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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.10.2017

Gutenberg-Museum MainzBibelturm statt Sanierung?

Von Anke Petermann

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Die Computer-Visualisierung zeigt einen am Mainzer Gutenberg-Museum geplanten neuen Turm. (Gutenberg-Museum/dpa)
Eine Bürgerinitiative hat dem Mainzer Oberbürgermeister Ebling (SPD) Tausende Unterschriften übergeben, um den sogenannten Bibelturm zu verhindern. (Gutenberg-Museum/dpa)

Mainz ist hoch verschuldet. Trotzdem will die Stadt bauen. Direkt neben dem maroden Gutenberg-Museum soll bald der Bibelturm stehen. Ob aber nach dem Bau noch Geld für die notwendige Sanierung des Museums übrig ist, ist fraglich. Der Turmbau ist darum umstritten.

Blick ins Allerheiligste. Für Rebecca Bradshaw aus New Mexico, USA, ein erhabener Moment:

"Ich wollte unbedingt kommen, um die Gutenbergbibel und die Druckpressen zu sehen."

In der Vitrine eine aufgeblätterte Originalbibel, gedruckt zur Mitte des 15. Jahrhunderts mit beweglichen Lettern. Die "B 42" mit 42 Zeilen pro Seite – Höhepunkt der Druckkunst des Johannes Gutenberg. Die ermöglichte die Expansion von Wissen und Wissenschaft. Im feuer- und einbruchsicheren Tresorraum des Mainzer Gutenberg-Museums sind die Wurzeln der Aufklärung, der Übergang in die mediale Moderne zu erahnen. Buch, Zeitung, Digitalisierung – nichts davon ohne Gutenberg. Doch die vollgestopfte Dauerausstellung wird der bahnbrechenden Erfindung nicht gerecht. Die Bradshaws, eigens eingeflogen, um das Weltmuseum der Druckkunst zu sehen, stört die angestaubte Präsentation zwischen Waschbeton-Säulen nicht.

"Es war sehr schön, weil die Exponate den gesamten Druckprozess so detailreich zeigen."

Tristesse statt origineller Ausstellungsarchitektur

130.000 Menschen besuchen das Gutenberg-Museum jährlich, viele aus Übersee. Manche wundern sich über die Tristesse der konventionellen Schau unter der 60er-Jahre-Holzdecke. Die Klimaanlage bläst so laut wie ein kaputter Föhn.

 "Ich bedauere jede Schulklasse, die da durch muss",

sagt Annelie Malun.

"Diese große Bedeutung – ich glaub', die Schüler verstehen das gar nicht, was das eigentlich ist – Gutenberg. Das heißt also, man muss einfach das ganze Museum auf links drehen und Gutenberg und das, was er geschaffen hat, wertig präsentieren."

Mit origineller Ausstellungsarchitektur und digitalen Inhalten. Nur: Ein Turm als neue Schatzkammer für alte Gutenberg-Bibeln und Druckkunstwerke bringe wenig zusätzliche Ausstellungsfläche, findet Malun. Er löse das Problem des maroden Altbestandes nicht. Deshalb hat sich die Journalistin der  Bürgerinitiative gegen den Neubau angeschlossen. Doch die Argumentation der Turm-Befürworter, darunter Baudezernentin Marianne Grosse, geht anders. Die Erneuerung des Altbaus samt Dauerausstellung sei ohnehin Zug um Zug geplant:

"Aber als erstes haben wir jetzt den durchfinanzierten Bibelturm."

Nicht weniger als ein Nationalmuseum

Nur fünf Millionen Euro kann das klamme Mainz unter den Argusaugen der kommunalen Finanzaufsicht locker machen. Die Sanierung koste aber sechs- bis zehnmal so viel, da würde das Geld unbemerkt versickern, glauben die Neubau-Anhänger. Für fünf Millionen einen spektakulären Solitär hochzuziehen, der das Museums-Ensemble aus Barock, den 1960er und 2000er Jahren als neues Wahrzeichen überragt, das sei eine effizientere Investition. Und, so Museumschefin Annette Ludwig:

"Ein Vehikel dafür, Geld zu sammeln und die Trägerschaft zu verändern. Klar ist, wir sind ein kommunales Haus, und die Stadt wird auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, das Haus finanziell und personell adäquat auszustatten. Gutenberg ist ein Kulturerbe der Menschheit, das heißt, es ist auch eine nationale Aufgabe. Und unser Bestreben, als Museumsteam ist: Wir werden ein Nationalmuseum, nicht mehr und nicht weniger."

Ein Wahrzeichen als Geldmaschine?

