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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.06.2019

Gründung der Oberammergauer PassionsspieleDie Pest als Breitwandwestern

Von Bernhard Doppler

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Ein Schauspielensemble stellt auf einer Theaterbühne eine Dorfgemeinschaft aus Männern, Frauen und Kindern dar. Alle drängen sich um einen Tisch auf dem ein ganzes zubereitetes Schwein liegt.  (Angelika Warmuth / dpa)
Das Ensemble des Oberammergauer Passionstheaters bei einer Probe des Stücks "Die Pest" in der Regie von Christian Stückl. (Angelika Warmuth / dpa)

Die nächsten Passionsspiele in Oberammergau finden 2020 statt. Deren Spielleiter Christian Stückl inszeniert ein Jahr vorher ebendort "Die Pest" nach einem Text von Martin F. Wall - ein Stück über die Gründungsgeschichte der Passionsspiele.

"Alle weiblichen und männlichen Mitwirkenden und alle Kinder, die an den Passionsspielen 2020 teilnehmen, werden hiermit vom Spielleiter und der Gemeinde Oberammergau aufgefordert, sich ab Aschermittwoch, den 6. März 2019, die Haare, die Männer auch die Bärte, wachsen zu lassen." Dieser Aufruf ist im Schaufenster einiger Geschäfte in Oberammergau zu lesen. Der Oberammergauer Barterlass! Deshalb also bereits so viele Bärtige hier in dem bayerischen Dorf.

Die Treue zum Heimatdorf

Mehr als eine halbe Million Zuschauer werden 2020 zu den alle 10 Jahre stattfindenden Oberammergauer Passionsspielen pilgern. Ihr Spielleiter Christian Stückl wird dann schon zum vierten Mal diese Spiele leiten. Christian Stückl ist Intendant des Münchner Volkstheaters, inszeniert Schauspiel und Oper an vielen großen Bühnen, aber ist seinem Heimatdorf Oberammergau treu geblieben.

In den neun Jahren zwischen den Spielen hat Stückl das Passionsspielhaus nicht ungenutzt gelassen. Große Oper (Wagners "Fliegender Holländer"), Klassiker (Schillers "Wilhelm Tell") oder eine moderne Version der Flucht ins gelobte Land (Feridun Zaimoglus "Moses") wurden von den Oberammergauer Laiendarstellern gespielt.

Doch nun, ein Jahr vor der Passion, ein Drama, das sich mit Entstehung der Spiele befasst. "Die Pest" von Martin F. Wall. Über die Entstehung der Spiele zuvor ein Stück zu bringen, ist schon länger Tradition in Oberammergau.

Christian Stückl: "1933 war's erste Mal im Festspiel, das hat ein katholischer Autor, Leo Weismantel, geschrieben und seit 1999 hat Martin F. Wall, ein Dramaturg aus Wien, mit mir zusammen was Neues entwickelt, und das haben wir dann geschrieben und wieder umgearbeitet und wieder umgearbeitet und noch mal umgearbeitet."

Der geächtete Begründer des Passionsgelübdes

Mitten im 30-jährigen Krieg bricht die Pest aus. Sie verschont zunächst das etwas sündige Dorf Ammergau, aber Kaspar Schisler, ein sich auswärts verdingender Tagelöhner, der nach Jahren wieder zurück zu seiner Familie will, schleppt sie ein. Das ist der Gründungsmythos von Oberammergau. Dass Schisler später das Passionsgelübde - alle 10 Jahre die Passion zu spielen - initiiert, bringt ihm zunächst keinen Ruhm ein.

Stückl: "Sagen wir mal so, man findet ihn nicht im Sterbebuch. Kein Pfarrer hat ihn aufgeschrieben. Ich glaube, damals haben sie ihn gehasst, dafür dass er die Pest gebracht hat. Er ist nicht im Sterbebuch verzeichnet, er ist vergessen. Seine ganze Familie ist ausgelöscht."

Der Schauspieler Rochus Rückel steht auf der Theaterbühne in einem Kostüm, das die Armut seiner Figur zeigt und hält eine tote Ratte am Schwanz haltend in die Höhe. (Angelika Warmuth / dpa)Der Schauspieler Rochus Rückel hält einen Protagonisten der Pest in die Luft. (Angelika Warmuth / dpa)
Auf der großen Bühne, melodramatisch auf und hinter ihr mit Musik begleitet, wirkt "Die Pest" ein wenig wie ein Breitwandwestern. Das Dorf zunächst voller Vorurteile, dann wegen der Pest in Panik und einen Schuldigen suchend; es erscheint nicht allzu sympathisch. Stückl: "Es gibt nette Leut' in jedem Dorf, aber es gibt auch furchtbare Leut' in jedem Dorf." 

Nur Einheimische dürfen auf die Bühne

Das unterscheidet Oberammergau von den anderen Sommerfestivals: Es spielen ausschließlich Einheimische, man muss in Oberammergau geboren sein oder mindestens 20 Jahre hier gelebt haben. "Es spielen ja wirklich alle Generationen mit, man kennt alle und man weiß alle, man beobachtet sie seit sie ganz klein sind."

Unter den Darstellern: der durch die Pest schwer beschäftigte Totengräber Feistenmantel, ein Außenseiter und ziemlich schräger Vogel. Ihn spielt Rochus Rückl. Nächstes Jahr wird der 24-jährige Student der Luft- und Raumfahrttechnik Jesus sein. Totengräber und Jesus - vergleichbare Rollen? Rückl: "In gewisser Weise vielleicht schon, weil der Feistenmantel traut sich Sachen zu sagen, die sich kein anderer traut zu sagen. Und insofern ist das bei Jesus ähnlich. Von der Rolle her gesehen und insgesamt ist es natürlich auch der letzte Testlauf vor der Passion."

"Anfang September fahren wir eine Woche nach Israel mit allen Darstellern. Da freuen wir uns alle darauf und dann geht es eigentlich richtig los", sagt Frederik Mayet. Er wird alternativ zu Rochus Rückl Jesus spielen. Er ist studierter Volkswirt, bei der "Pest" ist er nur im Chor zu sehen, aber bereits 2010 war Mayet Jesus. Nun, 2020, ein neuer Jesus? "Ich glaube schon, wenn man ein zweites Mal die Chance hat an die Rolle ranzugehen, da denkt man schon nochmal anders drüber nach." 

Auch die Gegenwart soll in einem Passionsspiel spürbar sein

Christian Stückl: "Das ist ja das Spannende an Oberammergau, dass wir immer alle zehn Jahre älter werden. Ich glaube, Jesus verändert sich in der Sichtweise von einem selber. Viele Sachen, die jetzt in der Welt sind, ob es jetzt diese Flüchtlingskrise oder auch diese Unmenschlichkeit in der Politik ist, das muss in einem Passionsspiel spürbar werden." 

Oberammergau, ein frommes, ein religiöses Dorf oder doch alles nur Theater? Christian Stückl: "Ich wollte einmal Pfarrer werden, weil Liturgie Spaß macht. Lion Feuchtwanger war 1910 in Oberammergau und er hat gesagt: 'die offizielle Schilderung sagt, der Oberammergauer ist fromm.' Ich habe sie beobachtet, sie sind eher wurschtig. Also ich glaube, Oberammergau ist nicht frommer als ein beliebiges anderes Dorf. Aber ich glaube, sie nehmen alle die Sache total ernst. Und keiner von uns wird glaubenstechnisch abgefragt." 

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