu richten:

"Es war schrecklich. Ich saß neben dem Kapitän. Riesenwellen sind gegen das Boot geschlagen und haben es fast senkrecht aufgerichtet. Dann ist es wieder heruntergefallen und gegen die nächsten Wellen gekracht. Mein Kopf ist gegen die Decke geprallt, mein Hut war plötzlich ein Schutzhelm. Ein großer Kompass ist auf den Boden gefallen. Dann ging der Feueralarm an. Und der Kapitän hat den Bootsmann gefragt: 'Brennt es im Maschinenraum?' Da habe ich mir gesagt: 'Das ist mein Ende.' Ich dachte an das Romanmanuskript zu 'Eine Frau bei 1000°', das noch nicht auf Isländisch erschienen ist. Ich dachte, der Roman und ich, wir würden beide untergehen. Und jetzt bin ich unendlich froh, hier nun wieder festen Boden unter den Füßen zu haben."

"Hallgrímur Helgason, kirkjugarðurin Flatey, á Breiðafjörður, á Íslandi"


Auf Flatey gibt es nur einen einzigen Weg. Hier begegnen sich alle zehn dauerhaften Bewohner der Insel. Ob sie nun wollen oder nicht. Die Hälfte spricht seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander. Wegen einer Liebesaffäre, heißt es. Ein Inselbewohner möchte wissen, was ich hier mache. Ich erzähle es ihm. Er sieht mich mitleidig an:
"Anstatt Schriftsteller auf den Friedhof zu führen, solltest du mal lieber helfen, Leute dorthin zu tragen."

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