Zustimmendes Gemurmel. Etwa 50 Unterstützer einschließlich Mitarbeiter versammeln sich einmal im Monat vor dem Museum, Motto "Gesicht zeigen" – pro Bibelturm. Doch wie realistisch ist es, aus dem unterfinanzierten Amt 451 der Stadt Mainz ein Nationalmuseum zu machen? "Es gibt keine Überlegungen, die Trägerschaft fürs Gutenberg-Museum zu übernehmen", wehrt das Kultur-Ministerium Rheinland-Pfalz auf Anfrage ab. Was die Museumschefin nicht irritiert. Der Bibelturm soll's richten:

"Das steht für mich ganz vorne dran, mit diesem Bauabschnitt sozusagen zu zeigen, es geht jetzt los. Die Stadt hat, obwohl sie Schulden hat wie wahnsinnig, fünf Millionen herausdestilliert, um zu zeigen, wir wollen dieses Projekt und wir versuchen, durch bürgerschaftliches Engagement und eine veränderte Trägerschaft noch mehr Geld zu generieren, um weiter zu planen."

Auch für den Bund und Europa soll der Neubau einen politischen Sachzwang schaffen, sich finanziell zu engagieren. Das neue Wahrzeichen, das selbst Millionen verschlingt, soll Geldmaschine werden – indem es so begeistert, dass Mäzene, Spender und Sponsoren ihre Freigiebigkeit kaum noch beherrschen können. So kühn und inbrünstig diese Hoffnung, so krude die Realität. In ihrer Sorge um den Fortbestand des "Weltmuseums der Druckkunst" sind sich Gegner und Befürworter des Bibelturms immerhin einig.

Weltmuseum ohne "Welt"

"Im Endeffekt, wenn es so weiter geht, kann man das 'Welt-' vorn dran streichen. Kann man heute schon fast… Was glauben Sie, wie viele Mails immer kommen, wo die Leute sich beschweren, weil sie genau das vor Augen haben", berichtet Museumleiterin Annette Ludwig ihren Unterstützern.

"Die wissen nicht, was Weltmuseum eigentlich bedeutet, dass wir nicht nur deutsche und europäische Strömungen zeigen, sondern weltweit. Die glauben: Welt-Standard. Dann kommen sie da rein und stellen halt fest, wir sind meilenweit davon entfernt, Welt-Standards zu haben."

Das Szenario ohne Bibelturm – noch düsterer:

"Wenn alles so bleibt, wie es war, dann braucht auch niemand mehr stolz auf das Museum zu sein, denn wir können nicht mehr am Leihverkehr teilnehmen. Das ist nicht so daher gesagt, sondern wir können dann keine großen Ausstellungen mehr machen, weil einfach die Technik – alles ist veraltet – die konservatorischen Bedingungen sind nicht einzuhalten, und irgendwann wird die Bauaufsicht kommen und das Haus teilschließen."

Wegen der schärferen Brandschutzauflagen. Die müssen dringend erfüllt werden, hat die Kommunalaufsicht verlangt, und das werden sie parallel zum Turmbau auch, versichert die Baudezernentin von der SPD. Als sie gemeinsam mit dem Oberbürgermeister, ihrem Parteifreund, aus dem Rathaus tritt, warten da schon zwei Dutzend Aktivisten der Bürgerinitiative gegen den Turmbau auf den verabredeten Termin.

BI-Sprecher Nino Haase: "Vier Ordner haben wir, 1800 Listen"

OB: "Hilf mir mal einer, ich hab hier Arme wie Gummi!"

Lieber Protest als Schweigen in der Stadt

Als ihm ein Sprecher der Initiative mehr als 13.000 Unterschriften für ein Bürger-Begehren gegen den sogenannten "Bibelturm" übergibt, lächelt Michael Ebling verbindlich in die Runde, wie sie das für einen gewieften Volkstribun gehört. "Fragt die Mainzer" ist das BI-Motto. Ein Appell an den Stadtrat, der den 23 Meter hohen Turm neben dem prächtigen Barock-Haus zum Römischen Kaiser abgesegnet hat. Mag der OB innerlich fluchen über aufmüpfige Bürger, die das Renommier-Projekt torpedieren , der Sozialdemokrat lässt sich nichts anmerken.

"Ich bin beeindruckt. Ich find' das gut, weil: Wir reden immerhin über das Gutenberg-Museum. Es wäre ja eher schade gewesen, wenn es eine Erweiterungsidee zum Gutenberg-Museum gibt und in der Stadt wäre Schweigen gewesen. Also insofern ist mir eine lebendige Stadtgesellschaft bei allem Konträren lieber, weil ich darin auch Engagement für die Stadt und für die Sache sehe."

