"Haben Sie keine Plastiktüte?"

20.01.2009
Fünf Jahre arbeitete Anna Sam nach dem Abschluss eines literaturwissenschaftlichen Studiums zum Geldverdienen als Supermarktkassiererin, verlor dabei weder die Lust an der Alltagskomik noch an der Alltagsbeobachtung. Ihre "Leiden einer jungen Kassiererin" veröffentlichte sie ursprünglich als Blog im Internet. Der Blog wurde in Frankreich Kult, das daraus entstandene Buch ein rasanter Bestseller.
Wer dieses Buch gelesen hat, ändert sein Leben. Vielleicht nicht das ganze Leben, aber doch einige Verhaltensweisen, speziell solche, die beim Bezahlen an Supermarktkassen gang und gäbe sind. Nie wieder wird man der weiblichen Person, die dort zwischen Laufband und Kasse eingezwängt auf einem Hocker sitzt, zurufen: "Sind Sie offen?", wenn man wissen möchte, ob die Kasse offen ist.

Nie wieder wird man die Waren so aufs Band legen, dass es der Kassiererin überlassen bleibt, jeden Gegenstand - ob Dosenmilch, Katzenspreu oder fünf Kilo schwere Waschpulverpakete - so lange zu drehen, bis die Seite mit dem Strichcode nach oben liegt. Und nie wieder wird man vergessen, die Kassiererin mit einem freundlichen Lächeln persönlich zu grüßen, das heißt, sie wie eine Person zu behandeln - nicht wie einen, an die Kasse angeschlossenen Gegenstand.

Das aber, berichtet die junge Französin Anna Sam in ihrem humorvollen Buch "Die Leiden einer jungen Kassiererin" ist die Regel. Kaum ein anderer Dienstleistungsberuf degradiert diejenige, die ihn ausführt, so sehr zum anonymen, kaum wahrgenommenen Objekt, ja fast zur reinen Funktion.

Das allerdings würde Anna Sam selbst nie so formulieren. Sie kommt ohne Theorie, ohne politische Polemik, ohne jede Skandalisierung aus. Sie beschreibt das Arbeitsleben einer Supermarktkassiererin mit Witz und Satire, mit komischen Episoden und gut gelaunten Pointen. Das ist bewundernswert, denn Anna Sam lernte die Arbeitsfron hinter der Kasse selbst kennen.

Fünf Jahre arbeitete sie nach dem Abschluss eines literaturwissenschaftlichen Studiums zum Geldverdienen als Supermarktkassiererin, verlor dabei weder die Lust an der Alltagskomik noch an der ethnografischen Alltagsbeobachtung. Die drei, von Kunden an der Kasse am häufigsten gestellten Fragen lauten nach Anna Sam: Erstens "Wo sind die Toiletten?", zweitens "Haben Sie keine Plastiktüte?", drittens eben "Sind Sie offen?".

In einem Kapitel erzählt Anna Sam von den Spektakeln an den sogenannten Vorrangkassen, die in sehr großen Supermärkten für Behinderte, Gebrechliche, Mütter mit Kindern aufgestellt werden und bei der Kundschaft besonders robuste Rivalitätskämpfe hervorrufen. In einem anderen schildert sie von der Not der Kassiererin, die mal aufs Örtchen müsste, aber von der Kasse nicht weg kann, weil niemand von den Kollegen auf ihren Hilferuf reagiert.

Ursprünglich veröffentlichte Anna Sam ihre "Leiden einer jungen Kassiererin" als Blog im Internet. Der Blog wurde in Frankreich Kult, das daraus entstandene Buch ein rasanter Bestseller.

Ein kleines literarisches Wunder ist das Buch tatsächlich. Denn in ihm erlebt ein Genre Wiederauferstehung, das als besonders grau, gestrig, verstaubt und moralinsauer gilt, das Genre der Literatur der Arbeitswelt. Die akademische Supermarktkassiererin aus Frankreich hat es rundum erneuert und wunderbar verjüngt.

Rezensiert von Ursula März

Anna Sam: Die Leiden einer jungen Kassiererin
Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl
Riemann Verlag, München 2009
169 Seiten, 12,50 Euro