Grüne Ungewissheiten

Von Bernd Wagner · 01.08.2011
Erfahrung macht nur klug, wenn man bereit ist, seine Überzeugung auf den Prüfstand zu stellen. Auch die derzeitige Selbstgewissheit, mit der man glaubt, nur am grünen deutschen Wesen könne die Welt genesen, bedarf einer Überprüfung und damit eines Blickes in die Vergangenheit.
Rekapitulieren wir. Nichts war verständlicher und notwendiger als dass auf einem der Höhepunkte des Technisierungswahns eine Bewegung entstand, die die Natur davor in Schutz zu nehmen versuchte. Doch wie es mit Bewegungen ist, sie brauchen eine gemeinsame Ideologie, die das zukünftige Heil verbürgt, und sie brauchen medienwirksame Kampagnen, die dieses Heil möglichst schnell in Realität verwandeln.

Die erste dieser Kampagnen betraf das sogenannte Waldsterben. Nun ist der Wald, wie wir wissen, das Massensymbol der Deutschen schlechthin und in Hinsicht seiner Gesundheit besonders empfindlich. Aber anscheinend war er gar nicht so krank, wie man glauben machen wollte, denn wie sonst ist zu erklären, dass man die Versuche zu seiner Heilung recht bald wieder einstellte? Man verfiel auf die geniale Idee, dass es für den Wald am gesündesten sei, wenn man ihn sich selbst überließ und möglichst viele Forstarbeiter in den Ruhestand schickte. Das Resultat ist, dass, wer sich jetzt noch in einen unserer Wälder getraut, über von Wildschweinen durchpflügten Boden stolpert, durch Gestrüpp und über umgestürzte Bäume, die fürchten lassen, dass diese Wälder bald brennen werden wie die amerikanischen.

Es folgte der saure Regen. Er scheint verschwunden zu sein wie das Ozonloch. Man spricht von allen möglichen Arten von Regen, von Starkregen und zu viel und zu wenig Regen, aber nicht mehr davon, dass er sauer ist. Man spricht stattdessen vom Klimawandel und zwar im Brustton tiefster Überzeugung, dass dieser nur von den Menschen und nicht wie bisher von Vulkanausbrüchen oder zyklischen Wechseln der Sonnenaktivität verursacht und damit auch beeinflusst werden könnte. So richtig es sein dürfte, den Ausstoß von CO2 zu verringern - ist es nicht eine spezielle Art von Wahn, den Temperaturanstieg künftig auf nicht mehr als zwei Grad begrenzen zu wollen?

Aber auch davon ist plötzlich in Deutschland nicht mehr die Rede, wenn es um den Volksfeind Nummer Eins geht, die Kernenergie. Zweifellos ist ihre Nutzung, wie das gesamte Leben, ein schwer durchschaubares und ziemlich riskantes Unternehmen, doch rechnet man ihre bisherigen Opfer zusammen, so sind sie trotz Tschernobyl und Fukushima bedeutend geringer als etwa die des Kohleabbaus, von der landschaftlichen Verwüstung ganz zu schweigen. Das hindert jedoch unsere plötzlich in sämtlichen Parteien auftauchenden Bedenkenträger nicht daran, den kompletten Ausstieg aus der nuklearen Technologie und damit auch aus deren Weiterentwicklung zu beschließen. Wie sie dies in einer Welt, die jenseits unserer Grenzen weiterhin auf die Atomkraft setzt, als einen Zugewinn von Sicherheit und gar von Umweltfreundlichkeit verkaufen können, bleibt ihr Geheimnis.

Die deutschen Sonderwege waren noch nie von Erfolg gekrönt. Der ökologische dürfte darauf hinauslaufen, dass die Landschaft durch Windparks und Hochspannungsleitungen auf eine Weise zerstört wird, gegen die der Autobahnbau ein Kinderspiel war. Und wieder einmal wird jene Kraft am Werke gewesen sein, die immer nur das Gute will.

Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift Mikado. Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997), "Club Oblomow" (1999) und "Wie ich nach Chihuahua kam". Zuletzt erschien "Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler".
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