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Tonart | Beitrag vom 11.01.2019

Gründungsjahr von Blue NoteGegen alle Widerstände

Andreas Müller im Gespräch mit Oliver Schwesig

Der Schlagzeuger Art Blakey 1973 in London. (picture allliance/dpa/Foto: Jazz Services)
Junge Talente wie Art Blakey waren bei Blue Note unter Vertrag – und wurden zu Weltstars. (picture allliance/dpa/Foto: Jazz Services)

Die emigrierten Deutschen Alfred Lion und Francis Wolff gründeten das Jazzlabel "Blue Note" vor 80 Jahren vor allem aus Liebe zur Musik, sagt Musikkritiker Andreas Müller. So tonangebend wie früher ist das Label heute jedoch nicht mehr.

Oliver Schwesig: Plattenfirmen sind ja eigentlich nicht anders als andere Unternehmen auch: Man stellt ein Produkt her und will es mit Profit verkaufen. Jetzt haben wir eine Woche über Blue Note gesprochen – das muss ja einen Grund haben.

Andreas Müller: Blue Note war eben wirklich mehr als eine simple Plattenfirma. Dahinter steht eine Jahrhundertgeschichte, die uns so viel erzählt, von der wir immer noch lernen können. Blue Note steht für Begeisterung, Mut, Kommunikation, Sound, Look und die einfachen Wahrheiten: Kunst kann die Welt verändern, sogar Leben retten und – wer nicht zuerst die Kunst denkt, sondern gleich das Geld, kann nichts Bleibendes schaffen.

Schwesig: Das müssen wir jetzt mal ein bisschen auseinandernehmen. Was meinen Sie mit Jahrhundertgeschichte?

Müller: 1925 will ein junger Berliner, Alfred Löw, 17 Jahre alt, Rollschuh laufen. Im Admiralspalast, das war damals schon eine Multifunktionshalle mit Schwimmbad, Tanztee und Rollschuhbahn. Das geht aber nicht, weil dort Sam Wooding mit seinem Orchester spielt – echter Jazz aus den USA. Dann guckt er sich das eben an – und sein ganzes Leben ändert sich. Er wird gepackt von dieser Musik. Amerika, New York werden Sehnsuchtsorte für ihn und er tut alles, um dort mal hinzukommen. Das schafft er auch, lange bevor er ins Exil gehen muss, bevor er aus Nazi-Deutschland fliehen muss. Er ist Jude. Wie sein Freund Frank Wolff, der erst 1939 nach New York kommt, auf den letzten Drücker. In den USA nennen sie sich dann Alfred Lion und Francis Wolff. Und die machen dann eben dieses Label. Weil sie Musik aufnehmen möchten, die SIE mögen. Und sie tun das. Gegen alle Widerstände.

Herbie Hancock (l), Wallace Roney, Wayne Shorter, Tony Williams und Dave Holland (imago/BRIGANI-ART)Herbie Hancock (l), Wallace Roney, Wayne Shorter, Tony Williams und Dave Holland 1992 in Berlin. (imago/BRIGANI-ART)

Schwesig: Also – Mut, Begeisterung. Ist das zu hören?

Müller: Genau. Da sind zwei weiße Deutsche, die offenbar mehr Feeling für diese Musik haben, als die meisten Amerikaner. Sie sind geschockt vom Rassismus, der ihre geliebte Musik "Race Music" nennt – also Rassenmusik. Das ist ja fast schon Nazisprache. Dieser Kultur sind sie gerade entkommen. Lion und Wolff aber freunden sich mit den schwarzen Musikern an. Das Ganze wird manchmal so etwas wie eine Familie. Dabei machen die beiden lange kein Geld mit dem Label, haben Brotjobs. Aber sie halten durch und ab Mitte der 50er-Jahre läuft alles auf geniale Weise perfekt.

Schwesig: Was heißt das?

Müller: Sie finden mit Rudy van Gelder einen Toningenieur, der den Sound des Jazz neu erfindet. Seine Aufnahmen klingen wie nichts anderes. Die Cover werden von Reid Miles gestaltet: wagemutige Designs, die zur Musik passen und bis heute funktionieren und ja sogar immer noch kopiert werden. Blue Note setzt – gezwungenermaßen, weil man nicht viel Geld hat – auf junge Talente, die gerade zu dieser Zeit vor Kreativität sprühen: Horace Silver, Art Blakey, Hank Mobley, Lee Morgan – später Herbie Hancock, Wayne Shorter – die werden zu Weltstars. Sie werden zwischen 1953 und 1966 nicht ein Album finden, das Sie kalt lässt oder langweilt. Und da ist wahnsinnig viel Material erschienen. In dieser Zeit wird bei Blue Note der Look des modernen Jazz erfunden und eben der Sound. Moderne Klassik.

Platten des Labels Blue Note werden gepresst. (imago/ZUMA Press)Platten des Labels Blue Note werden gepresst. (imago/ZUMA Press)

Schwesig: ABER: 1966 wird Blue Note an das Labes Liberty Records verkauft und Lion verlässt daraufhin die Firma. Er ist krank und angeschlagen. Wolff macht noch weiter. Aber der Stern sinkt… Warum? 

Müller: Zum einen hat sich die ökonomische Situation für den Jazz enorm verschlechtert. Mit Rock-Musik lässt sich viel, viel mehr Geld verdienen. Und das ist auch das Wort: Die neuen Besitzer wollen Geld machen. Mitunter erscheinen auch noch richtig gute Platten – aber die strenge Qualitätskontrolle ist weg. 1971 stirbt Wolff und damit ist die Geschichte des klassischen Labels vorbei. Aber: Die Ideologie des Money First hat schweren Schaden angerichtet. Irgendwann wollte man ja nicht mal mehr Geld dafür ausgeben, dass sich jemand um den Katalog kümmert. Das ist eine Riesenschande. Das sollte erst Mitte der 80er-Jahre geschehen. Man musste sie erst davon überzeugen, dass doch noch etwas liegt. Das ist schon tragisch an dieser Stelle.

Schwesig: Nun gibt es das Label ja immer noch – es steht jedenfalls Blue Note auf Platten von Wayne Shorter, Norah Jones, Robert Glasper, Jose James etc. Ist er heute noch zu finden, der alte Spirit? 

Müller: Nein – wenn ich immer wieder höre, "so und so veröffentlicht auf dem renommierten Blue Note Label" dann kann ich nur lachen oder mich ärgern. Es gibt keinen erkennbaren Sound, die Platten sehen furchtbar aus, das ist alles austauschbar. Der Spirit ist nicht mehr da. Den findet man bei anderen Labels, gemacht von jungen Enthusiasten, die tatsächlich wieder Musik aufnehmen, die sie hören wollen. Und wenn dann Geld rein kommt. Umso besser. Aber es geht eben nicht zuerst ums Geld, es geht zuerst um die Kunst.

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