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Fazit | Beitrag vom 11.10.2020

Hallgrímur Helgason über seinen neuen Roman"Isländer sind Gäste im eigenen Land"

Von Tobias Wenzel

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Der isländische Schriftsteller Hallgrimur Helgason. (imago images / gezett)
"Ich habe gerade meine Tragödienperiode. Der Humor ist zwar noch da, aber nicht im Vordergrund", erklärt der isländische Schriftsteller Hallgrímur Helgason. (imago images / gezett)

Hallgrímur Helgason ist mit schrägen Einfällen und Vergleichen ein trotzdem ernster historischer Roman gelungen. In "60 Kilo Sonnenschein" erzählt er die Geschichte des kleinen Gesturs und schildert die Härten beim Wandel des Landes zur Moderne.

Hallgrímur Helgason sitzt als mein Interviewgast in einem Studio in Reykjavík, um über seinen Roman "60 Kilo Sonnenschein" zu sprechen. Die Hauptfigur des Buchs heißt Gestur, was "Gast" bedeutet. Auch der Toningenieur heißt Gestur. Ganz schön viele Gäste auf einmal:

"Ich mag diesen Zufall sehr. Ich habe oft das Gefühl, dass Isländer Gäste im eigenen Land sind und immer mit dem Gedanken spielen, es zu verlassen. Das hat damit zu tun, dass Island erst um 900 bevölkert wurde. Das fühlt sich an wie vor Kurzem. Ich vergleiche das mit einem Campingplatz: Wir haben hier praktisch nur ein paar Nächte verbracht. Das Gefühl, ein Neuling oder ein Gast in dieser Landschaft zu sein, haben wir bewahrt."

Ein durchaus ernster historischer Roman

Die Landschaft im Roman "60 Kilo Sonnenschein" ist zu Beginn orientierungslos weiß. Heftige Schneefälle und auch Lawinen haben um 1900 die ganze Gegend um den fiktiven nordisländischen Fjord Segulfjörður bedeckt, hinter dem man unschwer den realen Fjord Sigluförður als Modell erkennt.

Eilífur hat unter tagelangen Mühen Mehl für seine Familie besorgt. Aber als er an Heiligabend zurückkehrt, ist seine Hütte unterm Schnee begraben; seine Frau und seine sind Tochter tot. Nur sein zweijähriger Sohn Gestur hat überlebt, weil er über die Zitzen einer Kuh Milch getrunken hat.

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Im Roman folgen wir Gestur, der zwei Ziehväter bekommt und nach Frankreich verschwindet, aber bald nach Island zurückkehrt und - selbst noch ein Jugendlicher - für ein Kind sorgt, bis Hallgrímur Helgason, der auch Maler ist, die Landschaft wieder weiß tüncht.

Ein durchaus ernster historischer Roman also, der eine Überraschung für diejenigen Leser sein dürfte, die bei Helgason an den pornosüchtigen Hlynur aus dem Roman "101 Reykjavík" denken oder an den Auftragskiller Toxic, der in der Rolle eines Predigers Island betritt, im Roman "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen".

Schräge Einfälle und kuriosen Vergleiche

"Die Reise eines Schriftstellers verläuft von der Komödie bis zur Tragödie und dann vielleicht wieder zurück. Und ich habe gerade meine Tragödienperiode. Der Humor ist zwar noch da, aber nicht im Vordergrund", erklärt Hallgrímur Helgason.

Diese berührende Geschichte über eine Gegend, die durch den Boom der Heringsfischerei in wenigen Jahren praktisch aus der Steinzeit in die Moderne katapultiert wird, wird aufgrund des Humors aber nie langweilig, denn da sind Helgasons schräge Einfälle - bei einer Beerdigung stirbt ein Pfarrer durch einen Sturz ins Grab -, oder seine kuriosen Vergleiche, etwa wenn es heißt, dass ein zerstörtes menschliches Auge "wie der schneewehenkalte After eines Schafs" aussieht. Darauf muss man erst einmal kommen. Genauso wie auf die durchgedrehten Visionen, die gleich mehrere der Romanfiguren haben: 99 Forellen fliegen durch die Luft und Gestur verschmilzt mit der Sonne. "In Island ist viel Raum für Visionen", sagt der Autor dazu. "Das Land ist dünn besiedelt. Und wenn man den weiten Horizont betrachtet und kein Mensch zu sehen ist, dann erweckt das wohl Visionen im Kopf."

Augenzwinkernde Kritik am heutigen Island

Einfühlsam vermittelt uns Helgason, wie die oft bitterarmen Menschen, die teilweise im selben Raum wie ihre Kuh schliefen, diesen raschen Übergang in die Moderne erlebt haben dürften. Spannend ist, dass Helgason in diesem eigentlich historischen Roman hier und da das heutige Island kritisiert, wenn auch augenzwinkernd gebrochen.

So heißt es im Roman, wenige Nationen hätten größere Feiglinge hervorgebracht als die Isländer. In der Szene stürzt der betrunkene Pfarrer Jón in der Kirche und bleibt liegen. Und weiter:

"Es verging eine längere Zeitspanne, in der sich nichts regte, weder der Zug um den Mund des Kirchendieners noch die Gläubigen in den Bankreihen; bis der Pfarrer zu schnarchen begann. Die Gemeinde verfolgte geduldig das Programm. Nicht einmal Séra Jóns zierliche Frau stand auf. Die Leute gestanden es ihrem Pastor unbedingt zu, ein Schläfchen zu halten, wenn er denn eins nötig hatte."

Ein großer Wurf, besser: ein großer Fang

"Ich fürchte, das ist sehr typisch für Isländer. Ich war in Island auf so vielen Partys und Empfängen. Und wenn da ein Betrunkener in einer Ecke schockierende oder verrückte Dinge gemacht, sich zum Beispiel auf seinen Teller übergeben hat, haben alle so getan, als ob der Betrunkene nicht da gewesen wäre. Es hat mich immer geärgert, dass Menschen die Wahrheit sehen, aber sich nicht trauen, sie auszusprechen", sagt Hallgrímur Helgason.

Dem Schriftsteller ist mit "60 Kilo Sonnenschein" ein großer Wurf gelungen. Man möchte fast sagen "ein großer Fang", mit Blick auf die Szene, in der die an der Küste abgeladenen Heringe so sehr in der Sonne funkeln, dass sie wie die Sonne selbst erscheinen.

Hallgrímur Helgason: "60 Kilo Sonnenschein"
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Tropen Verlag, Berlin 2020
570 Seiten, 25 Euro

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