Gut aufgestellt und im grünen Bereich?

Rolf Schneider © Therese Schneider
Von Rolf Schneider · 12.05.2006
Dem Verkehrsbereich scheint eine Lieblingswendung des derzeitigen Politsprechs zu gehören. Dauernd sind dort Dinge im grünen Bereich oder noch in demselben. Was aber wäre, wenn sie denselben verließen?
Es existiert im politischen Betrieb der Bundesrepublik Deutschland eine ganz große Koalition. Sie reicht vom rechten Flügel der CSU bis zur Kommunistischen Plattform von Linkspartei PDS. Sie hat nicht mit Ideologie zu tun, sondern mit Sprache, aber da Sprache - nicht nur bei Karl Marx - die Materie des menschlichen Denkens ist, ist die Sache doch wieder mit Ideologie verknüpft.

Die Sprache, von der hier gehandelt wird, ist eine Spezialität der classe politique. Sie führt die saloppen Namen Politsprech und Politwelsch; außerhalb des politischen und medialen Betriebes ist sie ungebräuchlich. Eines ihrer Kennzeichen ist die Verwendung von Metaphern und Bildern, die Sachkenntnis simulieren, sich bei genauer Betrachtung jedoch als falsch, inhaltsleer oder unsinnig erweisen.

Wir dürfen von der ganz großen Koalition der Zeichensetzer sprechen. Unentwegt werden hierzulande Zeichen gesetzt, aber wo, da Metaphern einer nachprüfbaren Realität entstammen, passiert dergleichen denn in der nichtmetaphorischen Wirklichkeit? Es passiert nirgends. In der Wirklichkeit werden Segel gesetzt und Signale, letzteres bei der Eisenbahn. Zeichen werden aufgestellt, zum Beispiel als Verkehrsgebot. Was das Zeichensetzen aussagen möchte, wird durch andere, treffendere Metaphern eingelöst, wie Fahne zeigen oder Feld besetzen. Aber will es denn überhaupt etwas aussagen? Handelt es sich nicht vielmehr um pompöses Wortgeklingel?

Dem soeben erwähnten Verkehrsbereich scheint eine andere Lieblingswendung des derzeitigen Politsprechs zu gehören. Dauernd sind dort Dinge im grünen Bereich oder noch in demselben. Was aber wäre, wenn sie denselben verließen? Dann befänden sie sich wohl im roten Bereich. Einen solchen gibt es in der Tat, bei den Armaturen des Automobils zum Beispiel; wenn die Betriebstemperatur zu hoch oder der Benzinvorrat zu niedrig ist, eilt der entsprechende Zeiger in einen roten Bereich. Ist hingegen alles in Ordnung, verharrt er mitnichten in einem grünen, vielmehr in einem weißen, grauen oder schwarzen Bereich, je nach Dessin. Grün zeigt bloß die Ampel an Straßenkreuzungen; den dadurch angezeigten Zugang hat man freilich schleunigst zu passieren, da die Ampel demnächst wieder auf Rot springen wird. Ich kenne keine Armatur mit einem wie auch immer ausgewiesenen grünen Bereich. Die Politsprecher dürften ihn auch nicht kennen. Die von ihnen verwendete Metapher ist Unsinn.

Mit den Dingen, die man im Griff hat, verhält es sich ähnlich. Das Wort Griff assoziiert zunächst jenes freundliche Element, das Teekanne, Tür oder Kochtopf handhabbar macht. Freilich hat man jene Dinge dann nicht im Griff, sondern man hält sie an demselben. Die Wendung, man habe etwas im Griff, leitet sich vielmehr her von einer Sportart, einer gewalttätigen, dem Ringkampf. Dort hat man einen gegenwehrunfähigen oder besiegten Gegner im Griff. Die metaphorische Übertragung auf die Situation, dass man ein Problem zu bewältigen dabei oder imstande sei, ist unverhältnismäßig. Wir haben es mit der Militarisierung eines eigentlich zivilen Vorgangs zu tun.

Eindeutig dem soldatischen Bereich entstammt die Mitteilung, man sei gut aufgestellt. Für eine Wahl etwa, für eine Aufgabe oder eine Regierung. Immer betrifft dies eine Kollektiv, eine Mannschaft, und natürlich ist die Sphäre, an die damit erinnert werden möchte, jener der zumal derzeit höchst populären Sportart Fußball. Auch der ist seinem Wesen zufolge, wie aller Sport, ein kriegerisches Ding. Er simuliert die Auseinandersetzung zwischen zwei feindlichen Parteien. In Zeiten, da in Schlachten noch geschlossene Armeen gegeneinander antraten, musste gleichfalls aufgestellt werden. Der alte Fritz von Preußen hat derart seine Eroberungen Schlesiens praktiziert. Seit der Französischen Revolution ist diese Art der Kriegsführung überholt.

Man könnte noch an das Schachspiel denken, wo gleichfalls zwei Gegner um Sieg und Niederlage kämpfen. Allerdings ist zum Beginn die Aufstellung auf beiden Seiten völlig identisch. Den einzigen Unterschied machen hier die Farben schwarz und weiß. Es gibt keine gute Aufstellung beim Schach. Über den weiteren Verlauf, über Sieg und Niederlage entscheiden allein die Fähigkeiten der Kontrahenten. Beim Fußball verhält es sich ebenso. Zu Beginn ist die Aufstellung gleichfalls identisch: elf Spieler auf jeder Seite. Es gibt keine gute Aufstellung mehr. Es gibt eine Aufstellung von guten oder potenten Leuten. Das möchte mancher Politsprecher vielleicht sagen, aber so sagt er es nicht.

Er sagt es nicht, weil er nicht weiß. Er sagt es, weil es schön klingt und weil die anderen in der Branche genau so reden. Es geht überhaupt bloß ums Reden. Es kommt einzig an auf den Vorgang der verbalen Entleerung. Nicht mehr der Inhalt ist wichtig, bloß noch das Sprechgeräusch. Ich bin nicht mehr, wie Descartes, weil ich denke. Parlo ergo sum. Ich bin, weil ich rede. Im Zweifelsfall einsdreißig fürs Fernsehen. Wir sind gut aufgestellt und haben die Dinge im Griff, womit wir uns im grünen Bereich befinden. Dafür setzen wir ein Zeichen.


Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u. a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.