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Religionen / Archiv | Beitrag vom 31.03.2019

Gruftforscher in HamburgSechs Fuß unter der Reeperbahn

Von Michael Hollenbach

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Andreas Ströbl kniet am Boden und zeigt Schädel und Knochen die auf einer Bank liegen. (Dana Vick)
Allerletzte Ruhe: Der Archäologe Andreas Ströbl bei der Einrichtung des Beinhauses unter der Kirche St. Joseph in Hamburg Sankt Pauli. (Dana Vick)

Krümelnde Särge, zerfallende Mumien oder klapprige Skelette – für die Archäologen Andreas und Regina Ströbl sind sie kein seltener Anblick. Die Sepulkralforscher untersuchen Grüfte und Grabkammern in Hamburgs Untergrund.

Dass es unter dem Hamburger Michel noch eine "Unterkirche" gibt mit 268 Gruftkammern, dürfte den wenigsten der rund eine Million Menschen, die jährlich das Hamburger Wahrzeichen besuchen, bekannt sein. Der Archäologe Andreas Ströbl steht neben einem der 52 Granitpfeiler, die das gedrungen wirkende Gruftgewölbe stützen. Mehrere Jahre hat er sich immer wieder in die Niederungen unter dem Michel begeben. Deckenlampen leuchten die Grabplatten auf dem Fußboden aus.

Möglichst nah an den Heiligen

"Ganz interessant ist hier im Michel, dass die Bestattungen in Beliebtheit und auch in Kosten unterschiedlich sind, je nachdem, wo sie liegen", erläutert Ströbl. "Wir sind hier wirklich in einer ganz strengen lutherischen Kirche, aber die Bestattungen unter dem Turm waren nicht so teuer wie die nah am Altar. Eigentlich ist es das katholische Prinzip: möglichst nah an den Heiligen, also an den Reliquien im Altar zu liegen, aber wir haben das eben auch in dieser protestantischen Kirche hier sozusagen als Relikt übernommen."

Sanierungsarbeiten in der Krypta des Michels boten Andreas Ströbl die Möglichkeit, 61 Grabkammern wissenschaftlich zu untersuchen. Manche Särge waren auch nach 100 Jahren noch vollkommen intakt, andere in sich zusammengefallen. Dort konnten die Gruftforscher auch die Kleidung der Toten untersuchen.

Mit Schlafmütze und Nachtgewand

"Das war Schlafkleidung", erinnert sich Ströbl. "Wie bei Wilhelm Busch: mit der Schlafmütze, mit dem langen Nachtgewand, mit Schlafhäubchen bei den Damen. Das entspricht dem lutherischen Bild vom Tod als Schlaf. Man schlief der Auferstehung entgegen – ganz friedlich. Und so sahen die dann auch aus, die wenigen, die wir da sehen konnten: friedlich schlafend, für die Auferstehung bereit."

Mehr als 2000 Tote wurden zwischen 1762 und 1817 unter dem Hamburger Michel bestattet – in Erwartung der leiblichen Auferstehung. Auf vielen Grabplatten findet sich der vermeintliche Bibelspruch: "Mein Erlöser wird mich hernach aus der Erde aufwecken, und ich werde danach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen".

Ein Übersetzungsfehler prägt die Beerdigungskultur

Eine Falschübersetzung des Bibelverses durch Martin Luther, betont Andreas Ströbl. Im Originaltext bei Hiob heißt es: "Nachdem diese meine Haut zerschlagen ist, werde ich ohne mein Fleisch Gott sehen."

Andreas Ströbl erklärt: "Erst in den letzten Jahrzehnten sind wir geprägt durch die eher abstrakte Theologie der 50er, 60er Jahre. Aber unsere Eltern haben in den 60er Jahren im Glaubensbekenntnis doch gesprochen: ‚Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches’ – und nicht 'an die Auferstehung der Toten', so wie wir das heute sagen."

Stinkreich ist man erst nach dem Tod

Geradezu begeistert ist Ströbl von dem Belüftungssystem unter dem Hamburger Michel. In der Vorgängerkirche, die 1750 nach einem Blitzeinschlag abbrannte, lagen die Grabkammern noch direkt unter dem Kirchenboden und erzeugten eine unangenehme Geruchsbelästigung für die Gottesdienstbesucher.

"Es gibt das schöne Beispiel dieser Redensart ‚stinkreich’", sagt Ströbl. "Stinkreich sind eben die, die man geruchlich wahrnimmt in der Kirche, die sich diese Bestattung leisten konnten. Die anderen hat man nicht gerochen, die lagen ja auf dem Kirchhof."

Wer hier unter dem Michel in einer der vier Meter tiefen Grüfte versenkt wurde, dessen Sarg war zuvor bereits in einem sogenannten Leichenzug durch die Straßen gefahren worden.

Bezahlte "Mitläufer" für dem Trauerzug

"Diese Leichenzüge waren immens", sagt Ströbl, "gerade im Barock waren das inszenierte Schauspiele. Und manchmal haben die Leute dann ‚Mitläufer’ gekauft, also man konnte dann für ein geringes Geld tatsächlich an diesem Leichenzug teilnehmen. Auch wenn man den Verstorbenen gar nicht kannte." Denn – je mehr Mitläufer, umso ehrenhafter der Abschied.

"Die Trauerzüge haben gerne nachts stattgefunden", erklärt Ströbl, "weil man mit Fackeln natürlich dann ein ordentliches Brimborium veranstalten konnte. Man hat gezeigt, was man sich leisten konnte, bevor dann die Särge in diesen sehr gleichförmigen und einfachen Grabkammern verschwunden sind."

