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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.11.2018

Guillermo Arriaga: "Der Wilde" Waisenjunge zähmt Wolfshund – und umgekehrt

Von Patrick Wellinski

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Cover von Guillermo Arriagas "Der Wilde" vor einer Säule der Azteken (Klett Cotta/imago/robertharding/Collage: DLF Kultur)
"Der Wilde" ist auch ein Bildungsroman, der die mexikanische Zeitgeschichte wieder auferstehen lässt, meint unser Kritiker. (Klett Cotta/imago/robertharding/Collage: DLF Kultur)

Erlösung wird aus Schmerz geboren. Davon erzählte Drehbuchautor Guillermo Arriaga in "Amores Perros" und "21 Gram", und nun auch in "Der Wilde". Ein Roman über einen Waisenjungen, dem ein Wolfshund über Trauer und Rachegelüste hinweghilft.

"Wer seinen Hund im Leben schlecht behandelt, wird niemanden haben, der ihm über den Fluss hilft, und einsam durchs Labyrinth der Dunkelheit irren." In der aztekischen Mythologie ist der Hund nicht nur der beste Freund des Menschen, sondern auch sein Begleiter ins Jenseits.

Vielleicht ist es diese nie ausgesprochene Bindung, die den 17 Jahre alten Juan Guillermo dazu bringt, eines Tages den gefährlichen Colmillo von seinen Nachbarn zu retten. Diese wollen den gefährlichen Wolfshund einschläfern lassen, weil seine Gewaltausbrüche die ganze Nachbarschaft in Angst versetzen. Und dann sind sie allein in der Wohnung. Der aggressive Waisenjunge und der nicht weniger aggressive Wolfshund.

Der mexikanische Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur Guillermo Arriaga erzählt in seinem opulenten Roman "Der Wilde" von Juan Guillermo, dessen Kindheit im Mexiko der 1960er-Jahre nach grausamen Schicksalsschlägen jäh zu Ende geht. Erst stirbt sein Zwillingsbruder bei der Geburt, etwas, das seine Eltern Juan indirekt vorwerfen. Dann stirbt sein großer Bruder Carlos durch einen grausamen Mord – ausgeübt von christlichen Fundamentalisten.

Überall lauert der Tod

Wenig später ist nicht nur Juans Großmutter tot, sondern auch seine Eltern kommen bei einem Verkehrsunfall um. All das geschieht in drei Jahren und konfrontiert Juan auf fast schon makabre Weise mit Tod und Sterblichkeit. Die Gewalterfahrungen setzen sich in der Nachbarschaft fort: Es wird mit Drogen gehandelt, Banden ziehen durch die Straßen, illegale Straßenkämpfe finden statt und üble Typen kreuzen seinen Weg. Erst mit Colmillo beginnt etwas Neues. Erst in der Nähe des wilden Tieres und mit der Hilfe eines liebevollen Zirkusdompteurs kommt Juan innerlich zur Ruhe.

Guillermo Arriaga gehört zu den bekanntesten Erzählern seines Landes. Vor allem seine Arbeit als Drehbuchautor an der Gewalt-Trilogie mit Regisseur und Oscar-Gewinner Alejandro Gonzales Innaritu machte ihn berühmt. In den Filmen "Amores Perros", "21 Gram" und "Babel" porträtierte Arriaga eine hoch determinierte Welt, in der alles mit allem verbunden ist: Erlösung ist ein Prozess, der nur aus tiefem Schmerz geboren wird.

In gewisser Hinsicht nutzt Arriaga diese Erzählhaltung als Grundmuster für "Der Wilde". Der Roman besteht aus unendlich vielen kleinen Kapiteln. Rück- und Vorblenden wechseln sich mit inneren Monologen, poetischen Wortketten, anthropologischen und mythischen Anekdoten ab. Plötzlich springt die Handlung auch nach Kanada zu einem geheimnisvollen Inuit und seiner Wolfsjagd.

Erzählmosaik als Spiegel innerer Zerrissenheit

In dieser Puzzle-Dramaturgie bleibt Arriaga ganz seinem Stil treu. Und auch wenn diese ungezügelte Fabulierlust auf den ersten Blick etwas manieriert und gewollt erscheint, sind die unterschiedlichen Zeitebenen und Handlungsverläufe immer sicher in den Händen des Autors.

Das Erzählmosaik als Spiegel von Juans innerer Zerrissenheit ist wirkungsvoll komponiert. Beeindruckend ist auch, mit welcher Leichtigkeit Arriaga die 1960er-Jahre auferstehen lässt. Juan rebelliert gegen die für ihn dämliche Beatles-Musik. Er liebt nur Jimmy Hendrix. Sein großer Bruder hat ihn noch vor seinem Tod mit Literatur von Faulkner und Dostojewski versorgt. Ja, "Der Wilde" ist auch ein Bildungsroman, der die mexikanische Zeitgeschichte wieder auferstehen lässt.

Doch am Ende des gewaltigen Unterfangens sind Trost und Trauer die unsichtbaren Rhythmusgeber der Geschichte. Juan Guillermos Freundschaft zu seinem Wolf wird letzten Endes zum Gleichnis für die Domestizierung seiner Rachegefühle und ein Weg hinaus aus der Einsamkeit für diesen äußerst vereinnahmenden Waisenjungen. Wie Arriaga dies alles unter einen Hut bringt, zeichnet ihn als modernen Erzähler aus.

Guillermo Arriaga: "Der Wilde"
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Klett-Cotta, Stuttgart 2018
745 Seiten, 26 Euro

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