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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.02.2018

Hafentaucher in AktionMit Freude ins kalte Wasser springen

Von Axel Schröder

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Berufstaucher im Hamburger Hafen: Rau die See, kalt der Wind (Deutschlandradio / Axel Schörder )
Der Taucher Sascha Navvab bereitet sich auf den Tauchgang vor. (Deutschlandradio / Axel Schörder )

Die Luft ist eiskalt, das Wasser ist trübe, doch die Hafentaucher dürfen nicht kneifen: Im Hamburger Hafen müssen sich die Berufstaucher mit härtesten Bedingungen zurechtfinden - und gefährlich ist es auch. Eintauschen aber wollen sie diesen Job auf gar keinen Fall.

Christian* Schuchmann ist längst in Rente, aber mit dem Tauchen will er nicht aufhören, auch nicht mit Mitte Sechzig*. Heute erklärt Schuchmann den Besuchern des Hamburger Hafenmuseums alles über seinen einstigen Job, auch über die Taucheranzüge, in denen er fast sein ganzes Leben lang gearbeitet hat: 

"Das ist das von der Firma Dräger aus Lübeck in großen Stückzahlen gebaute Kupferhelmtauchgerät mit Luftversorgung über einen Dreiviertel-Zoll-Schlauch und ein dickes Telefonkabel dran. Und dieses Kupferhelmtauchgerät war bis in die 1980er Jahre bei vielen Leuten noch Standard."

63 Kilo schwer war diese alte Ausrüstung. Abgelöst wurde sie durch neue, etwas leichtere Helme, durch neue Atemluftsysteme, bessere Anzüge. Und durch leistungsfähigere Werkzeuge:

"Früher ging vieles noch mit der Hand. Heute gibt es eine Unterwasser-Flex, eine Unterwasser-Kettensäge, Brenngeschirr, Schweißgeschirr – okay, das gibt es schon länger, Schlagschrauber und alle diese Werkzeuge. Und das macht schon richtig Spaß, dass man also echte Kraftaktionen, die früher nötig waren, oft in Minutenschnelle mit so einem hydraulisch angetrieben Power-Werkzeug mal eben erledigt hat. Ganz toll."

Von heiklen Situationen und abgefrästen Flossen

Christian* Schuchmann erzählt von der Vielseitigkeit seines Berufs, vom handwerklichen Können, das ein guter Taucher mitbringen muss, von Herausforderungen unter Wasser, auf die er sich immer aufs Neue einstellen musste. Und von den heiklen Situationen, in die er geraten ist, etwa bei Wrackbergung im Suez-Kanal:

"Ich habe zwei Mal den Suez-Kanal mit saubergemacht. Und dann hat mich eine große, elektrisch betriebene Unterwasser-Bagger-Pumpe so ein bisschen angesaugt. Und die hat mir die Flossen, Vorkante Zehennagel, abgefräst. Und ich habe mir gedacht: 'Das hätte jetzt dusselig ausgehen können, denn das ist eine Pumpe, die macht 700 Kubik in der Stunde. Das ist so ein einen halben Meter dicker Schlauch. Und da geht ordentlich Wasser durch!"

Der ehemalige Berufstaucher Karsten Schuchmann erklärt im Hamburger Hafenmuseum, wie sich die Tauchtechnik verändert hat. (Deutschlandradio / Axel Schörder )Der ehemalige Berufstaucher Karsten Schuchmann erklärt im Hamburger Hafenmuseum, wie sich die Tauchtechnik verändert hat. (Deutschlandradio / Axel Schörder )

Von brenzligen Situationen kann wohl fast jeder Taucher erzählen. Und trotzdem schwärmen sie von ihrem Beruf. Von einzelnen Einsätzen, in denen sie ihr Können unter Beweis gestellt haben.

Einen vergleichsweise einfachen Auftrag hat Sascha Navvab. Er steht in seinem dicken, schwarzen Gummianzug an Deck des Arbeitsschiffs von "Taucher Knoth". Bei knapp über Null Grad soll er in vier Meter Wassertiefe das mächtige Schwimmdock der Hamburger Blohm & Voss-Werft inspizieren.

"Wir setzen von außen eine Patsche. Das ist eine Blechtafel, vierzig mal vierzig, mit Moosgummi dahinter. Die werden wir davor setzen. Und durch den Wasserdruck drückt das schon an. Setzen wir Magneten ran und keilen das dann ab."

Die Öffnung unten im Schwimmdock muss abgedichtet werden, damit dahinter eine Pumpe repariert werden kann. Das Schiff der vierköpfigen Mannschaft von "Taucher Knoth" hat am Dock festgemacht, die graue Stahlwand ragt zwanzig Meter in die Höhe.

