Seit 05:05 Uhr Studio 9
Freitag, 30.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Länderreport | Beitrag vom 30.09.2020

Gutshäuser in Mecklenburg-VorpommernTraum oder finanzieller Ruin?

Von Silke Hasselmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein heruntergekommener Ballsaal mit rohen Wänden (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
So sieht der einst prächtige Ballsaal im Schloss Vogelsang heute aus. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

In Mecklenburg-Vorpommern können sich manche Menschen einen Traum erfüllen: endlich in einem Gutshaus oder Schloss leben. Die Preise sind günstig. Doch Sanierung und Instandhaltung kosten ein Vermögen - und viel Zeit.

Mecklenburg-Vorpommern zählt mit 1,6 Millionen Menschen vergleichsweise wenige Einwohner. Zugleich verteilen sich im wasser-, wald- und feldreichen Nordosten ca. 2400 Schlösser, Guts- und Herrenhäuser – so viele wie nirgends sonst in Deutschland.

Kein Wunder: Im damaligen Mecklenburg-Strelitz und im seinerzeit zu Preußen gehörenden Vorpommern ließen nicht nur etliche royale Familien ihre Sommerresidenzen bzw. gehobene Unterkünfte für Ehefrauen, Mätressen und Nachkommen errichten. Vielmehr wirtschafteten und lebten dort viele Landadlige.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Noch heute sieht man rund 80 Prozent der Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern an, dass sie sogenannte Gutsdörfer waren. Und heute? 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind viele Herrenhäuser und Schlösser prächtig saniert. Doch gut 1800 Gebäude warten noch immer darauf, vor dem Verfall gerettet und wiederbelebt zu werden.

Viele Häuser sind verfallen

Till-Alexander Herzer stammt aus Hannover, ist Landwirt und lebt mit seiner Familie seit 1995 in der sprichwörtlichen Pampa westlich von Schwerin. Die Familie will hierbleiben. Nur sollen sich Familien- und Arbeitsleben künftig im Nachbardorf Bülow abspielen. Genauer gesagt im dortigen Schloss, das sie vor vier Jahren von dem mittellos gewordenen Voreigentümer gekauft haben, erklärt Herzer zur Begrüßung und lädt zunächst zum Überblick ein:

"Das Gebäude wurde 1746 im Stil des Barocks gebaut. Die Flächen, die wir da vorne sehen, gehören schon seit längerem zum Betrieb. Dieses Gebäude wurde zu DDR-Zeiten sehr intensiv genutzt. Es beherbergte Wohnungen, Konsum, Kindergarten, Bürgermeisterbüro, also Rat der Gemeinde, so wie man es kennt. Nach der Wende stand das Gebäude lange leer. Es hatte dann 2004 einen Käufer gefunden, der – wenn ich jetzt frech wäre, würde ich sagen – rückwärts gebaut hat und nicht vorwärts. Also er hat zugesehen, wie es weiter verfallen ist."

Wie jeder, der ein altes Gebäude anfasst und sanieren will, seien auch sie vor immer neuen, teuren Überraschungen nie sicher, sagt Herzer wenig später beim Gang durch das kellerlose Gutshaus.

Der Mann im grünen Arbeitsoverall erledigt alles allein, was mit Kabeln, Rohren, mit Ent- und Versorgungssystemen zu tun hat. Ansonsten helfen ihm seine Angestellten, so lange auf den Feldern und in den Ställen nichts zu tun ist. Und natürlich Fachfirmen, allesamt aus der Region vom Zulieferer der Baumaterialien über Fensterbauer, Parkettleger bis zu den Restauratoren. 

900.000 Euro nur für Sanierungsarbeiten

Ortswechsel. Zu Gast bei Robert Uhde, der sich im Jahr 2010 einen "großen Kasten aufgehalst" hat, wie er selbst sagt: das Schloss Vogelsang bei Güstrow. Anfang der 90er-Jahre, also kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, versuchten sich diverse Glücksritter an dem Herrenhaus, das Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Tudor-Stil errichtet worden war. Die Letzten schlachteten es zugunsten anderer Schlösser aus und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war.

Verena und Till-Alexander Herzer sitzen auf der Treppe vor ihrem Haus. Er trägt grüne, dreckige Arbeitskleidung. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Verena und Till-Alexander Herzer renovieren ihr Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern selbst (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Als Uhde es entdeckte, verkaufte er sein Rostocker Eigenheim und lebt seitdem mit seiner Familie im früheren Gutsstall, um von dem Schloss zu retten, was zu retten ist. Das war nicht unbedingt einfach, wie er beschreibt:

"Seit zehn Jahren ist quasi alles an Kraft und Energie in dieses Haus geflossen. Es hat seinen dritten großen Bauabschnitt hinter sich gebracht. Das Dach ist drauf. Es regnet nicht mehr rein. Wir haben mit diesem Haus ganz andere Phasen erlebt, als es einfach eine Ruine war, in dem sich innenseitig die Wasserfälle widerspiegelten wie in den schönen modernen Fünf-Sterne-Hotels im Foyer. Das war hier ungewollt. Das ist Geschichte. Wir haben hier 900.000 Euro versenkt."

In Mecklenburg-Vorpommern sind ganze Dörfer Denkmäler

Jorinde Bugenhagen ist Architektin und kümmert sich bei der "Deutschen Stiftung Denkmalpflege" um die Umsetzung von Denkmalschutzprojekten in Mecklenburg-Vorpommern. Das Vermitteln von Geschichte anhand von Denkmälern wie hier in Vogelsang trifft einen Nerv bei Denkmalpflegerin Jorinde Bugenhagen. Denn: 

"Das ist wirklich eine ganz schwierige Sache, dass viele junge Leute sich noch niemals Gedanken um ein Denkmal gemacht haben. Denkmal, das ist eine Reiterstatur auf dem Podest. Dass ein Schloss vielleicht auch ein Denkmal ist - okay. Eine Kirche vielleicht auch noch. Aber der ganze Zusammenhang, die gesamte Dorfstruktur gerade hier in Mecklenburg-Vorpommern? So sind die Dorflandschaften alle organisiert.

