Seit 20:00 Uhr Nachrichten

Dienstag, 19.03.2019
 
Seit 20:00 Uhr Nachrichten

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.01.2011

Haiti - Kultur ein Jahr nach der Katastrophe

Von Peter B. Schumann

Podcast abonnieren
Blick auf eine zerstörte Kathedrale in Port-au-Prince, Haiti. (AP)
Blick auf eine zerstörte Kathedrale in Port-au-Prince, Haiti. (AP)

Dienstag, 12. Januar, 16:53 Uhr, ein Erdbeben der Stärke 7,3 erschüttert den Westen Haitis, wo 45 Prozent der Bevölkerung des Landes wohnen. Die Hälfte der Gebäude fällt wie Kartenhäuser zusammen.

Manche Orte wie Léogâne werden zu 90 Prozent zerstört. In einem Video zieht Arnold Antonin kurz nach dem Erdbeben eine vorläufige Bilanz der unvorstellbaren Verwüstungen:

"In Port-au-Prince stürzt sogar der Nationalpalast ein, das Symbol der Macht und des Stolzes der Haitianer. Zerstört werden außerdem der Justiz-Palast, das Parlament, zahlreiche Ministerien, Museen, Galerien, Kulturzentren, die Kathedrale und die meisten katholischen Kirchen. Auch der Sitz der Friedensmission der UNO bricht zusammen und begräbt den Führungsstab."

"Chronik einer angekündigten Katastrophe" hat Arnold Antonin dieses erste filmische Zeugnis eines haitianischen Regisseurs genannt. Denn jahrelang – so zeigt er – hat ein berühmter Geologe des Landes vor einem baldigen Erdbeben gewarnt und sofortige Vorkehrungen gefordert. Aber die Regierung reagierte nicht. Die Folge ihres Versagens ist eine Tragödie: der Tod von wenigstens 250.000 Haitianern, Fachleute halten sogar eine halbe Million Opfer für möglich. Mehr als eine Million Menschen wurden obdachlos und dürften es noch für unabsehbare Zeit bleiben. Auch die Schäden für die Kultur sind dramatisch, besonders für die bildende Kunst. Der Schriftsteller Louis-Philippe Dalembert kurz nach der Katastrophe:

"Das Gebäude der Stiftung Nader ist eingestürzt, sie ist mit 12.000 Bildern die größte Privatsammlung. Auch das Centre d'Art, das Zentrum der naiven haitianischen Kunst, wurde zerstört. Werke von all unseren Künstlern wurden hier gesammelt. Das staatliche Museum der haitianischen Kunst wurde schwer beschädigt. Doch viele kostbare Fresken in den Kirchen sind für immer verloren. Das koloniale Zentrum der Stadt Jacmel ist zu 60 Prozent zerstört. Es war erst vor einigen Jahren restauriert und reaktiviert worden."

Inzwischen ist bekannt, dass ein Großteil dieser Sammlungen gerettet und erst mal in Containern untergebracht werden konnte. Die UNESCO bemüht sich zusammen mit großen internationalen Stiftungen, die Kunstschätze und Kulturdenkmäler zu sichern und zu restaurieren. Vieles ist für immer verloren. Dennoch sorgt Kultur gerade dort für etwas Abwechselung, wo der Schmerz am größten ist und das Leben auf der untersten Existenzstufe stattfindet: in den riesigen Zeltstädten. Regisseur Arnold Antonin:

"Vielerorts findet eine Art kultureller Animation statt: Spiele und Lesungen für Kinder, Liederabende, Diskussionsforen ... Vereinzelt wurden Bildwände aufgestellt, wo Videos für Kinder, Unterhaltungsprogramme und Filme laufen, auch einer meiner Spielfilme. 'Kino unter den Sternen' heißt diese Aktivität. Sie wird von der Friedensmission, von Botschaften und vor allem vom französischen Kulturinstitut unterstützt, das französische und haitianische Filme aufführt in den Lagern und in verschiedenen Städten."

In diesem Monat veranstaltet das Brasilianische Kulturinstitut noch ein internationales Kurzfilmfestival, und dabei sollen auch haitianische Beiträge ausgezeichnet werden.

In einem der Lager ist eine Theatergruppe aktiv. Sie wird von der internationalen Hilfsorganisation OXFAM gefördert. Junge Frauen agieren unter einem Zeltdach umringt von einer großen Menge Obdachloser. Sie beklagen zunächst den Verlust ihrer Lieben. "Aber trotz allem" – so sagen sie dann – "muss das Leben weitergehen, wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen".

Dieuvela Etienne, die Koordinatorin: "Hier können die jungen Leuten ihren Frust, ihr Leid, ihre Wünsche und Träume ausdrücken und mit anderen Menschen darüber kommunizieren. In diesem theatralen Umfeld können sie sogar Präsident oder Superstar werden. Gerade für traumatisierte Menschen ist das äußerst wichtig."

Auf internationale Hilfe ist die haitianische Kultur heute mehr denn je angewiesen, denn bei der weitgehenden Zerstörung der Hauptstadt Port-au-Prince wurde auch die kulturelle Infrastruktur größtenteils vernichtet. Die französische Organisation Bibliotheken ohne Grenzen hilft beim Wiederaufbau. Direktor Patrick Weil:

"Wir haben zuerst damit begonnen, die brauchbaren Bestände an Büchern und die Archive mit seltenen historischen Dokumenten zusammen mit internationalen Spezialisten zu sichern. Dann haben wir die nicht zerstörten Bibliotheken wieder eröffnet und schließlich in den Lagern mobile Bücherstände eingerichtet. Von den zwölf Bibliotheken der staatlichen Universität wurden elf vernichtet. Wir wollen eine zentrale Einrichtung mit Hunderttausenden von Bänden schaffen mit Hilfe französischer Bibliotheken."

An internationalem Willen fehlt es nicht und auch nicht an der Kreativität der Haitianer. Aber es wird Jahre dauern, bis sie das Land wieder in ein Kulturzentrum der Karibik verwandelt haben.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKein Bruderkuss für Russlands Schwule
Mauer-Graffiti des Lithauischen Künstlers Mindaugas Bonanu eines Bruderkusses zwischen Trump und Putin am Restaurant Keule Ruke in Vilnius, Lithauen (EPA)

Laut der Publizistin Masha Gessen kennt in Russland niemand einen Schwulen persönlich. Dies erzählt die lesbische Autorin im Interview mit der "SZ". Als Rache für das Konfiszieren eines ihrer Bücher hängt jetzt ein schwuler Papier-Putin in ihrer Küche. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 12Von Wilmersdorfer Witwen und kämpferischer Kultur
Die legendären "Wilmersdorfer Witwen" im Musical "Linie 1" des Grips-Theaters. (David Baltzer / bildbuehne.de / Grips Theater)

Das Berliner Grips-Theater wird 50 Jahre alt. Ist sein Erfolgsmusical „Linie 1“ noch aktuell? Ein Selbstversuch mit drei Generationen. Außerdem: Lässt sich das Theater in einen von rechtsnationalen Kräften erklärten „Kulturkampf“ verwickeln?Mehr

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur