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Im Gespräch | Beitrag vom 07.06.2019

Gynäkologin Nora SzászDie ganze Frau sehen, in ihren Veränderungen

Moderation: Susanne Führer

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Nora Szász, Frauenärztin, steht in ihrer Praxis. (dpa/Swen Pförtner)
Die Frauenärztin Nora Szász setzt sich weiter dafür ein, den umstrittenen Paragrafen 219a abzuschaffen. (dpa/Swen Pförtner)

Nora Szász machte ihren Job – und landete vor Gericht. Die Frauenärztin wurde angezeigt, weil sie auf ihrer Webseite über Schwangerschaftsabbrüche informierte. Eine Abschaffung des § 219a könnte aus ihrer Sicht endlich Rechtssicherheit schaffen.

Der Paragraph 219a des Strafgesetzbuchs verbietet es, für Abtreibungen zu werben. Das hat der Frauenärztin Nora Szász mehrere Anzeigen eingebracht. Denn auf der Webseite ihrer Gemeinschaftspraxis ist zu lesen, dass Szász und ihre Kollegin auch Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Für die Medizinerin ist dieser Paragraf ein Unding und sollte abgeschafft werden, "weil der dazu beiträgt, uns Ärzte zu kriminalisieren und Frauen einfach die Möglichkeit nimmt, sich normal zu informieren, wie das üblich ist."

Für oder gegen Schwangerschaft − keine leichte Entscheidung

Über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs und die dabei infrage kommenden Methoden zu informieren, sei keine Werbung, sagt Szász:

"Es ist nicht so, dass Frauen sich danach richten, ob das auf Websites steht oder nicht. Frauen entscheiden nach anderen Kriterien für oder gegen eine Schwangerschaft."

Und diese Entscheidung machen sich Frauen nach den Erfahrungen der Ärztin nie leicht. Nun wartet die Ärztin auf ihren Prozess. Die drohende Strafe hat sie zuerst erschreckt:

"Es war am Anfang auf jeden Fall eine starke Verunsicherung natürlich − was heißt das jetzt? Dann haben wir zum Beispiel beim Einwohnermeldeamt unsere Privatadressen sperren lassen. Es ist unberechenbar natürlich, wie reagieren die Abtreibungsgegner auf einen?"

Doch dann hat sich Szász "geoutet" als eine Ärztin, der Strafverfolgung droht. Sie suchte die Öffentlichkeit, vernetzte sich mit Kolleginnen, die in ähnlicher Lage sind. Sie will den Rechtsstreit durchstehen, wenn es sein muss, bis zum Bundesverfassungsgericht gehen.

"Eine gesellschaftliche Realität"

Immerhin, die Prozesse gegen Ärzte und die Diskussion über den § 219a bringen das Thema Abtreibung wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein, meint Szász:

"Wenn wir wissen, dass Schwangerschaftsabbrüche oder ungewollt schwanger zu sein eine gesellschaftliche Realität ist, der wir uns zu stellen haben − und es geht darum, machen wir es den Frauen schwer oder nicht − dann geht es darum: Wenn wir wissen, dass es für viele Frauen einfach zu ihrer Biographie dazugehört, vor allen Dingen auch der älteren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche zum Teil unter wirklich schlimmen Bedingungen haben, dann geht es darum: Was haben wir für eine Haltung zu dem ganzen Thema, auch von unserer Gesellschaft aus?"

Bei allem juristischen Ärger ist Szász Frauenärztin mit Leib und Seele. Schon vor dem Medizinstudium hatte sie sich zur Hebamme ausbilden lassen und in diesem Beruf gearbeitet. Als Hebamme wie als Ärztin, die auch Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, gehe es ihr darum, "die ganze Frau zu sehen, in ihren Veränderungen".

(pag)

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