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Studio 9 | Beitrag vom 12.07.2018

Günter BeltzigDer Spielplatzgestalter

Von Katrin Albinus

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Der Spielplatzdesigner Günter Beltzig (Imago)
Der Spielplatzdesigner Günter Beltzig (Imago)

Zu den Bausünden der Großstadt gehören auch viele Spielplätze. Denn oft planen hier zwar Landschaftsgestalter, die aber nur selten wissen, was Kinder brauchen. Günter Belzig dagegen ist Spielplatz-Profi - seit Jahrzehnten.

"Wenn ich auf den Spielplatz geh, schau ich immer nach Spielspuren.Da schauen wir mal hier, auf dem Stein, Sandhaufen mit Blumen geschmückt. Das ist zu 90 Prozent von einem Mädchen. Es kann sein, dass sie da was beerdigt haben, es kann allerdings auch sein, dass es auch irgendwas - ja, ein Geburtstagskuchen, oder sowas sein soll. Da vorne haben wir auch Spuren... "

Der Mann in Jeans und Flipflops ist auch Spurenleser. Günter Beltzigs  geschulter Blick scannt den leeren Spielplatz nach Hinweisen auf spielende Kinder. Die fehlen nämlich auf dem überschaubaren, fast ebenen Platz, der von einem Metallzaun umgeben an Wohnhäuser in Hamburgs Zentrum grenzt. So übersichtlich sollte ein Spielplatz nicht sein, findet Beltzig: "Wo ist denn das große Geheimnis, Abenteuer. Das ist doch: Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Nicht direkt auf einmal zu sehen. Dies Geheimnis. Was ganz wichtig ist: Ich muss meine Kinder hören. Ich hör ganz genau, wenn der sich weh getan hat, wenn der Hilfe braucht. Aber sehen brauche ich es nicht. Dieses Kontrollieren, wir kontrollieren ständig unsere Kinder."

Schimpfende Anwohner vorprogrammiert

Zu sehen und zu hören sind die Kinder hier sicher gut - leider auch von den Nachbarn. Ein schalldämpfender Grünstreifen, der gleichzeitig Sichtschutz bietet, fehlt. Da sind schimpfende Anwohner eigentlich vorprogrammiert. Mittlerweile haben sich ein paar Kinder auf dem Platz eingefunden und sogleich wird das Problem sichtbar:  "Dieses: Ins Spiel versunken, für mich hinspielen, in meiner Welt sein, und dann seh ich auf einmal: Da beobachtet mich einer. Da bin ich schon wieder 'raus gerissen, und bis ich dann wieder in meiner Spielwelt bin, dauert 'ne lange Zeit." Deswegen sind Beltzig Rückzugsorte wichtig, ebenso wie die Möglichkeit, auch selber gestalten zu können. Das alles ist hier kaum möglich.

Beltzig, Anfang 70, setzt sich auf die Schaukel. Ein Einzelspielgerät, erklärt er, ebenso wie die Rutsche und das Wackeltier daneben. Schöner wäre eine Version, auf der man zu zweit spielen kann, denn der Spielplatz ist auch Ort, um soziales Miteinander zu erlernen. Er betrachtet die restlichen Spielgeräte: Karussell, Balancierstange, Klettergerüst: "Das, was wir oft an Spielgeräten haben, sind eigentlich Turngeräte Körperertüchtigungsgeräte, die auch natürlich wichtig sind, auch für Koordination, für Muskeltraining, aber das ist nur eine ganz einseitige und ganz schmale Art des Spielens."

Auf dem Weg zum nächsten Spielplatz erklärt Beltzig seine Vision: Er, der Spielplatzgestalter, möchte Spielplätze eigentlich abschaffen und die Kinder aus der "Käfighaltung" befreien. Deswegen möchte er die ganze Stadt kindgerechter ausstatten: "Zum Beispiel hier, weil es ja sowieso so laut ist, so akustische Spielgeräte, wo ich so gegen haue, Glockenspiele oder sowas. Oder einen niedrigen Tarzan-Hänge-Weg machen - wo ich unten ein Seil habe und oben eins zum Halten."

Ein Junge auf einem Spielplatz (imago stock&people)Ein Junge auf einem Spielplatz (imago stock&people)

Beltzigs Visionen werden vorerst allerdings noch von der Realität durchkreuzt: Spielplätze zu schaffen ist eine Auflage für jeden Bauherren, der Gebäude mit mehr als drei Wohnungen errichtet, die Ausstattung muss bestimmten Sicherheitsvorschriften genügen. 

Spielplatz ohne Geheimnisse

Der zweite Spielplatz liegt zentral in einem Hamburger Park und ist bei Kindern beliebt. Doch Beltzig hat auch hier Kritik: Auch dieser Platz hält keine Geheimnisse bereit, die sich erst mit der Zeit erschließen. Alles ist sofort zu sehen: "Ja, ist eine Spiellandschaft, die sehr viel Möglichkeiten hat und ja, Entertainment. Das ist hier so, sagen wir mal, wie wenn ich eine ganz große Schüssel mit Bonbons und Schokolade und Kaugummi und Plätzchen kriege und weiß gar nicht, was ich als erstes alles in Mund stecken soll und irgendwann das große Kotzen habe."

Den perfekten Spielplatz gibt es ohnehin nicht, hier ist schon viel Richtiges dabei: Berglandschaften in denen man sich verstecken kann, Wasserspiele zum Rummatschen, überdachte Kletterlandschaften und ein Haus mit verschiebbaren Innenplatten, in dem man selbst zum Baumeister werden kann.

"Sowas ist gut, weil kein Spielplatz das hat. Kein einziger! Wenn da jetzt ein Klettergerüst, 'ne Schaukel und 'ne Wippe ist, dann ist das ein bisschen langweilig. Ein tolles Gerät muss schon dabei sein." Beltzig, der das Gerät selbst entworfen hat, freut sich über das Lob, unterhält sich ein bisschen mit dem Jungen. Der ist eher selten hier, hat wie viele Kinder, eigentlich wenig Zeit, auf den Spielplatz zu kommen. "Kinderleben ist sehr reglementiert durch die Schule, dann nach Hause, dann das, dann das... wann kannst du überhaupt auf einen Spielplatz gehen? Die Möglichkeit, Kind zu sein, ist schon sehr schwierig geworden."

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