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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2011

Grünen-Sprecherin: AKW als Reserve wäre ideologische Maßnahme

Energiepolitikerin Sylvia Kotting-Uhl hält Kohlekraftwerk für das "deutlich kleinere Übel"

Sylvia Kotting-Uhl im Gespräch mit Gabi Wuttke

Ein Kohlekraftwerk reiche als Reserve aus, meint die Grünen-Politikerin. (AP)
Ein Kohlekraftwerk reiche als Reserve aus, meint die Grünen-Politikerin. (AP)

Die Bundesnetzagentur muss entscheiden, ob eines der abgeschalteten Atomkraftwerke in Bereitschaft gehalten wird. Die atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Sylvia Kotting-Uhl, hält ein Kohlekraftwerk als Kaltreserve für die bessere Alternative.

Gabi Wuttke: Dieser Sommer ist kein Sommer – aber immerhin kommen wir nicht nur ohne Heizung, sondern auch ohne Klimaanlagen aus. Was aber, wenn der Winter nach der Energiewende anbricht? Auch die Bundesnetzagentur fürchtet sich davor und wird deshalb heute mitteilen, ob und wenn ja welches Kraftwerk energiereiche Zeiten besonders im Süden der Republik überbrücken soll, Stichwort Kaltreserve. Um 6.49 Uhr begrüße ich im Deutschlandradio Kultur die atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Sylvia Kotting-Uhl. Guten Morgen!

Sylvia Kotting-Uhl: Guten Morgen, Frau Wuttke!

Wuttke: Netzagenturchef Matthias Kurth prognostiziert seit der Abschaltung der AKW eine neue Eiszeit und will vorsorgen. Halten Sie da als Grüne aus Prinzip dagegen?

Kotting-Uhl: Nein, nicht aus Prinzip, sondern tatsächlich aus dem, was wir bisher wissen. Wir haben ja im Sommer 2008 eine Phase gehabt, als sieben Atomkraftwerke gleichzeitig stilllagen aus unterschiedlichsten Gründen – weil sie gerade untersucht wurden, weil sie irgendwelche Fehler aufwiesen, denen man nicht auf den Grund kam und so weiter. Jedenfalls waren es sieben gleichzeitig, und trotzdem haben wir auch zu der Zeit Strom exportiert unter dem Strich. Nun kann man sagen, das war Sommer, jetzt kommt Winter, aber ich halte das ein bisschen für ein Drohszenario und so ein bisschen noch als Rettungsanker, um doch nicht ganz davon abrücken zu müssen, dass unsere deutschen AKWs doch eigentlich sicher seien und man insofern auch eines als Kaltreserve in Vorrat halten könnte.

Wuttke: Aber es sieht ja fast danach aus, als würde Matthias Kurth heute eben nicht sagen, dass wir ein Atomkraftwerk Stand-by halten müssen, denn wir müssen uns ja mal irgendwie vergegenwärtigen: Die Länder mauern, sie wieder hochzufahren, bei den Atomkraftbetreibern hat die Bundesnetzagentur noch nicht angeklopft und die Kanzlerin will sich natürlich ihre Energiewende auch nicht kleinreden lassen. Also glauben Sie nach diesen Informationen auch, dass es gar keine Kaltreserve Atomstrom geben wird?

Kotting-Uhl: Doch, es wird sicher ein Kraftwerk benannt werden, aber Baden-Württemberg zum Beispiel hat ja angeboten, dass man den Block 3 von Mannheim benennen kann – ich halte das für das deutlich kleinere Übel als ein AKW vorzuhalten, das ist auch deutlich billiger im Übrigen.

Wuttke: Das ist ein Kohlekraftwerk.

Kotting-Uhl: Ein Kohlekraftwerk, ja, Mannheim ist ein Kohlekraftwerk, dort wird auch gerade gegen grünen Widerstand ein neuer, sehr großer Block gebaut, der 2013 fertig sein wird, aber dieser alte Block 3, der heute schon zur Reserve dient, … Sie müssen ja mal überlegen, was diese Reserve eigentlich … wofür die vorgehalten werden soll. Die Bundesnetzagentur sagt selbst, für wenige Stunden braucht man das in Extremsituationen, da muss Wetterlage zusammenkommen, schlechte Bedingungen für die Erzeugung der Erneuerbaren und starker Strombedarf. Sie spricht selbst von wenigen Stunden. Dafür den ganzen Aufwand, die Sicherheitsdefizite und die ökonomische Belastung durch das Vorhalten eines AKWs zu machen, das ist wirklich rein ideologisch, das ist durch nichts Sachliches begründet. Ich bin mir sicher, dass die Bundesnetzagentur heute vernünftig sein wird und auf den baden-württembergischen Vorschlag eingehen wird.

