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Nachspiel | Beitrag vom 22.12.2019

Gut gedehnt und gefahrenbewusst Wie man gesund durch die Skisaison kommt

Von Anke Petermann

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Eine Skifahrerin bei einem Sprung in der Luft. (Getty / Kevin C. Cox)
Ganzheitlich zu trainieren und auch das Bewusstsein für Gefahrensituationen zu schärfen, rät der Hildesheimer Sport-Professor Nico Kurpiers. (Getty / Kevin C. Cox)

Mehr als zehntausend deutsche Skifahrer verletzen sich pro Jahr allein am Knie. Wer gut vorbereitet in die Saison geht, lernt Bewegungstechniken leichter und reduziert das Verletzungsrisiko. In Zukunft kann auch Sensorik in Textilien die Sicherheit erhöhen.

Skilaufen trainiert das Gleichgewicht, die Koordinationsfähigkeit. Bei kranken Kindern sogar noch stärker als bei gesunden, hat Nico Kurpiers nachgewiesen. Seit mehr als 20 Jahren organisiert der Hildesheimer Sportwissenschaftler Skifreizeiten zur Rehabilitation für krebskranke Kinder.

Bei ihnen hat er gemessen, "wie sich die Balancefähigkeit innerhalb von einer Woche Skifahren verbessert. Und die Vergleichsgruppe war eben eine Patientengruppe, die eine normale Reha, also keine Ski-Reha hatte. Die haben sich auch sportlich betätigt, aber nicht in diesem Maße. Und meine Hypothese war, dass durch das Skilaufen, was sich ja auszeichnet durch ein Spiel mit dem Ungleichgewicht bei den Schwüngen links und rechts – man hat eine dynamisches Gleichgewicht, kommt ins Ungleichgewicht und so weiter, dass sich das positiv auswirken könnte auf die Balancefähigkeit, die ja ganz wichtig ist, weil sie verloren geht.

Da gibt es Studien darüber, dass sie bei Krebskranken stark verloren geht, und die möchte man natürlich wiedererlangen. Und da haben wir Recht behalten, durchs Skilaufen konnte man das fördern und verbessern. Das war erstaunlich: also ein signifikanter Zuwachs an Balancefähigkeit innerhalb der Patientengruppe beim Skifahren, wohingegen es sich auch verbessert hat bei der Kontrollgruppe, aber eben nur leicht."

Gleichgewicht und Koordination trainieren

Ganz gleich ob jung oder alt, krank oder gesund: Wer das Skilaufen gut vorbereitet angeht, lernt Bewegungstechniken leichter und reduziert das Verletzungsrisiko. Kitas, Schulen und Vereine können online das DSV-Mobil des Deutschen Skiverbands buchen, die Uni Kaiserslautern hat das für ihr Schneesport-Symposium getan.

"Und da haben wir verschiedene Stationen aufgebaut mit einer Slackline, mit einer Koordinationsleiter, wo wir dann verschiedene Aufgaben vormachen werden", erklärt Sportmanagement-Student Tim Zimmermann.

Meite Farin macht ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim DSV-Mobil und zeigt als Balance-Vorübung auf dem Boden, "dass man sich nur auf ein Bein stellt und die Zahlen mit dem Fuß malt, oder Fußkreisen, einmal so ein bisschen die Beine durchbewegen." Auch mal erschwert auf einem Wackelbrett oder einem Wackelkissen aus Gummi. Dabei Bälle zu werfen, trainiert Gleichgewicht und Koordination noch intensiver.

Der Parcours des DSV-Mobils eine Herausforderung – auch für Sportstudenten.

Ein starker Muskel kann auch schädlich sein

"Ganz sicher hilft Training", konstatiert Veit Senner, Professor für Sportgeräte und -Materialien an der Uni München. "Weil der Muskelapparat dann besser wird, und Muskeln schützen das Knie." Das beim Alpinskilauf am häufigsten verletzte Körperteil mit mehr als zehntausend betroffenen deutschen Skifahrern im Jahr.

"Interessanterweise gibt es aber auch Situationen, wo ein starker Muskel sogar schädlich sein kann. Das glaubt man gar nicht. Aber es gibt die Beschreibung eines Verletzungsmechanismus: Sehr starke Muskelanspannung des Quadrizeps, also Oberschenkelmuskel, kann zu einer isolierten Kreuzband-Ruptur führen."

Zum Kreuzbandriss im Knie - bei Skirennläufern zum Beispiel. "Deshalb ist gleichzeitig auch eine gute Flexibilität, also Dehnfähigkeit wichtig", ergänzt der Hildesheimer Sport-Professor Nico Kurpiers. Ganzheitlich zu trainieren, rät er – und auch das Bewusstsein für Gefahrensituationen zu schärfen.

Neben den Rasern sind auch langsam fahrende Anfänger besonders verletzungsgefährdet, beobachte sein Münchner Kollege Veit Senner. "Also, diese langsamen Stürze, die gar keine große Energie oder Dynamik drin haben, die sind dann in dem Punkt sogar kritischer. Wenn jemand bei hoher Fahrgeschwindigkeit stürzt, dann löst die Bindung leichter mal aus."

Neuerungen auf dem Markt

Dafür dass die Skibindung nicht ordnungsgemäß auslöst, gibt es ein zunehmendes Risiko, nämlich dass neuartige Alpin-Skischuhe mit flexiblen Sohlen auf den Markt gekommen sind. Diese eignen sich auch fürs Skitouren-Gehen, passen aber nicht mehr in die alten Alpin-Bindungssysteme.

"Selbst der Sport-Fachhandel ist noch nicht in jedem Punkt darüber informiert, der Skiverleih nicht immer, je nachdem, wie gut die sich mit den Firmen und den Angaben auseinandersetzen", stellt Veit Senner fest. Der Skiläufer muss sich selbst kundig machen.

In den kommenden Jahren dürften zu den Neuerungen auf dem Markt auch Sensorik in der Skiausrüstung gehören und mechatronische Skibindungen, die auf eingespeiste Messwerte reagieren.

"Nicht nur die Kräfte zwischen dem Fuß und dem Ski, das war ja bislang auch schon eine Information, die die Bindung bekommen hat, sondern jetzt noch zusätzliche Informationen, wie zum Beispiel Muskelzustand. Das Stichwort heißt ‚Wearables‘, also die Integration von Sensorik in die Textilien, auf eine Art und Weise, dass Sie das möglichst nicht merken."

Nicht am Körper, meint Veit Senner. Aber am Preis vermutlich schon.

Hören Sie auch "Nachspiel"-Redakteur Jörg Degenhardt im Gespräch mit Ernst Vogt, Leiter der Bergsteigerredaktion beim Bayrischen Rundfunk, über Wintersport in Zeiten des Klimawandels:
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