Bis zur Stadtratssitzung Ende November wird geprüft, ob mindestens 7.800 Unterschriften von wahlberechtigten Mainzern stammen, und ob die Listen fristgerecht eingereicht wurden. Ist das der Fall und das notwendige Quorum erreicht, könnte das Bürgerbegehren stattfinden. Nähmen 15 Prozent der Mainzer daran teil und votierten mit einfacher Mehrheit gegen den Neubau, dann wäre der Bibelturm passé. Bis Anfang des Jahres hatte Christian Kleebach den Sieger-Entwurf des Hamburger Büros DFZ befürwortet. Als Turm mit transparenter Gitterwerk-Fassade aus perforiertem Kupferblech mit historischen Lettern, unten einladend geöffnet. Zum Turm-Gegner mutierte der Mainzer Architekt erst im Februar, "als ich plötzlich einen ganz anderen Entwurf vorfand, als aus dem Lese- und Bücherturm ein ‚Bibelturm‘ wurde. Fenn das Gebäude ist von seiner Funktion her komplett auf den Kopf gestellt. Das Schlimmste war, dass wir die Zugangsmöglichkeiten verloren hatten. Also die ursprüngliche Idee, das Gebäude an einen öffentlichen Platz zu stellen, aber dann der Öffentlichkeit auch wiederzugeben, dadurch, dass unten ein großes Empfangsfoyer ist, was Barrieren abbauen sollte, dass die Leute sich mit Buch und Druck beschäftigen können, ohne Eintritt zu zahlen, erstmal als Treffpunkt – das war komplett aufgegeben. Und seitdem habe ich gesagt, dann hat das Ding für mich keinen Zweck und keine Funktion mehr."

Ein abgeschotteter Monolith statt Offenheit für alle

Aus dem offenen Museums-Entree sei ein abgeschotteter Monolith geworden, zugänglich nur über eine unterirdische Verbindung vom Altbau dahinter. Solch ein Block passe aber nicht auf den Liebfrauenplatz, findet Kleebach.  BI-Mitgründer Nino Haase war von Anfang an dagegen: 

"Der Liebfrauenplatz hat sich in den letzten zehn Jahren zum absoluten Herz der Mainzer Seele entwickelt. Die Leute treffen sich dort im Sommer unter der Woche. Am Wochenende das große Marktfrühstück, da treffen sich Jung und Alt. Das ist ja genau der Punkt, dass wir sagen: Wie wenig Fingerspitzengefühl muss man aufbringen, um an diesem Platz so ein Bauwerk zu planen?"

"Das passt dort nicht!"

An Markt-Samstagen schenken Mainzer Winzer aus. Die Bänke zwischen den Blumenrabatten, der Rindenmulch um die Platanen, sogar der nackte Boden – die Turmbaustelle in spe ist besetzt mit Kaffee- und Weintrinkern. Manche bringen Aldi-Wein von Zuhause mit und nutzen das Gutenberg-Museum als öffentliches Klo. Haben viele nur deshalb gegen den Turm unterschrieben, weil der dem ungehemmten Genuss von Weck, Worscht un' Woi eine Fläche von 120 Quadratmetern entzieht? Weil ein halbes Stiefmütterchen-Beet und drei alte Platanen architektonischer Hochkultur weichen müssen? Turmbefürworter argwöhnen genau das. Nino Haase kontert: "Sie könnten ja mal den Münchener fragen, was er davon halten würde, wenn auf dem Viktualienmarkt der Mai-Baum abgerissen und dort ein großes Museum hingebaut würde, das passt dort nicht!"

Die Protestler ziehen von dannen, um den Etappensieg zu feiern. Spatenstich Anfang 2018 – wird wohl nichts. Vielleicht, so hofft die BI, setzt stattdessen ein Nachdenken ein. Über die aus ihrer Sicht wichtigeren Teile des Siegerentwurfs: das Sanieren, Erweitern und Aufstocken des Altbaus, die Entwicklung zum offenen Gutenberg-Quartier.

"Sie können gern noch unterschreiben."

Der Versuch, die Unterschrift des Oberbürgermeisters zu gewinnen – vorerst gescheitert. Lars Reichow als Initiator der Neubau-Idee hat indes angedroht, auszuwandern, falls es mit dem Bibelturm nichts wird. In ein Nachbardorf . Mehr Distanz zum geliebten Gutenberg-Museum hält der Mainzer Kabarettist nicht aus.

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