Wuttke: Sollte man sich dabei auch vor Augen führen, dass die Bundesnetzagentur nun mal der Bundesregierung untersteht?

Kotting-Uhl: Das ist richtig, aber die Kanzlerin hat ja gesagt, es wird nur in Absprache mit den Ländern entschieden werden, und da Baden-Württemberg klar verneint hat, der Bereitstellung eines Atomkraftwerkes, also Philippsburg oder Neckarwestheim 1, zuzustimmen, glaube ich, wenn man das in Baden-Württemberg vorhalten möchte, dann wird man auch den Vorschlag der Landesregierung beachten müssen.

Wuttke: Sie sagen, das ist alles Ideologie, wenn wir auf den kommenden Winter blicken, was da kommen könnte. Derzeit freuen sich aber gerade die tschechischen Atomkraftbetreiber, denn Deutschland importiert von dort seit der Energiewende 41 Prozent mehr und ist zweitbester Kunde geworden.

Kotting-Uhl: Ja, das liegt aber weniger an unseren Kapazitäten, die wir nicht hätten, als an den Mechanismen der Leipziger Strombörse. Also das hat mit dem, was wir bereitstellen können, überhaupt nichts zu tun, und wir haben in diesem Jahr 2011 zum ersten Mal die 20-Prozent-Hürde beim Anteil der erneuerbaren Energien am Strom geknackt, also das kommt jetzt auch wieder deutlich in Fahrt. Der Ausbau hat ja etwas gestockt nach der Wende und der schwarz-gelben Regierung, die ja von Anfang an klargemacht hat, dass sie wieder auf Atomkraft setzen würde. Jetzt nach dem Atomausstieg, der endlich übergreifend beschlossen wurde, kommt das wieder deutlich in Fahrt, das heißt, der Zubau der Erneuerbaren wird jetzt auch wieder deutlich vorangehen.

Wuttke: Sie haben gesagt, Atomstrom als Kaltreserve, daran glauben Sie nicht, denn es gibt ja die Option eines Kohlekraftwerks, aber trotzdem: Sauber ist was anderes.

Kotting-Uhl: Sauber – das ist klar, natürlich. Wir wollen ja auch raus aus der Kohle und werden auch raus können aus der Kohle. Aber für wenige Stunden ein Zusatzkraftwerk anzufahren, da ist mir die Kohle mit ihren Emissionen deutlich lieber als ein Atomkraftwerk, das einfach auch in der ganzen Zeit der Bereitstellung die Unsicherheit aufweist. Man muss sich doch entscheiden, auch als Bundesregierung, ob die Atomkraftwerke jetzt so unsicher sind, dass man sie abschaltet – das teilen wir –, die sieben ältesten, oder ob man sagt, ach nein, eigentlich sind sie doch so sicher, dass wir ohne Sicherheitsvergleich die Bundesnetzagentur entscheiden lassen können, welches wir weiterhin am Netz lassen. Das ist doch eine absurde Argumentation.

Wuttke: Aber auch die Grünen sind offensichtlich unentschieden, denn Mannheim wurde vorgeschlagen von Ihrem Parteikollegen in Baden-Württemberg, dem Grünen-Umweltminister Franz Untersteller, der wiederum hat nachgeschoben, eigentlich wäre ihm Gas lieber als Kohle.

Kotting-Uhl: Ja, natürlich wäre Gas besser, Gas emittiert die Hälfte an CO2 pro Kilowattstunde wie Kohle, aber wir haben kein Gaskraftwerk im Moment, das man vorhalten könnte in dieser Kapazität, deswegen finde ich diesen Vorschlag mit dem Mannheimer Block 3 richtig. Ich möchte noch mal betonen: Es geht nach Aussage der Bundesnetzagentur selbst um wenige Stunden, die so ein Kraftwerk zusätzlich angefahren wird.

Wuttke: Alles in allem heißt das aber: Bis wir die Energiewende wirklich vollzogen haben, bleiben wir sehr, sehr abhängig und irgendwie auch ein bisschen schmutzig.

Kotting-Uhl: Ich glaube, wir gucken jetzt mal, ob wir in diesem Winter die Kaltreserve tatsächlich brauchen, das steht ja noch im Raum, ob sie wirklich angefahren werden muss oder nicht, und entscheiden nach diesem Winter, wie weit wir eigentlich mit der Energiewende sind.

Wuttke: Das war die atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Sylvia Kotting-Uhl im Deutschlandradio Kultur. Die Bundesnetzagentur gibt heute bekannt, ob ein AKW für Stromengpässe in Bereitschaft gehalten werden muss oder nicht. Frau Kotting-Uhl, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Kotting-Uhl: Gerne, danke Ihnen!

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