Das sind alles Gutsdörfer, die man wahrnimmt, wenn man sie mal gesehen hat. Ich denke, dann hilft es eben, wenn man hier vor Ort steht und sagt: 'Guckt mal, so funktioniert das! Hier haben wir den Park und die Zufahrt`, und dass man ein Verständnis für die gesamte Landschaft, für die Kulturlandschaft entwickelt. Weil: Wenn man die Werte nicht kennt, kann man sie auch nicht schützen. Das ist einfach wirklich so."

Die neue Flucht aufs Land

Bei all der Arbeit am eigenen Traum vom Schloss engagiert sich Robert Uhde auch im Verein "Schlösser, Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern e.V." Seit kurzem sei eine neue, eine dritte Generation an Schlossherren unterwegs, findet er. Das Interesse an den immer noch rund 1600 leerstehenden Gutshäusern im Bundesland sei in der Regel getrieben von einer Mischung aus schlechtem Klimagewissen, viel billigem Geld und nervendem Großstadtstress.

Als würden sie auf einmal buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen sehen, suchen sie ihr Refugium nicht mehr in der Ferne, sondern bemerken die Kleinode vor ihrer Haustür – mitten in der seenreichen, dünnbesiedelten Pampa von Mecklenburg-Vorpommern:

"Mit Corona ist das völlig irre, was wir gerade erleben. Wir kriegen quasi jede Woche zwei Anfragen von wirklich interessierten kaufwilligen Berlinern und Hamburgern. Die sind einfach betucht. Denen war klar, dass sich ein Lockdown auch in einer 150-Quadratmeter-Wohnung in Berlin nicht gut anfühlt. Und jetzt ist das Ergebnis: Es gibt so eine neue Landflucht, aber eher eine Landflucht der Betuchteren, die auch ein paar hunderttausend Euro problemlos durch den Verkauf einer Stadtwohnung locker machen können. Und die legen natürlich selten los mit diesem Sanierungskonzept. Die wollen einfach diese Weite haben. Die wollen den geschlossenen Hof haben. Die wollen im besten Fall auch ein bezugsfertiges Haus haben. Das ist, glaube ich, eine völlig neue Generation."

Auch im Ausland beliebt

Und noch eines beobachtet Robert Uhde: Obwohl sie zumeist hohe Investitionen erfordern und in der Regel keine Rendite abwerfen, legten immer mehr Ausländer ihr Betongeld in Guts- oder Herrenhäusern von Mecklenburg-Vorpommern an:

"Das sind zunehmend polnische Eigentümer auf dem Markt, die sich aus Polen wirklich zurückziehen, die als liberale, progressive, gutbetuchte Menschen in dieser politischen Entwicklung einfach Angst haben, dauerhaft kein Zuhause zu haben. Die suchen ganz gezielt nach Objekten, gerne auch, wo sie noch investieren können, weil sie vielleicht eine Baufirma haben. Aber eigentlich geht es da um Kapitalflucht."

Freude am Landleben

Zurück im Schloss Bülow in Westmecklenburg. Fertig ist das Äußere: das Dach mit den vier Ecktürmen, die Fenster und Türen, die Terrasse und die ockergelbe Fassade samt Balustrade und hellblau leuchtendem Wappen über dem eichenhölzernen Eingangsportal. Innen aber: noch immer viel Baustelle.

Und dann helfe neben viel Ausdauer und genügend finanziellen Mitteln noch etwas, ergänzt der ehemalige Niedersachse: 

"Man muss viel Freude an unserem schönen Land Mecklenburg haben. Man muss Freude haben an diesen Gebäuden und daran, sie zu erhalten. Ich finde es immer ganz wichtig, dass man sie nicht kaputtsanierten darf. Also nicht alles Alte runter und dann nur glatt überputzen. Weil: Es war früher nicht ganz glatt. Ansonsten muss man eigentlich versuchen, auch hier sesshaft zu sein, wenn man nicht schon Mecklenburger ist, um die Freude an dem Ganzen zu haben. Also am Entstehen und nachher am  Entstandenen."

Mehr zum Thema

Die Mauer in der Partei - Der Kampf der Ost-CDU um Anerkennung
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 28.09.2020)

Wustrow in Mecklenburg-Vorpommern - NS-Gartenstadt soll Ferienresort werden
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 08.09.2020)

Berliner Schloss - Die Hohenzollern-Fassade
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 09.09.2020)

Länderreport

AtommüllNeuer Castortransport, altes Spiel
Dein Castor-Dummy, der von Atomkraftgegnern für eine Demonstration gebaut wurde (imago images / Gutschalk)

Nach neun Jahren Pause wird wieder Atommüll aus Großbritannien nach Hessen transportiert. Dabei ist trotz der Pandemie mit viel Protest zu rechnen. Und auch die Polizei steht wie immer bereit.Mehr

Tafeln in NotMehr Bedürftige, weniger Spenden 
Ehrenamtliche Helfer des Hamburger Tafel und des Arbeiter-Samariter-Bunds packen im Zentraldepot Kisten mit Lebensmitteln für die Ausgabestellen der Tafeln. (Picture Alliance / dpa / Markus Scholz)

Immer weniger Menschen können von ihrem Einkommen ihre Familien ernähren und sind daher auf Unterstützung angewiesen - etwa durch die Hamburger Tafeln. Doch was passiert, wenn die dafür nötigen Spenden ausbleiben?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur