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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.05.2018

Gutenberg-Preisträger Alberto Manguel"Es ist der Nobelpreis der Nobelpreise"

Alberto Manguel im Gespräch mit Joachim Scholl

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Buchautor Alberto Manguel beim Kosmopolis Festival in Barcelona, 2015 (dpa / picture alliance / EPA/ALEJANDRO GARCIA)
Für seine eigene Bibliothek hat er eine Ordnung, die sich auf Sprachgruppen bezieht: Alberto Manguel (dpa / picture alliance / EPA/ALEJANDRO GARCIA)

Weltbürger, lesender Schreiber und Bücherbewahrer: Alberto Manguel wird mit dem Gutenberg-Preis ausgezeichnet. Für ihn sei es "die allergrößte Ehrung überhaupt", sagt der Direktor der argentinischen Nationalbibliothek.

Joachim Scholl: Er ist einer der berühmtesten Leser der Weltliteratur: Alberto Manguel. Geboren in Argentinien, in Paris, Mailand, Toronto und London war er Lektor, Dozent und Übersetzer. Als Schriftsteller hat er vielfach die Bücher, das Lesen, die Literatur reflektiert und gefeiert, mit einer "Geschichte des Lesens" etwa, ein Buch, das sich international millionenfach verkauft hat. Kürzlich ist Alberto Manguel 70 Jahre alt geworden, und seit 2015 lebt er wieder in seiner Heimat und bekleidet dort ein bedeutendes Amt – als Direktor nämlich der argentinischen Nationalbibliothek in Buenos Aires. Heute ist er bei uns willkommen im Deutschlandfunk Kultur: Alberto Manguel!

Alberto Manguel: Ich freue mich sehr, hier zu sein.

Scholl: Wir halten ein neues Buch von Ihnen in der Hand, Mr. Manguel. "Die verborgene Bibliothek" heißt es, "Eine Elegie" im Untertitel, denn man muss wohl sagen, es ist aus Kummer entstanden. Sie haben in Frankreich gelebt, auf dem Land, hatten dort Ihre große Bibliothek mit Abertausenden von Büchern, und dann mussten Sie ausziehen. Die Bücher wurden katalogisiert, verpackt, verschickt, eingelagert, fanden erst mal keinen neuen Ort, deswegen müssen wir Sie gleich fragen, Herr Manguel: Steht denn Ihre Bibliothek wieder irgendwo, haben Sie Ihre Bücher wieder um sich?

Manguel: Leider nein. Sie ruhen wohl verwahrt in Kisten, und zwar bei meinem Verleger in Quebec, der freundlicherweise uns die Erlaubnis gegeben hat, die Verlagslager dafür kostenlos zu nutzen. Immerhin sind es mittlerweile 40.000 Bücher. Es waren anfänglich 30.000, jetzt sind es 40.000, die verlangen natürlich viel Platz.

Bücher sind nach Sprachgruppen sortiert

Scholl: Wie ordnet denn ein Alberto Manguel seine Bücher, wie stehen sie im Regal?

Manguel: Hier kommt ein entscheidender Unterschied zwischen einer privaten Bibliothek wie der meinen und einer öffentlichen Bibliothek ins Spiel. Eine öffentliche Bibliothek muss die Bücher so klar anordnen, dass jede Leserin und jeder Leser sich da zurechtfinden kann. Ganz anders bei einer Privatbibliothek, sie erlaubt es uns, ein Bild des eigenen Denkens zu schaffen. Mich überzeugt am meisten die Ordnung, die Aby Warburg in seiner Bibliothek geschaffen hat, nämlich nach assoziativen Ähnlichkeiten. Das scheint mir geradezu ein ideales Vorbild zu sein. In meinem Fall sind die Bücher zunächst einmal nach Sprachgruppen geordnet, das heißt entsprechend der Sprache, in der sie ursprünglich verfasst worden sind. So habe ich zum Beispiel Goethe zunächst einmal in der deutschen Originalsprache, dann aber auch in Übersetzungen ins Englische und Französische und so weiter. Selbstverständlich gibt es viele Ausnahmen von dieser Ordnung.

Scholl: Ihr Buch jetzt ist eine einzige, kann man sagen, wie im Grunde Ihr ganzes schriftstellerisches Werk, Herr Manguel, eine Hommage an die Bücher, an eine Werbung für das Lesen, das Ihnen so nötig erscheint wie Essen und Trinken, und auch die Bibliotheken sind natürlich die Glücksorte für Sie, ein Lebensraum. Aber dennoch einigermaßen verblüfft habe ich gelesen, dass ein Alberto Manguel nicht gerne in einer Bibliothek arbeitet.

Manguel: Ja, so ist es. Ich habe das Buch ursprünglich als Abgesang auf ein verlorenes Paradies verfasst, und zum Wesen des Paradieses gehört es ja, dass es verloren gehen muss. Kommen wir zurück zum Unterschied zwischen privater und öffentlicher Bibliothek: In meiner Bibliothek, meiner privaten Bibliothek, kann ich meine Bücher in Händen halten, ich kann Randnotizen anfertigen, ich kann sie benutzen, ich kann ein sehr inniges Verhältnis mit diesen Büchern aufbauen. Der französische Moralist Joseph Jobert hat eine sehr eigenwillige Konzeption einer wirklich privaten Bibliothek geschaffen, er hob nämlich nur die Bücher auf, die er wirklich mochte, und auch nur das, was er wirklich mochte. Er riss also einzelne Seiten aus den Büchern heraus, die ihm nicht behagten. Es war also eine zerfledderte Bibliothek, aber zum Schluss konnte er sagen, alles ist mein, ich mag das. Anders ist es in einer öffentlichen Bibliothek, hier kann ich die Bücher nicht nach Hause nehmen, ich darf nichts an den Rand kritzeln, sie sind nicht wirklich mein Eigentum.

Vorleser für Jorge Luis Borges

Scholl: Als Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, Herr Manguel, sind Sie jetzt einer der Nachfolger des ja wohl berühmtesten Bücherliebhabers und -kenners aller Zeiten, Jorge Luis Borges, von dem es hieß, er kenne jede Zeile der Weltliteratur, obwohl er blind war, eine Legende schon zu Lebzeiten. Umberto Eco hat ihn verewigt in "Der Name der Rose", und Sie, Alberto Manguel, haben diesem großen Mann noch vorgelesen in den 1960er-Jahren, Sie waren noch ganz jung. Wie war das?

Manguel: Ich habe damals nachmittags die Oberschule besucht, und am Vormittag hing ich häufig herum in einer Buchhandlung des Namens Pygmalion, mit deutschen und englischen Büchern im Angebot, gegründet von Lili Lebach, die aus dem Deutschland der Nazis geflohen war. Borges schaute immer am Vormittag vorbei. Er war damals schon am Erblinden, in den 50ern verlor er sein Augenlicht, in den 60ern war er dann wirklich blind, und er fragte herum, wer wolle ihm denn etwas vorlesen, und er lud alle möglichen Menschen ein, ihm etwas vorzulesen. So konnte er zu mir sagen: Was hast du heute Abend vor, möchtest du nicht kommen und mir etwas vorlesen? Und so kam es, dass ich über drei oder vier Jahre Borges immer wieder vorlas, vor allem Kurzgeschichten von den von ihm bevorzugten Autoren wie Kiplings, Stevenson, Henry James und so weiter. Er gab dann auch seine Kommentare dazu ab, und ich als der gerade erwachende leidenschaftliche Leser lernte von Borges unter anderem, dass das Schreiben zu 5 Prozent aus Gefühlen besteht, zu 5 Prozent aus Eingebungen und zu 90 Prozent eine handwerkliche Arbeit ist.

Scholl: Vor drei Jahren hat man Ihnen nun dieses Amt des Nationalbibliotheksdirektors angeboten. Sie schreiben, Sie hätten nur kurz gezögert, dann angenommen, seien aber mit einem Schlag gewissermaßen zum Buchhalter, zum Rechtsanwalt, Elektriker, Psychologen, Soziologen, Diplomaten, Kulturmanager geworden. Kommen Sie, Alberto Manguel, überhaupt noch zum Lesen oder zu den Büchern selbst?

Manguel: Kaum. Als Verwalter solcher Bücher hat man, selbst wenn man sich unter ihnen aufhält, kaum je Zeit, etwas zu lesen oder zu schreiben. Ich hege jedoch die Hoffnung, dass ich bis zu der Zeit, wenn ich dieses Amt wieder abgebe, doch immerhin eine lange Liste der Bücher, die ich eigentlich immer lesen wollte, zusammengestellt habe und dass ich dann den Rest meines Lebens mit dem Lesen dieser Bücher verbringen kann.

Auch früher waren Bibliotheken schon Mediatheken

Scholl: Ja, Bibliotheken sehen heutzutage ja auch schon ganz anders aus als früher, sind ja gewissermaßen Mediatheken geworden. Geht denn die Zeit der Bibliotheken mit Büchern in Reih und Glied nicht doch langsam zu Ende, wie sehen Sie die Entwicklung?

Manguel: Gar nicht. Jede Bibliothek ist und war immer schon eine Mediathek, von der antiken Bibliothek in Alexandria angefangen. Bereits diese Bibliothek in Alexandria hat keineswegs nur eine Textart gesammelt, nein, sie hatten Papyrusrollen, Schrifttäfelchen, sie hatten Stelen, auf denen Texte geschrieben waren, das heißt, jede Bibliothek sammelt seit jeher jede Textsorte auf jedem Trägermaterial. Und im 21. Jahrhundert muss die Bibliothek selbstverständlich auch Texte als elektronische Medien sammeln, aber diese elektronischen Träger dürfen nicht exklusiv verstanden werden. Wir sammeln Manuskripte, wir sammeln Taschenbücher, wir sammeln gedrückte Bücher in hochwertiger Ausstattung, wir sammeln digitalisierte Texte. Und selbstverständlich hat jede öffentliche Bibliothek im 21. Jahrhundert die Aufgabe zu digitalisieren, auch um die Bücher zu bewahren und auch um sie zugänglich zu machen für Leser, die gerade körperlich nicht in der Bibliothek anwesend sind.

Scholl: Aber natürlich kann sich Buenos Aires freuen, dass man mit Ihnen so einen, ja, doch literarischen Weltstar an der Spitze dieser großen Institution hat, Nationalbibliothek. Was wollen Sie erreichen mit der Nationalbibliothek, was möchten Sie, dass man später sagt, ah, das war die Zeit von Manguel in der Nationalbibliothek?

Manguel: Das ist aber eine wirklich schwierige Frage, die Sie mir stellen. Ich meine, die Aufgabe einer Bibliothek, insbesondere einer Nationalbibliothek, ist niemals abgeschlossen. Man kann nie sagen, jetzt haben wir's geschafft. Ich würde es für mich so formulieren: Wenn ich beim Ablauf meiner Amtszeit sagen kann, ja, ich habe dazu beigetragen, diese Bibliothek zu einem tauglicheren Werkzeug zu machen, sie benutzerfreundlicher zu gestalten, wenn ich sagen kann, ich habe dem Mitarbeiterstab dabei geholfen, die Aufgaben effizienter zu bewältigen, dann kann ich wirklich zufrieden sein und das dann befriedigt abgeben.

"Die allergrößte Ehrung überhaupt"

Scholl: Herr Manguel, Sie sind nicht oft in Deutschland, umso schöner für uns heute, aber in gut einem Monat werden Sie wieder da sein, nämlich in Mainz, am 23. Juni, wenn Sie nämlich den Gutenberg-Preis verliehen bekommen, einen Preis, der ausdrücklich an Menschen geht, die sich um das gedruckte Wort, um das Buch als Buch verdient gemacht haben. Vor einer Woche wurden Sie als Preisträger bekannt gegeben, Glückwünsch nachträglich – was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung?

Manguel: Es ist für mich die allergrößte Ehrung überhaupt für jemanden, der sein Leben zwischen Büchern verbracht hat, der eine tiefe Lust an Büchern empfindet, der sie wirklich liebt und sie in größter Wertschätzung ist, ist das eine unvergleichliche Auszeichnung, dieser Gutenberg-Preis. Es ist der Nobelpreis der Nobelpreise, insbesondere in den heutigen Zeiten hat dieser Preis mehr Ansehen als der Nobelpreis. Gutenberg war wirklich ein Genie, der die Auswirkungen seiner Erfindung nicht ermessen konnte. Ja, wir wissen, der Druck wurde schon vorher in China erfunden und dann auch wieder in Korea, aber Gutenberg hatte diesen Gedanken für die Frankfurter Messe seine Bibel zu drucken, und zwar in ausdrücklicher Nachahmung des Manuskriptes, der Handschrift, aber im Bewusstsein, dass er Handschriften drucken, mit einer Maschine herstellen konnte, die dann eben viel besser, viel bequemer und in größerer Auflage für die Leser verfügbar sein würden. Damit hat er einen Mentalitätswandel im Verhältnis zum Buch herbeigeführt. Nicht mehr war das Buch jetzt ein handwerkliches Objekt, das man nur nutzen konnte, wenn vorher die Hand eines Menschen es berührt hatte, sondern man vertraute den Text einer Maschine an, er konnte beliebig oft, bis zu millionenfachen Exemplaren hergestellt werden. Dieses Druckverfahren revolutionierte wirklich die Weltgeschichte. Das war nun der Druck, der eben nicht ausschloss, dass auch andere Formen der Vervielfältigung entstehen würden, das Druckverfahren hat es erst ermöglicht, dass man jetzt auch digitale Exemplare herstellen kann. Ohne Gutenberg wären wir nicht die, die wir sind.

Scholl: Alberto Manguel, wir danken Ihnen für Ihren Besuch!

Manguel: Danke vielmals!

Scholl: Alberto Manguel – wir danken Ihnen für Ihren Besuch! – Und "Die verborgene Bibliothek" – das neue Buch von Alberto Manguel ist im S.Fischer-Verlag erschienen, aus dem Englischen übersetzt von Achim Stanislawski, mit 185 Seiten zum Preis von 18 Euro.

Das Gespräch wurde übersetzt von Johannes Hampel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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