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Interview | Beitrag vom 03.05.2021

Habermas lehnt Sheikh Zayed Book Award ab"Abu Dhabi möchte sich auf die Aufklärung berufen"

Stefan Weidner im Gespräch mit Julius Stucke

Jürgen Habermas, deutscher Philosoph, spricht bei der Verleihung des deutsch-französischen Medienpreis an ihn. Er steht an einem Pult und trägt Anzug, Hemd und Krawatte.  (picture alliance/dpa | Arne Immanuel Bänsch)
Den Sheikh Zayed Book Award lehnte Jürgen Habermas nun doch ab. Den deutsch-französischen Medienpreis nahm er 2018 dagegen an. (picture alliance/dpa | Arne Immanuel Bänsch)

Dass Jürgen Habermas den Sheikh Zayed Book Award nicht annehmen will, kann der Islamwissenschaftler Stefan Weidner nachvollziehen: Der Preis diene Abu Dhabi zur Imagepflege. Er ermögliche aber auch, das Emirat an den Werten des Philosophen zu messen.

Der arabische Kulturpreis, der Sheikh Zayed Book Award, ist einer der höchst dotierten Buchpreise der Welt. Insgesamt werden 1,9 Millionen US-Dollar für den Preis aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgegeben. Jeder Preis besteht aus einer Goldmedaille mit dem Logo des Awards, einer Auszeichnungsurkunde und einem Preisgeld. Nach eigenen Angaben würdigt er arabische und internationale Persönlichkeiten, die jährlich seit 2006 zur arabischen Kultur, Toleranz und zum friedlichen Miteinander beitragen.

Die "kulturelle Persönlichkeit des Jahres" erhält ein Preisgeld von einer Million Dirham, rund 250.000 Euro. So viel hätte Jürgen Habermas bekommen. Hätte, denn nach einer Kritik im "Spiegel", hat sich Habermas gestern entschieden, den Preis doch nicht anzunehmen.

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Der Ex-Tagesthemen-Moderator und Journalist Ulrich Wickert hat ihn heute im Deutschlandfunk Kultur für sein Verhalten in Schutz genommen und betont, dass der 91-Jährige einer der wichtigsten deutschen Philosophen unserer Zeit ist:

"Man darf nicht vergessen, dass Jürgen Habermas ein Philosoph von Weltgeltung ist, was wir bei uns vielleicht nicht so richtig kapieren. Der hat den Prinz-von-Asturien-Preis in Spanien bekommen. Den Kyoto-Preis hat er in Japan bekommen, dann den Holberg-Preis in Bergen, den Bruno-Kreisky-Preis in Österreich. Und dass jetzt noch einer von diesen Scheichs ihm diesen Preis gibt, da denkt er: Naja, vielleicht gehört das mit in diese Kategorie."

"Einer dieser Scheichs" ist Scheikh Mohammed bin Zayed, Sohn des verstorbenen Gründungspräsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Er ist Kronprinz des Emirats Abu Dhabi, stellvertretender Oberbefehlshaber der Streitkräfte und damit die einflussreichste Person in den Emiraten.

Symbolfigur für fortschrittliches Denken

Welche Motive stecken hinter der geplanten Auszeichnung von Jürgen Habermas mit dem Scheikh Zayed Book Award? Ein Grund sei, dass er ein großer, lesenswerter, wichtiger Philosoph ist, sagt der Islamwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer Stefan Weidner. Für Abu Dhabi spiele aber auch eine Rolle, dass Habermas eine Symbolfigur für ein fortschrittliches, kritisches und gleichzeitig konsensorientiertes Denken sei.

"Indem man sich auf ihn beruft, schreibt man sich in die zivilisierte, die fortschrittliche Welt ein. Und das ist das, wo hinein sich auch die Araber am Golf einschreiben wollen. Nicht zuletzt deswegen haben einige Staaten auch einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen", erklärt Weidner.

Habermas als Maßstab 

Habermas auszuzeichnen, sei ein Stück Imagepflege, aber auch ein Signal: Eine Institution, die den Philosophen Habermas auszeichne, berechtige ihre Kritiker, sie an Habermas zu messen.

"Er ist der Philosoph der kommunikativen Praxis, er ist der Philosoph der gewaltfreien Konfliktlösung, der Idee des besseren Arguments, der kommunikativen Rationalität", sagt Weidner. "All diese aufklärerischen Werte, auf die wir uns berufen, auf diese Werte möchte sich nun auch Abu Dhabi berufen."

Habermas, betont der Islamwissenschaftler, sei einer der meistgelesen zeitgenössischen Philosophen in der arabischen Welt. Dass der Philosoph die Auszeichnung nun doch nicht annehmen möchte, findet Weidner nachvollziehbar. Er frage sich aber, ob die Preisgeber und Habermas gar nicht vorbereitet gewesen seien auf die erwartbare Kritik an der Auszeichnung.

Stefan Weidner stand selbst einmal schon auf der Shortlist für einen Preis in einer anderen Kategorie des Sheikh Zayed Book Award. Er hätte ihn auch angenommen, wäre er ausgezeichnet worden, sagt Weidner. "Ich hätte einen Preis bekommen für arabische Kultur in anderen Sprachen, für mein Buch, eine Literaturgeschichte: '1001 Buch. Die Literaturen des Orients'." Das sei also – anders als der Preis für Habermas – sehr kontextbezogen gewesen. Diese Auszeichnung nicht anzunehmen, hätte er daher "ein bisschen überheblich" gefunden.  

(bt/jfr)

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