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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.08.2020

Grüne TechnologienCuxhaven will Hauptstadt der Wasserstoffmobilität werden

Von Alexander Budde

Ein neuer Brennstoffzellenzug, der mit Strom aus Wasserstoff fährt, steht im Bahnhof. Der in Salzgitter gebaute emissionsfreie Regionalzug fährt mit elektrischer Energie aus Wasserstoff. Bremervörde und Buxtehude verbinden.  (Philipp Schulze/dpa)
Auf der Strecke Cuxhaven-Bremervörde-Buxtehude fährt inzwischen schon ein Wasserstoffzug im Regelbetrieb. (Philipp Schulze/dpa)

Das Gas Wasserstoff treibt über Brennstoffzellen Autos, Züge und Schiffe an. Gekühlt dient es als Energiespeicher. Cuxhaven lebte einst von der Fischindustrie, nun hofft man in der Stadt auf einen Aufschwung durch die Wasserstoffwirtschaft.

Im Alten Fischereihafen löschen noch immer Krabbenkutter ihre Ladung – aber die Glanzzeiten des Gewerbes sind lange vorbei. Früher gab es hier die großen Fischauktionen. Inzwischen sind viele der alten Backsteinhallen des Hafens umgebaut. Der Fischgeruch hat sich verzogen. In neugestalteten Bürolandschaften ist konzentrierte Stille eingekehrt.

"Dass wir hier eine Perle haben, wusste ich eigentlich als Cuxhavener immer." Die Familienholding des Projektentwicklers Norbert Plambeck kauft 2016 das sieben Hektar große Hafenareal. Mit Rückenwind aus dem Stadtrat bastelt das Unternehmen an einem Konzept, um den Hafen als touristische Attraktion der Superlative zu entwickeln:

"Das kann man schon mal sagen, es wird sich abheben von dem, was man bisher an der Küste erlebt. Es gibt immer Krabbenkutter, Backfisch, Shanty-Chor. Und, das haben Fachleute für uns herausgefunden: Es gibt eine Riesenzielgruppe, die ist eben auch interessiert an der Küste. Aber die findet für sich kein Angebot."

Vision: Wasserstoff-Krabbenkutter in der Nordsee 

In die alten Backsteinhallen sollen ein Designhotel speziell für Radfahrer, Restaurants und eine Akademie für Tourismusberufe von morgen einziehen.

Plambeck, 65, strohblondes Haar, investierte schon in den Energieträger Wind, als es noch keine Klimadebatte gab. Er kooperiert jetzt mit dem Siemens-Konzern und hat mehr Pläne.

"Wir werden im Alten Fischereihafen eine Elektrolyse betreiben wollen, mit der wir aus Windenergie grünen Wasserstoff herstellen", erklärt er. "Und der grüne Wasserstoff soll dann tagsüber wieder rückverstromt werden, für die Energieversorgung im Hafen. Vision ist: Krabbenkutter, die im Weltnaturerbe Wattenmeer unterwegs sind, sollen mit Brennstoffzelle fahren und mit Wasserstoff natürlich."

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Cuxhaven – ein Silicon Valley der Energiewende? Eine solche Entwicklung war nicht absehbar: Erst der Niedergang der Fischindustrie, dann der Abzug der Bundeswehr. In der Folge verödeten ganze Wohnviertel.

Cuxhaven war ziemlich ausgelaugt, erinnert sich Uwe Santjer, Sohn eines Kutterfischers und Oberbürgermeister. Voraussetzung für den Neustart war die Entschuldungshilfe durch das Land Niedersachsen. Rund 180 Millionen Euro. Im Gegenzug verpflichtete sich die Stadt, ihren eisernen Sparkurs fortzusetzen.

Schaufenster der Energiewende

Inzwischen haben sich die Cuxhavener buchstäblich in den Wind gedreht: Ein Wasserstoffzug auf der Strecke Cuxhaven-Bremervörde-Buxtehude fährt inzwischen schon im Regelbetrieb. Cuxhaven ist wachgeküsst, so beschreibt der SPD-Politiker Santjer den Pioniergeist, der hier eingezogen ist. 

"Ich glaube, dass wir als Stadt Cuxhaven Vorreiter sein müssen, in der Idee, dass wir unsere Fahrzeuge umstellen auf Wasserstoffmobilität", sagt er. "Ich glaube, dass wir mithilfe dieser Technologie auch weiter in der Wärmegewinnung vorankommen können. Das ist etwas, wo wir nicht immer mit dem Finger auf andere zeigen sollten, sondern das müssen wir selber für uns entwickeln, inwieweit wir das bei Neubauten von Schwimmbädern, von Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden realisieren können."

Als der deutsch-spanische Hersteller von Windkraftanlagen Siemens Gamesa einen geeigneten Standort für ein neues Montagewerk für seiner Offshore-Windenergieanlagen suchte, setzte sich Cuxhaven gegen Wettbewerber aus Dänemark und Polen durch. Im Werk arbeiten jetzt 1000 Menschen – viele davon in Ingenieursberufen.

"Hier in Cuxhaven fertigen wir die Maschinenhäuser für unsere ganz großen Offshore-Turbinen, mit dem Generator, der Narbe und dem Backend, was das Gehäuse ist, mit der ganzen Elektronik das hinten an dem Generator dran ist", sagt Nicholas Scholz.

Der kaufmännische Leiter des Werks gewährt Einblicke in die Produktionshalle. Hier werden aus rund 50.000 Einzelteilen Turbinenhäuser montiert: knapp unter 400 Tonnen schwer und so groß wie ein Einfamilienhaus. Auf rollenden Plattformen werden die fertigen Anlagen verladen, ganz ohne Kran, über eine Rampe direkt auf die am Kai bereitliegenden Transportschiffe. 

Windkraftanlagen für alle Welt

Die Coronakrise verzögert weltweit Projekte, Investitionen werden zurückgefahren - doch das Auftragsbuch ist gut gefüllt, sagt Pierre Bauer. Er ist der Geschäftsführer von Siemens Gamesa Deutschland.

"Wir haben tatsächlich wachsende Märkte wie UK, Irland oder Niederlande, aber auch Nordamerika und Asien. Das gilt besonders bei Offshore", sagt er.

Gerade sind wieder zwei Windparks nach Vietnam verkauft worden. In Deutschland dagegen: Flaute, Stillstand - seit Jahren schon. Deshalb auch keine Planungssicherheit für Betreiber, Investoren, Hersteller.

"Momentan wird weder in der Nordsee noch in der Ostsee irgendein Windpark gebaut", erzählt er. "Wir als Siemens Gamesa haben vor Jahren in eine Fertigung in Cuxhaven investiert. In diesem Gebäude haben wir nur ein Projekt für Deutschland abgewickelt. Bis 2023 wird es eventuell noch eines hinzugeben. Aber ansonsten lebt das Werk ausschließlich von Fertigungen oder von Aufträgen, die im Ausland gewonnen worden. Das ist schlecht für unsere lokalen Partner, für die Betreiber der Installationsschiffe, aber auch für die Häfen. In Deutschland dauert es einfach zu lange, bis Genehmigungen erteilt werden."

Ausbau steht still

Der Manager listet auf, was aus Sicht der Branche falsch läuft: Immer neue Anwohnerproteste gegen den Neubau der bis zu 240 Meter hohen Anlagen an Land, eine seit 2017 komplizierte Ausschreibungspraxis und überlange Genehmigungsverfahren. Viele Anlagen fallen schon Ende 2020 aus der EEG-Förderung und der Ausbau ist praktisch zum Stillstand gekommen.

Deshalb könnte der selbsternannte Wasserstoff-Champion Deutschland im kommenden Jahr sogar weniger Windstrom produzieren, als geplant. Nach monatelangem Ringen haben sich der Bund und die norddeutschen Küstenländer auf eine Erweiterung der Ausbaugrenze geeinigt. Bis 2030 sollen 20 Gigawatt Windkraft auf dem Meer installiert werden.

Technisch gesehen seien die Ausbauziele erreichbar, versichert Siemens-Vorstand Bauer. Unlängst hat der Konzern die jüngste Generation Windturbinen mit 14 Megawatt Leistung vorgestellt. Eine einzige dieser Mega-Anlagen könnte den Strombedarf einer Großstadt wie Hannover für ein Jahr decken.

"Sehr wichtig ist aber auch, dass wir ein langfristiges Ziel von 40 Gigawatt bis 2040 haben", sagt er. "Dies muss auch dokumentiert werden. Warum? Offshore-Projekte haben einen sehr langen Planungszeitraum. Gleiches gilt natürlich auch für den Netzausbau. Deswegen müssen wir heute schon über 2030 hinaus planen. Der grüne Wasserstoff ist einer der Hebel, um tatsächlich Deutschland nach vorne zu bringen."

SPD-Minister sieht "Jahrhundertchance"

Wasserstoff kann fossile Kraftstoffe ersetzen. Wasserstoff treibt über Brennstoffzellen Autos, Züge und Schiffe an. Heruntergekühlt und unterirdisch gelagert, dient das klimaneutrale Gas als Energiespeicher. Und Wasserstoff bringt sogar Stahl zum Schmelzen, was das Klima schont.

Bundesweit wird sich der Strombedarf mindestens verfünffachen, prophezeit Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD). Diese "Jahrhundertchance" dürfe das Küstenland nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen.

"Ein ganz wesentlicher Teil der Offshore-Anbindung in Zukunft: Fast alles was neu gebaut wird, wird über Niedersachsen reinkommen", sagt er. "Wir werden ein Standort sein, bei dem es unglaubliche Mengen erneuerbarer Energie gibt. Die wir natürlich in Teilen, da wo der Bedarf ist, übertragen müssen. Aber aus denen wir auch Wertschöpfung generieren können. Und Wertschöpfung ist: Wie kann ich den grünen Strom für Ansiedlung von Unternehmen nutzen, die grünen Strom brauchen? Und wie kann ich auch die Produktion von grünem Wasserstoff ausbauen. Wir haben die großen Kavernen, in denen man speichern kann. Und wir haben eben auch die Wasserstoffverteilnetze."

Was man nicht hat, ist ein stringenter Plan für diese Reise in die Wasserstoffwirtschaft, kritisiert die Opposition. Insbesondere die grüne Landtagsfraktion schmäht Lies leidenschaftlich gern als "ewigen Ankündigungsminister".

Zuletzt Fortschritte in Sachen Energiewende

Der so Gescholtene weist den Vorwurf zurück, er verweise immer nur mit dem Finger auf die Zuständigkeiten des Bundes. Inmitten der Coronakrise machte die Landesregierung jüngst 100 Millionen Euro für diverse Projekte locker. Erklärtes Ziel ist es, Niedersachsen zur Drehscheibe und zum Hauptproduzenten für grünen Wasserstoff in Deutschland zu machen.

Die Abstandsregel habe man erfolgreich wegverhandelt, als nächstes werde die EEG-Umlage für Wasserstoff fallen: "Dass der Deckel weg ist und dass wir die 1000 Meter gelöst haben, ist auch ein gutes Signal. Eigentlich haben wir jetzt in den letzten Wochen etwas erreicht, wo wir Monate verschenkt haben."

Mehr Bürgerwindparks und finanzielle Anreize für betroffene Kommunen dürften dann auch für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen, kündigt Olaf Lies an.

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