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Fazit | Beitrag vom 22.07.2020

Haftstrafe für Historiker Dmitrijew in RusslandUnliebsame Debatten erstickt

Von Thielko Grieß

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Das Foto zeigt den russischen Menschenrechtler und Historiker Juri Dmitrijew, Regionalchef von Memorial in Karelien. (imago / TASS / Igor Podgorny)
Der Prozess gegen den russischen Menschenrechtler und Historiker Juri Dmitrijew, hier aufgenommen im Jahr 2018, fand hinter verschlossenen Türen statt. (imago / TASS / Igor Podgorny)

Bekannt wurde er für seine Forschungen zu einem der dunkelsten Kapitel Russlands. Nun wurde der Gulag-Forscher Juri Dmitrijew wegen sexuellen Missbrauchs zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Unterstützer sehen darin den Versuch, ihn mundtot zu machen.

Schuldig ist der Historiker Jurij Dmitrijew nach Auffassung des Gerichts in einem Punkt: Er soll sich an seiner Adoptivtochter vergangen haben. Dafür muss er drei Jahre und sechs Monate in Haft, auf die jedoch die Untersuchungshaft angerechnet wird. Sein Anwalt rechnet damit, dass sein Mandant im Herbst  freikommen könnte und sagt, "Jurij Dmitrijew hat das Urteil recht positiv aufgenommen. Er ist ein sehr beherrschter Mensch. Er ist überzeugt und weiß, dass er unschuldig ist. Er hat mir Danke gesagt."

Da russische Gerichte in Fällen wie diesem meist dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen, und die hatte 15 Jahre Straflager gefordert, wurde dieses vergleichsweise milde Urteil vor dem Gerichtsgebäude in Petrosawodsk begrüßt.

Dmitrijew-Unterstützer einig über dessen Unschuld

Jan Ratschinskij, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial, deutete das am Nachmittag mit den Worten: "So wie ich es verstehe, war das Ziel der Staatsmachtstrukturen und teilweise auch des Gerichts, etwas zu finden, womit die Staatsanwaltschaft nicht öffentlich beschämt wird und nicht gleichzeitig ein Mensch mit der Haftstrafe, die die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, umgebracht wird."

Die Unterstützer sind sich also einig: Sie glauben, Dmitrijew hat sich nicht an seiner Tochter vergangen. Der Vorwurf sei politisch konstruiert, um die Arbeit des Historikers zu erschweren. Weil der Prozess hinter verschlossenen Türen stattfand und sich die Staatsanwaltschaft nicht äußerte, sind die Details für Außenstehende nicht endgültig zu beurteilen.

Für die Position derer, die von einem politischen Urteil sprechen, spricht allerdings das begründete Misstrauen in die Justiz Russlands, die nicht unabhängig ist. Und gerade Menschenrechtler, die sich einer dem Staat missfallenden Arbeit widmen, können schnell Beklagte und Verurteilte werden.

Auch Dmitrijew bestreitet Vorwürfe

Dmitrijew ist biologischer Vater zweier Kinder und hatte gemeinsam mit seiner Frau zusätzlich eine Adoptivtochter angenommen. An ihr soll er sich vergangen haben, was er stets bestritten hat. In einem ersten Urteil vor zwei Jahren war Dmitrijew in erster Instanz freigesprochen worden. Das Oberste Gericht der Teilrepublik Karelien hob das Urteil dann jedoch auf, woraufhin der zweite Prozess begann, der heute zu Ende ging. Und er hatte einen noch schwerer wiegenden Vorwurf zu begutachten, eben des Missbrauchs.

Das Kind, heute ein Teenager, lebt inzwischen bei seiner leiblichen Oma. Dmitrijew und sie haben keinen Kontakt mehr. Es gibt laut Medienberichten Hinweise darauf, dass auf die Heranwachsende Druck ausgeübt wurde, um Aussagen zu erhalten, die ihren Ziehvater belasten.

Es gab aber auch entlastende Expertisen, argumentiert Natalja Solschenizyna, Witwe des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn, der das Buch "Archipel Gulag" schrieb: "Es gab drei Gutachten über Jurij Dmitrijew", so Natalja Solschenizyna, "die vollständig bestätigen, dass er in jeder Beziehung ein absolut normaler Mensch ist, von dem man nicht das vermuten kann, was man ihm vorwirft."

Der Verurteilte dokumentierte Opfer staatlichen Terrors

Dmitrijew hat als Historiker über Jahrzehnte die Identität von Erschossenen in Massengräbern unter anderem in Sandarmoch recherchiert, einem Ort einige hundert Kilometer nordöstlich von Sankt Petersburg.

"Dank Dmitrijews Suche in Archiven kennen wir heute die Namen aller in Sandarmoch Hingerichteten: 6241 Namen, ihr Geburtsjahr, ihren Beruf, das genaue Datum des Arrests, des Urteils und der Hinrichtung", erklärt Irina Flige, Direktorin des Sankt Petersburger Zweiges der Menschenrechtsorganisation Memorial. "Jede Hinrichtung konnte er mit Einträgen in Archivdokumenten belegen. Es gibt in ganz Russland keinen anderen, auf diesem Niveau dokumentierten Ort der Opfer staatlichen Terrors."

Die Aufarbeitung dieses historischen Kapitels begann erst mit dem Ende der Sowjetunion möglich zu werden. Heute, nachdem Russlands Führung längst eine andere Geschichtspolitik betreibt, ist das Graben in vergangenen Jahrzehnten wieder schwieriger geworden. Es ist nicht verboten, aber es wird erschwert, wo es nur geht. Die Organisation Memorial, der Dmitrijew angehört, trägt den diffamierenden Stempel "Ausländischer Agent", die öffentliche Debatte über den gewaltsamen Tod vieler Menschen im Auftrag des Staates vor Jahrzehnten ist erloschen.

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