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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2006

Grundstürzende Erfahrungen des russischen Menschen

Viktor Pelewin: "Das heilige Buch der Werwölfe". Luchterhand Literaturverlag, München 2006. 350 Seiten, 19,95 Euro

Rezensiert von Gregor Ziolkowski

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Der Rote Platz in Moskau (dradio.de)
Der Rote Platz in Moskau (dradio.de)

Die Beziehung zwischen einem Geheimdienstoffizier und einer Prostituierten gibt im Normalfall keine komplizierten Rätsel auf: Die Begierden des Fleisches oder das Gewinnen von Informationen (oder beides) definieren ein solches Verhältnis hinreichend. Wenn freilich ein Schriftsteller wie Viktor Pelewin eine solche Beziehung ins Zentrum eines Romans rückt, dann darf man erwarten, dass derart Naheliegendes noch einen Zug ins Ungewöhnliche erhält.

Und richtig: Weil nun mal im monströsen Moskau der Gegenwart am ehesten die Monster überleben, ist der Geheimdienstoffizier ein Werwolf und die Prostituierte eine Werfüchsin.

Das gäbe sicher Raum für einen ausschweifend-blutigen Tarantino-Spuk, aber bei Pelewin ist alles ganz anders. Monster zu sein ist schlicht eine Voraussetzung des Überlebens, des Geldverdienens. Und so reißen die beiden Wertiere nicht in mondhellen Nächten unschuldiges Fleisch, sondern er heult - gemeinsam mit den Kollegen von der Werwolf-Geheimabteilung - versiegende Ölquellen an, auf dass sie wieder sprudeln.

Das ist höchster Dienst am Vaterland, denn seine Rohstoffe sind Russlands ein-zige Geldquellen. Und was tut eine Werfüchsin als Prostituierte? Natürlich das Eine, aber sehr speziell: Ihr aufgestellter Schweif erzeugt eine Art Hypnose bei ihren Kunden, die in eine sexuelle Trance versetzt werden. Allein mit sich selbst und ihren Phantasien, verleben die Kunden Momente höchster Wonnen, während die werfüchsige Prostituierte - und Ich-Erzählerin - danebensitzt und Bü-cher liest.

Wer soviel Zeit zum Lesen hat, während sich das Geld praktisch wie von allein verdient, wer obendrein schon viele tausend Jahre auf der Welt ist, der sammelt allerhand Bildung oder wenigstens Wissen an. Und so lässt die Wer-füchsin kaum eine Gelegenheit aus, in schnoddrigen Kommentaren die Geistes- und Literaturgeschichte Russlands und der Welt ironisch abzufertigen oder zu rechtfertigen.

Das idyllische Techtelmechtel, das dabei ist, sich zu einer richtigen Liebesgeschichte auszuweiten, bekommt aber rechtzeitig Risse. Der Geheimdienst-Werwolf schafft nicht mehr die volle Metamorphose und kann sich nur noch in einen großen Hund verwandeln. Das täte der Liebe der Füchsin zwar keinen Abbruch, bringt ihn aber in Schwierigkeiten mit seinem Arbeitgeber: Ein Hund kann keine Ölquellen zum Sprudeln bringen. In der Folge dieses Konflikts kommt es schließlich zum Verlöschen der ungewöhnlichen Liebe.

"Und dann, endlich, werde ich erfahren, wer ich wirklich bin.", lautet der letzte Satz des Romans, und er fasst das Projekt dieses Autors in gewisser Weise zusammen. Denn alle Bücher Pelewins sind auf der Spur jenes russischen Menschen, der seit Beginn der 90er Jahre grundstürzende Erfahrungen machen musste. Unmittelbar aufeinander folgten zwei extreme Zustände: Eine hohl und sinnlos gewordene Ideologie aus einem verwitterten Imperium traf auf die schärfsten und härtesten Gegebenheiten einer praktisch über Nacht einsetzenden Marktgesellschaft.

Der Zusammenprall brachte ein neues Extrem hervor: Jene russische Spielart des Kapitalismus, die von Diebstahl, Gewinnmaximierung, totaler Kommerziali-sierung, Korruption und Machtbesessenheit ganz und gar durchdrungen ist. Viktor Pelewin ist der Chronist dieses Prozesses, den er mit einem speziellen Sound beschreibt wie sonst kein russischer Autor - voller überzeichnender Elemente, comicartig, phantastisch, drogengesättigt, unerhört, unterlegt von ei-nem Denken, das sich von fernöstlichen Weisheiten und esoterischem Schnickschnack lustvoll inspirieren lässt. Sein sarkastischer Eklektizismus hat immer provoziert und das nicht nur in Russland: Eine zentrale Frage Pelewins ist auch in diesem Roman die nach den "westlichen Werten", die sich im gegenwärtigen Zustand Russlands spiegeln.


Viktor Pelewin : Das heilige Buch der Werwölfe
Aus dem Russischen von Andreas Tretner.
Luchterhand Literaturverlag, München 2006. 350 Seiten, 19,95 Euro

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