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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.03.2016

Guntram Vesper: "Frohburg"Koloss mit Glanzstücken

Von Rainer Moritz

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Guntram Vesper (Deutschlandradio Kultur )
Guntram Vesper (Deutschlandradio Kultur )

"Frohburg" heißt der neue Roman von Guntram Vesper, benannt nach der gleichnamigen Stadt in Westsachsen. Auch wenn das Lesen der knapp 1000 Seiten nicht immer einfach fällt, ist Vespers Werk beeindruckend, findet Rainer Moritz.

Gewiss, nach gut eintausend Seiten findet dieser monumentale, aus zahllosen Abschweifungen, Rückblenden und Heraufbeschwörungen bestehende Roman, der Anekdotisches, Historisch-Faktisches und Privates zu einem Flickenteppich zusammenfügt, ein Ende, doch es bedürfte nicht des Hinweises des Autors, dass er für die Drucklegung auf 400 Seiten verzichtet habe, um zu spüren, welches unendliche, unbeirrbar vorangetriebene "work in progress" hier vorliegt.

Bereits 1985 hatte der 1941 im westsächsischen Frohburg geborene, bislang vor allem als Lyriker und Hörspielautor bekannte Guntram Vesper bei S. Fischer ein schmales, aus Gedichten und Aufsätzen bestehende Buch mit dem Titel "Frohburg" veröffentlicht – erstes offenkundige Indiz der Arbeit am "ausufernden Frohburgroman".

Erinnerungen jahrzehntelang durchforstet und durchsucht

Jahrzehnte hat Vesper mit dem "Durchgehen, Durchsuchen, Durchforsten von Erinnerungen" zugebracht und seine Frohburger Kindheit und Jugend – 1957 floh er mit seiner Familie in die Bundesrepublik – auf die unheilvolle, ideologisch besetzte Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bezogen, ergänzt durch selbstgefertigte Lagepläne und Zeichnungen, von denen einige wenige das Vorsatz des Buchblocks zieren.

"Roman" nennen Autor und Verlag das Ergebnis dieses personenreichen "Erinnerungsgemenges", wohl wissend, dass auf der fiktionalen Komposition des Erzählten nicht das Hauptaugenmerk liegt. "Für etwaige Zweifler also sei es Roman!" – das Theodor Fontanes "Meine Kinderjahre" entnommene Motto weist darauf hin, dass Vesper zum einen kein Interesse daran hat, sich selbst und seine Herkunft zu fiktionalisieren, und dass es ihm zum anderen nicht primär darum geht, einen Plot im engeren Sinne zu entwickeln oder Handlungsübergänge eigens zu legitimieren.

So setzen die mal ein oder zwei, mal ein Dutzend Seiten umfassenden Erinnerungsstücke oft übergangslos mit "Schnitt", "Einschub Enteignungen, auf Frohburg bezogen" oder "Meine schwache Erinnerung an die erste Schulstunde" ein und sprechen eher unmotiviert einen unbestimmten Leser ("Klick mal die Homepage von Eigenrieden an") an.

Ein gewaltiges, beeindruckendes Werk

Das ist – so plastisch-präzise Vesper das Erinnerte zu evozieren weiß – in dem Verlangen, alles und jedes auszubreiten, mitunter beschwerlich zu lesen, zumal Vespers Abschweifungslust kaum Grenzen kennt. Da werden unerhebliche Schnurren aus Akademiezusammenkünften erzählt, da wird an Jenny Erpenbecks Großmutter, an Telefonate mit dem kauzig-egozentrischen Walter Kempowski, an Arno Schmidts Interesse für ausladende Frauengesäße, Ahrenshooper Spaziergänge, die Büchersammellust des Autors, Joseph Breitbachs Zudringlichkeiten, Günter Grass’ 80. Geburtstag oder Tilman Jens’ Einbruch in Uwe Johnsons Haus erinnert.

Trotz dieser zu wenig austarierten, immer wieder in die Gegenwart springenden Memoirenseligkeit ist "Frohburg" ein gewaltiges, beeindruckendes Werk. Dort vor allem, wo Vesper die Geschichte seiner (Tier-)Arztfamilie über Generationen hinweg auf wunderbare Weise mit kleinen und großen historischen Ereignissen und Reflexionen verknüpft. Wenn er von der letzten, 1908 vollzogenen Hinrichtung einer Frau in Sachsen (der Mörderin Grete Beier mit dem "Engelsgesicht") erzählt, wenn er auf romantaugliche Strukturelemente vertraut – den Spaziergang dreier Bekannter, darunter Erich Loest, 1953 durch Frohburg oder eine brillant eingefangene Motorradfahrt seiner Eltern in den 1930er-Jahren –, dann entstehen Bilder und Szenen, die das historische Geflecht des letzten Jahrhunderts völlig unangestrengt vergegenwärtigen und bündeln.

Wie in jener Beschreibung der im böhmischen Erzgebirge gelegenen und vom Volksdichter Anton Günther verewigten Kneipe "Dreckschenke", wo sich zwischen Trinkgelagen eines der vielen Dramen des Hitler-Regimes abspielt. Dann plötzlich wird "Frohburg" mit all seinen mäandrierenden Erinnerungsströmen zu großer Literatur, und zum Glück ist es nicht schwer, in diesem Koloss von Buch derartige Glanzstücke aufzuspüren.

Guntram Vesper: "Frohburg"
Roman
Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2016.
1002 Seiten, 34,00 Euro

Hören Sie hier ein Interview mit dem Autor Guntram Vesper zu seinem neuen Roman.

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