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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2015

Günter de Bruyn: "Die Somnambule"Immer mit leisem Spott

Von Edelgard Abenstein

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Günter de Bruyn (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Günter de Bruyn (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Ein alternder Politiker und ein mittelloses Kindermädchen: Die Geschichte um den Staatskanzler Karl August von Hardenberg und seine letzte Liebe ist geradezu umstellt von Klischees. Doch Günter de Bruyn vermeidet romanhafte Ausschmückungen und erzählt streng an den spärlich überlieferten Fakten entlang.

Die Preise, mit denen er ausgezeichnet wurde, tragen die Namen großer Romanciers wie Heinrich Mann, Thomas Mann, Fontane, Feuchtwanger. Doch Romane schreibt Günter de Bruyn, der am 1. November seinen 89. Geburtstag feierte, nicht mehr. Stattdessen leichthändige Biografien, über die Berliner Salondame Gräfin Elisa etwa und fabelhafte kulturgeschichtliche Essays über das Preußen um 1800.

Als hätte er sich von seinem Vorbild Fontane den "Altersrationalismus" abgeguckt: De Bruyns Blick fürs Abseitige und Kleine kommt ohne moralische Strenge aus, auch Heldenverehrung ist ihm fremd. Glücklicherweise, denn die Geschichte um den Staatskanzler Karl August von Hardenberg und seine letzte Liebe ist geradezu umstellt von Klischees.

Ein alternder Politiker und ein mittelloses Kindermädchen, er 66, sie 24; er, zwar immer noch des Preußenkönigs mächtigster Mann, hat den Zenit seines Ruhmes überschritten - und sucht nach Neuem, sie unterzieht sich, um ein Nervenleiden auszukurieren, einer topmodernen Therapie. Die Vorzeigepatientin heißt Friederike Hähnel, leichtbekleidet wird sie mittels Hypnose in Halbschlaf versetzt und verkündet einem erstaunten männlichen Publikum hellseherische Einsichten. Bis zu seinem Tod sechs Jahre später wird Hardenberg von dieser jungen Frau nicht mehr lassen. Er arrangiert eine Scheinehe für sie mit einem Herrn von Kimsky und vermacht ihr testamentarisch eine lebenslange Apanage.

Mit seiner Faszination an jener Mischung aus Esoterik und Erotik unterliegt Hardenberg einer Mode, die ganz Europa ergriff. Kleists "Käthchen von Heilbronn" ist davon genauso befallen wie E.T.A. Hoffmanns Coppelia, die Puppen-  Spuk-und Nachtgeschichten der Romantik. In einem beziehungsreich gearbeiteten Zeitmosaik greift de Bruyn weit aus, bis zur Psychoanalyse, als deren Vorläufer der künstlich erzeugte Somnambulismus aufscheint.

Kein schwüles Erotikbrevier

Formal pendelt er wie in seinen anderen Biografien auch hier zwischen Essay und Erzählung, er vermeidet romanhafte Ausschmückungen, erzählt streng an den spärlich überlieferten Fakten entlang, auch aus den haarsträubenden Klatschgeschichten der Zeit wird zitiert, immer mit leisem Spott. Es ist der durchgehend lakonische, elegant schlichte Ton, der vor der Gefahr eines schwülen Erotikbreviers bewahrt.

Was man von Friederike Hähnel alias Baronin von Kimsky weiß, stammt aus den Annalen derer, die ihr begegnet sind. Das waren Männer, die sich zu ihr hingezogen fühlten - oder solche, denen der ausgeprägte Aufstiegswille eines Kindermädchens suspekt war: Fürst Pückler, Karl August Varnhagen, Chamisso, der Maler Carus.

Schriftlich hat sie außer ein paar Briefen nichts hinterlassen, nicht ein einziges Porträt ist überliefert, auch ihr Grab in Rom gibt es nicht mehr. Dorthin zog sie nach dem preußischen Intermezzo, nur kurz unterbrochen durch den Versuch, in ihrer Geburtsstadt Neubrandenburg Fuß zu fassen, was gründlich schief ging, weil man eine zwar reiche, aber umso sündigere Baronin nicht duldete.

Ihren Gönner überlebte sie um ein halbes Jahrhundert  im Umkreis des Vatikans, wo sie es verstand - wie ein Nachruf im "Allgemeinen Mecklenburgischen Anzeiger" weiß - "klug, geistvoll, unerschöpflich im Witze alle, mit denen sie verkehrte, zu gewinnen". Selbst dem Papst vertrieb sie angeblich manch trübe Stunde.

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2015
152 Seiten, 17,99 Euro

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