Seit 05:05 Uhr Studio 9
Dienstag, 20.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.06.2012

Grüne Geschichten

Bill Laws: "Zwiebel, Safran, Fingerhut", Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2012

Podcast abonnieren
Viele Pflanzen sind nützlich, manche einfach schön, wie hier im Küchengarten in Gera. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
Viele Pflanzen sind nützlich, manche einfach schön, wie hier im Küchengarten in Gera. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Von A wie Algarve bis Z wie Zwiebel: Bill Laws hat ein mit viel Liebe gestaltetes Buch über den Nutzen und die Schönheit von Pflanzen geschaffen, gespickt mit Anekdoten. Was Tulpen mit der Börse zu tun hatten und Koka-Blätter im Inkareich bedeuteten - Laws erklärt es so, dass auch Nicht-Botaniker gefesselt werden.

Bill Laws hat eine Liebeserklärung an die Welt der Pflanzen geschrieben. "50 Pflanzen, die unsere Welt verändert haben" heißt es im Untertitel und genauso kenntnisreich wie liebevoll wird hier die enorme Vielfalt und den unerschöpflichen Segen, den Pflanzen seit Menschengedenken spenden, beschrieben. Pflanzen kann man essen, man kann Kleidung aus ihnen herstellen, Häuser bauen, Getränke brauen, Krankheiten mit ihrer Hilfe heilen oder sie einfach nur ob ihrer Schönheit bestaunen. Und genau zu alldem lädt dieses wunderbare Buch ein, das mit viel Liebe gestaltet ist.

Grün in all seinen Schattierungen beherrscht die Seiten. Auf dem Einband leuchten aus den Pflanzenzeichnungen eine Orange, Sonnenblumen und Weintrauben entgegen. Und auf den Innenseiten bilden Pflanzenzeichnungen wie aus dem Botanikbuch den Hintergrund. Jeder Artikel ist reich illustriert mit Fotos, Gemälden und Zeichnungen.

Aus diesem Gesamtkunstwerk entsteht ein beeindruckendes Abbild der engen Verbindung unserer Kultur mit der Pflanzenwelt. Das beginnt bei A wie Agave und endet bei Z wie Zwiebel. Obwohl alles zum Blättern, Verweilen und Genießen einlädt, ist das Buch mit Register und einer alphabetischen Aufzählung der 50 Pflanzen durchaus auch als Nachschlagewerk gedacht. Zu jeder einzelnen Kulturpflanze erfährt man Herkunft, früheste Nutzung, und wie Menschen sie in Jahrtausenden verändert und verbreitet haben.

Neben den Fakten zu Tee, Bambus, Olive oder Tulpe erzählt der Autor auch Anekdoten, zitiert Künstler, Naturwissenschaftler und Sagen. Und das alles aus einem Zeitraum von 6000 Jahren, beginnend mit einem Hammelrezept in Keilschrift bis zum Fairtradehandel der Neuzeit. Der Leser erfährt, dass Tulpenzwiebeln die erste Spekulationsblase platzen ließen, Kriege um Pfeffer und Gewürznelken geführt wurden und warum ohne Kokablätter die Kommunikation im Inkareich zusammengebrochen wäre.

Erstaunlicherweise umfassen diese kenntnisreichen Texte pro Pflanze nur zwei bis vier Seiten und blättern doch jeweils ein ganzes Universum überraschender Informationen auf. Koriander zum Beispiel, ein dominierendes Gewürz der indischen Küche, stammt eigentlich aus Südeuropa. Und die Chinarinde mit dem segensreichen Wirkstoff, der heute in Aspirin genutzt wird, kommt aus Südamerika. Dabei versucht Bill Laws, allen Erdteilen und Kulturen gleichermaßen gerecht zu werden, von Bambus und Tee in Asien zum Eukalyptus in Australien. Vom Yams in Afrika oder Kartoffeln und Mais im Amerika bis zu Hopfen und Gerste in Europa.

Seite für Seite taucht man tiefer ein und spürt: Der englische Journalist weiß, wovon er schreibt. Schon seit Jahren sind Gärten und Natur sein Thema. Nach der Lektüre schaut man sich bewusster seine Umgebung an und erkennt, wie nackt, hungrig und freudlos unsere Erde ohne die 300.000 Pflanzenarten wäre. Und dabei haben wir nur von 50 der wichtigsten etwas erfahren. Ein enorm fachkundiges Buch, das aber keinen botanisch gebildeten Leser verlangt, sondern unterhält und ganz nebenbei viel Wissenswertes vermittelt.

Besprochen von Susanne Harmsen

Bill Laws: "Zwiebel, Safran, Fingerhut - 50 Pflanzen, die unsere Welt verändert haben"
Aus dem Englischen übersetzt von Frank Auerbach
Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2012
224 Seiten, 24,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Erfolgsmodell Literaturinstitut Zwischen Handwerk und Genie
Illustration von einem Mann, der an beiden Seiten seines Gesichts zwei Bücher lächelnd gegen sich drückt.   (imago stock&people/ Simon Ducroquet )

Inspiration ist schön, macht aber viel Arbeit, hätte Karl Valentin das Studium an Schreibschulen zusammengefasst. An vielen Orten kann heute literarisches Schreiben erlernt werden, und die Kritik an der vermeintlichen „Institutsprosa“ ist fast verstummt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur