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Lesart | Beitrag vom 08.10.2018

Hagar Peeters: "Malva"Pablo Neruda, ein miserabler Vater

Von Manuela Reichert

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(Wallstein Verlag/ Everett Collection/ Picture Alliance)
Hagar Peeters: "Malva", im Hintergrund: Pablo Neruda. (Wallstein Verlag/ Everett Collection/ Picture Alliance)

Der große Dichter Pablo Neruda verschwieg und verdrängte seine Tochter Malva. Sie starb im Alter von acht Jahren. Nun kehrt sie als Protagonistin eines Romans zurück und klagt ihren Vater an.

"Die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos." Es gibt einen Terminus für dieses Verhalten: "Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen; Sie kom­men damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken."

Ein besonders heftiger und widerlicher Fall ist der des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda, der zwar antifaschistische Gedichte schrieb, aber Himmel und Hölle in Bewe­gung setzte, damit seine erste Frau in Holland den Nazis und den Bomben ausgeliefert blieb. Ebenso wie die gemeinsame kleine Tochter, um deren Wohlergehen er sich nicht kümmerte, für die er kein Geld schickte. 

Nerudas tote Tochter lebt in diesem Buch weiter

Er hatte ihr einen schönen Blumennamen gegeben, als sie 1934 in Madrid geboren wurde: Malva. Aber das Kind war keine schöne Pflanze, sondern behindert, mit einem Wasserkopf geboren. 

Die holländische Autorin hat dieser totgeschwiegenen Dichtertocher, die 1943 im holländi­schen Gouda bei Pflegeeltern starb, ein eindrucksvolles und ungewöhnliches Buch gewidmet. Die Geschichte des ungeliebten Kindes, der verschwiegenen Behinderten erzählt Malva hier selber aus dem Jenseits: Sie ist "eine vergessene Verstorbene und zugleich eine allwissende Weiterle­bende".

Viele Schriftsteller vernachlässigten ihre Kinder

Und sie ist nicht alleine: An ihrer Seite im Totenreich sind neben der (ins Irrenhaus gesperrten) Tochter von James Joyce auch der mit Down-Syndrom auf die Welt gekommene Sohn von Arthur Miller, der gleich nach der Geburt ins Heim gegeben und vier­zig Jahre verschwie­gen wurde – und Oskar Matzerath aus der Blechtrommel, der seinem Schöpfer­vater Grass das Ver­schweigen der Mitgliedschaft in der Waffen SS nicht verzeihen kann.

Malva erzählt von der kurzen und unglücklichen Liebe der Eltern auf Java, dem Verrat des Vaters, dem Hinsiechen der Mutter. Sie kann die Vergangenheit lebendig werden lassen und in die Zukunft sehen. Und sie hat im Reich der Toten kluge Stichwort- und Ratgeber: Die polnische Dichterin Wislawa Szymborska, Sokrates, Goethe, Roald Dahl, der für seinen behinder­ten Sohn, ein spezielles Röhrchen mit Ventilklappe erfunden hatte, um Hirnwasser abzupumpen. Sie alle sind Freunde der Neruda Tochter, der im Leben nicht zu helfen war, die aber im Tod begehrt ist. Auch die verlassenen Kinder von Gauguin würden gerne an ihrem Tisch sitzen und der hochbegabte, angeblich schizophrene Sohn von Albert Einstein. Der große Wissenschaftler weigerte sich für die Sanatoriumskosten aufzukommen und brach jede Verbindung zum Sohn aus erster Ehe ab. 

Neruda: Ein großer Liebender und miserabler Vater

Hagar Peeters lässt ihre Protagonistin über die Zeiten und Kontinente schweben, sie entwirft das Bild eines moralisch-fragwürdigen Dichterhelden, der seine Frauen zurückließ, wenn sie nicht mehr passten, dem jedoch nie in den Sinn gekommen wäre, seine private mit der politi­schen Moral in eine Waagschale zu werfen. Es gibt in diesem sich grandios über alle dramaturgi­schen Regeln hinwegsetzenden Roman jedoch keine platten Urteile. Neruda war auch ein großer Liebender. Und er war eine wichtige öffentliche Person in Chile. Der Trauer­zug nach seinem Tod wird zu einer letzten großen Demonstration gegen die chilenische Junta. In dieser Beschreibung mischt sich denn auch die Lebensgeschichte der armen Malva mit der der Autorin, denn auch deren Vater war lange ein Abwesender, einer, dem wegen der großen politischen Weltlage und des Kampfes für die gerechte Sache die kleine Tochter unwichtig war.

Dass und wie individuelles moralisches Fehlverhalten politisches Engagement konterkariert, davon erzählt dieser ungewöhnliche Roman, in dem am Ende auch ein berührender Exkurs in die Vernichtungsla­ger der Nazis führt.

Hagar Peeters: "Malva"
Aus dem Niederländischen von Arne Braun
Wallstein Verlag, Göttingen 2018
20 Euro

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