Die Gruft als Ahnengalerie

Vor 200 Jahren fand die letzte Beisetzung in der "Unterkirche" statt – nachdem Napoleon die Bestattung in Kirchen aus hygienischen Gründen untersagt hatte. Die Grabkammern in der Krypta des Michels sind schlicht gehalten. Doch die reichen Metallbeschläge der Särge, die Draperie mit schwarzem Samt sowie die Epitaphe auf den Sandsteinplatten weisen darauf hin, wer hier begraben ist: Ein typisches Merkmal für Grüfte.

"Man zeigt, wer man gewesen ist, auch in seinen Sterbestätten", sagt Ströbl. "Es ist ein Memorialort. Ich verweise auf meine Vorfahren, die da möglicherweise auch schon liegen. Ich schaffe Erinnerung für mich selbst in die Zukunft hinein."

Platzhirschgebaren selbst in der Gruft

Neben dem Statussymbol spiele bei Grüften aber noch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle: "Der familiäre Gedanke: Einer stirbt, ein Riss geht in die Familie hinein, und der muss dann wieder geschlossen werden. In der Familiengruft liegen Familienmitglieder wie in einer Ahnengalerie. Bloß, dass das eben nicht Bilder sind, sondern die Verstorbenen selbst. Das heißt, die Familie hält in der Gruft tatsächlich zusammen."

"Es ist natürlich auch ein Zeichen der Macht", ergänzt Regina Ströbl, ebenfalls Gruftforscherin, "die Familie ist hier schon gewesen über Jahrhunderte, das sieht man an der Gruft: Wir sind jetzt hier, und wir werden auch die ganze Zeit in Zukunft da sein. Also, es ist eine Art Platzhirsch-Geschichte, dass man sagt, wir manifestieren unsere Macht hier auch mit unseren Toten."

Unterm Asphalt: der erste Club der Stadt

Nicht weit entfernt vom Michel, liegt die katholische St. Joseph-Kirche – ganz in der Nähe der Reeperbahn. "Die Kirche befindet sich in einem moralisch labilen Bereich", sagt Andreas Ströbl. "Wir sind hier ja inmitten der ganzen Etablissements, aber die Kirche ist tatsächlich, wie der Pastor immer sagt, der älteste Club hier."

Einst beherbergte St. Joseph die größte katholische Gruft Nordeuropas. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden 268 Verstorbene hier ihre letzte Ruhestätte. Doch schwere Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg haben die Gruft weitgehend zerstört. Verbliebene Särge wurden nach Kriegsende im Winter verheizt, wertvolle Grabbeigaben geplündert. Die Gebeine und einige Textilien wurden in eine Kammer eingemauert – und vergessen.

Erst 2011 wurde die Gruftkammer zufällig entdeckt. Die Archäologen Andreas und Regina Ströbl haben dann alles geborgen, sortiert, restauriert und dokumentiert. "Alles, was den Tod berührt hat, wenn man das wieder berührt, ist die Angst gewesen, dass man selbst der Nächste ist", erklärt Regina Ströbl. "Deswegen findet man häufig in Gräbern Kämme, Rasiermesser, Scheren, auch Stecknadeln, mit denen man vielleicht Schleifen oder so angesteckt hat oder das Leichengewand zusammengesteckt hat. Auch das alles hat den Tod berührt, und das möchte man im Leben nicht mehr haben."

Kein Schauerraum, sondern sakraler Ort

Die Mumien waren aufgrund der Feuchte allesamt skelettiert. Die Gemeinde entschied, die Knochen in der umgebauten Gruft zu lassen – in einem Beinhaus. Bis ins 19. Jahrhundert war es in katholischen Gegenden oft üblich, Gebeine aus aufgelassenen Gräbern in sogenannten Ossarien zu sammeln: "Nach ganz klassischer katholischer Manier", sagt Andreas Ströbl. "Nun haben wir hier ein Regal gebaut, ein Holzregal, und da die verschiedene Knochen, die Schädel eingeschichtet."

Die Schädel und diverse Knochen, die man durch eine Glaswand betrachten kann, sind – je nach bisheriger Lagerung - ganz unterschiedlich gefärbt: von Ocker über Brauntöne bis hin zu fast schwarz. "Es wirkt durch die unterschiedlichen Färbung so ein bisschen individuell", meint Ströbl, "und man ahnt, was für unterschiedliche Menschen hier gelebt haben und dann auch dann gestorben sind."

"Das ist kein Schauerraum", betont Regina Ströbl. "Wir haben hier das Kruzifix am Boden, wir haben hier das Johannes-Zitat: "Ich bin die Auferstehung, das Leben." Das ist ein sakraler Ort."

Die Würde der Verstorbenen ist das Wichtigste

Die Kammer mit den Gebeinen ist eingebunden in einen Ausstellungsraum mit einigen restaurierten Grabbeigaben. Er dient zugleich als Andachtsraum. Und dennoch: Die Schädel und Gebeine von mehr als 200 Leichen – ordentlich übereinander gestapelt in einem kleinen Raum – dürfte auf manchen Besucher schon etwas schaurig wirken.

Die Intention ist aber eine andere, unterstreicht Regina Ströbl: "Die Würde dieser Menschen, die dort liegen, ist das wichtigste. Dass sie wieder so liegen, wie es eigentlich ursprünglich gedacht war. Und dass man das Beinhaus zwar besuchen kann, aber die Gebeine eben durch eine Glastür oder Trennung nur betrachten kann und nicht dazwischen herumläuft."

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