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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2015

Günter Grass: "Vonne Endlichkait"Verlust der Lust und der eigene Verfall

Von Jörg Magenau

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Aufgeschlagen: Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)
Aufgeschlagen: Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)

Mit dem posthum erscheinenden Band "Vonne Endlichkait" zieht Nobelpreisträger Günter Grass eine Lebensbilanz. In den Bildern und Texten schimmert das Entsetzen über den eigenen Verfall. Einfache Motive plustert er mit Bedeutung auf.

Einen letzten Zahn hatte er noch. Zum Beißen reichte das nicht mehr, aber doch dafür, wahlweise die Enkel oder sich selbst vor dem Spiegel zu erschrecken. Das daraus entstandene "Selbstbild" mit aufgerissenem Maul wirkt aber eher komisch.

Nur mühsam überdeckt Günter Grass in seinen letzten Bildern und Texten das Entsetzen über den Verlust der Lust und den eigenen Verfall. "Vonne Endlichkait" hat er diese kurz vor seinem Tod abgeschlossene Sammlung von Gedichten, Radierungen und kleinen Prosastücken genannt, mit denen er den Schlussstrich zu ziehen bemüht ist, "solange die Hand noch nicht zittert".

Der Titel in seiner dialektalen Heiterkeit lässt die Anstrengung ahnen, die es ihn gekostet hat, angesichts der Vergänglichkeit Bilanz zu ziehen. Das eigene Gebiss kommt schließlich neben einem Elchschädel zu liegen, was Grass, weil er seinen Zeichnungen offenbar nie ganz vertraut, dann auch noch einmal in Gedichtform sagen muss.

Diese Bild-Text-Doppelungen unterlaufen ihm oft, womit er die Gedichte zu Bildunterzeilen degradiert und die Bilder zu bloßen Illustrationen macht.

Zu sehen sind tote Vögel, Nester, Herbstlaub, Federn, Sargnägel, abgeschnittene Finger, vertrocknete Frösche, verblühte Sonnenblumen, faulende Äpfel, Pilze, kalt gewordene Pfeifen. Die Symbolik ist verstehbar, die Motive sind bekannt. Erträglich ist das, solange die Dinge bloß als Dinge vorgeführt werden und auf nichts verweisen müssen als auf sich selbst.

Die Dinge in ihrer zuverlässigen Dinglichkeit sind es, die der am eigenen Leib erfahrenen "Endlichkait" entgegengehalten werden. Da ist – im Gestus der Verabschiedung - noch einmal zu erleben, wie Grass aus den Sinnen heraus lebte und schrieb, wie er alles anfassen musste, um es zu begreifen und wie bei ihm, dem gelernten Steinmetz, nicht zuletzt auch das Buch selbst erst in seiner Dinglichkeit Gestalt gewann.

Dass der Steidl Verlag bei Grass-Büchern weder Fahnen noch Dateien vorab verschicken durfte, diente ja nicht nur dazu, Kritiker und Redaktionen zu quälen, sondern hatte seinen Grund eben darin. Alles hat Grass noch bestimmt: Papier und Tintenschwärze, Schrifttype und Einband.

Erlesenes Material, einfache Gedanken

Zur Erlesenheit des Materials kommt die Einfachheit der Gedanken. Doch das Einfache ist ein großes Ziel, schwer zu erreichen. Verheerend wirkt sie sich in den zeit- und medienkritischen Gedichten aus und da, wo Grass den Frauen, dem Fleisch und der Lust nachtrauert.

So schlicht die Motive, so viele Worte braucht er dann doch dafür. Weil er alles ins Bedeutungshafte aufplustert, entstehen barocke Manierismen. So wohnt er nicht einfach irgendwo, sondern "findet eine Bettstatt", ein Bariton singt nicht etwa, sondern seine Stimmbänder "geben die Winterreise her", das Schreiben ist "der Lust juckender Kitzel" und "über allem wabert der Mundgeruch des Herbstes."

Gut wird er dann, wenn ihm die Kraft für derlei Bemühen fehlt und er wirklich einmal haikuhaft einfach wird:

"Seitlich des Wellensaums
komme ich mir – hin und zurück –
barfuß im Sand entgegen."

Sehr schön in ihrer gelassenen Heiterkeit ist die zentrale Geschichte des Bandes. Sie handelt davon, wie er und seine Frau sich schon einmal Särge tischlern lassen, ihrer aus Kiefer, seiner aus Birke. Als die Kisten dann geliefert werden, liegen sie darin Probe und hören den anderen atmen nebenan. "Du sahst so zufrieden aus", sagt seine Frau in dieser Geschichte.

Es ist ein langer Abschied vom Leben und von sich selbst. Der Kuckuck ruft nur noch drei Mal, und wenn es rumpelt unterm Dach, weiß Grass:

"Das bin nicht ich. Das ist der Marder, der dort zu Hause ist."

So lebt er weiter, in den Tieren, in den Dingen. Die Frage "welche Fassade hoch genug ist für die kletternde Efeupflanze Unsterblichkeit", muss aber offen bleiben.

Günter Grass: Vonne Endlichkait
Steidl Verlag, Göttingen 2015
184 Seiten, 28,00 EUR

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