Die Crewmitglieder des Taucherschiffs helfen ihrem Kollegen beim Aufsetzen des schweren, signalgelben Helms. Dann klettert Sascha Navvab in einen schmutzigblauen Gitterkorb, am Geländer ringsum sind das Abdeckblech und das Werkzeug, das er unter Wasser brauchen könnte, an dünnen Tauen festgeknotet.

Der Hamburger Hafen - ein exzellentes Ausbildungswasser

Langsam hebt der bordeigene Kran den Gitterkorb an, bugsiert ihn über die Wellen der kalten Elbe, senkt ihn tiefer und tiefer ins Wasser. Über die so genannte Schlauch-Leine ist Sascha Navvab mit dem Schiff verbunden. Sie versorgt ihn mit Atemluft und sichert die Kommunikation. Oben an Deck, im Tauchcontainer sitzt sein Kollege Michael Neumann, vor sich einen Lautsprecher, in der Hand ein Funkgerät. Neumann gibt die Kommandos des Tauchers an den Kranführer weiter:

- "OK, ich bin vor Ort."
- "Und? Was ist es?"
- "Hier sitzt ein Gitter vor."
- "Hervorragend!"
- "Teleskop bitte noch ein bisschen raus. 20 Zentimeter bitte."
- "Teleskop ganz leicht rausfahren. Eugen."
- "Teleskop zwanzig bis dreißig Zentimeter rausfahren.
- "Wir fahren raus."
- "Und Stopp! Und Fieren."
- "Stopp. Und langsam Fieren."

Das Kommando an Bord hat Oliver Krohn. Bauhelm auf dem Kopf, dicke leuchtend gelbe Jacke. Auch er ist ausgebildeter Berufstaucher.

"Wir haben in Deutschland eigentlich, ich möchte sagen, den weltweit besten Bildungsstandard von den Lehrgängen her und von der Technik, die gelehrt wird. Und auch von den Bedingungen. Ich sag mal: Wenn man hier im Hamburger Hafen das Tauchen gelernt hat, dann kannst Du es überall auf der Welt, denn viel schlechter gehen die Bedingungen nicht - von der Sicht, von den Temperaturen."

Anderthalb Stunden lang können die Taucher im eisigen Wasser arbeiten. Aber nur dann, wenn man dabei in Bewegung bleibt:

"Fies ist, wenn man schweißt, wenn man wenig Bewegung im Körper hat. Wenn man die ganze Zeit vor der Soundwand hängt und nur die Schweißelektrode führt, denn ist einem recht schnell kalt. Aber wenn du jetzt schwere Arbeiten hast, zum Beispiel Spülen, wo wirklich viel bewegt wird, dann hältst du es auch länger aus."

Erst Handwerker lernen, dann Taucher werden

Wer in Deutschland Taucher werden will, erzählt Oliver Krohn, muss erst einmal einen Handwerksberuf lernen. Dann erst schließt sich eine zweijährige Fortbildung zum Berufstaucher an. Dazu gehören vier Lehrgänge: der Tauchergrundlehrgang, ein Modul zu den medizinischen Besonderheiten des Tauchens, ein Schweißlehrgang und ein letzter zu anderen Handwerksarbeiten unter Wasser. 200 Tauchstunden müssen absolviert und die Abschlussprüfung bestanden werden. Einige hundert Berufstaucher gibt es in Deutschland, an Aufträgen mangelt es nicht. Nur die Taucher aus anderen Ländern, mit kurzer Ausbildung und niedrigeren Stundensätzen, machen den hierzulande ausgebildeten Unterwasser-Arbeitern das Leben schwer, erzählt Oliver Krohn.

Trotz der Widrigkeiten, trotz der Kälte in den Wintermonaten, trotz schlechter Sicht und der oft körperlich schweren Arbeit, gibt es kein Murren. Sondern immer wieder Begeisterung für ihre Arbeit:

"Ich muss sagen, Tauchen ist für mich Hobby. Und aus dem Hobby habe ich einen Beruf gemacht. Ein guter Bekannter von mir hat mal gesagt: 'Mach das, was Du gerne machst und es wird sich nie wie Arbeit anfühlen.' Und das funktioniert bei mir auch ganz gut. Ich sage immer: 'Ich mache das beruflich, was andere Männer sich bei DMAX angucken!' Abwechslungsreich. Spannender Job!"

*An dieser Stelle haben wir eine inhaltliche Korrektur vorgenommen.

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