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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.06.2018

Gründer des Roten KreuzesHenry Dunant - Retter und Hilfesuchender zugleich

Von Susanne von Schenck

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Ein Porträt von Henry Dunant aus dem Jahr 1864. (Deutsche Rotes Kreuz/dpa picture alliance)
Henry Dunant war der Gründer des Internationalen Komitte vom Roten Kreuz. (Deutsche Rotes Kreuz/dpa picture alliance)

Der Anblick sterbender Soldaten auf dem Schlachtfeld war für Henry Dunant der Auslöser, das Internationale Rote Kreuz zu gründen. Aber er, der als Retter in die Geschichte einging, war zugleich Getriebener: Er lebte in Angst vor einem strengen Gott.

Vor zwanzig Jahren wurde im beschaulich-provinziellen Heiden in der Ostschweiz das Henry-Dunant Museum eröffnet. Dort lebte der Gründer des Roten Kreuzes 23 Jahre, von1887 bis zu seinem Tod, die meiste Zeit in einem winzigen Zimmer des Hauses, in dem sich heute das Museum befindet. Celin Fässler ist dort für die Bibliothek und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

"Heiden war damals, 1887 ein großer Weltkurort, es gab Molkenkuren, es gab Frischluftkuren. Henry Dunant kam hierher, weil hier französisch gesprochen wurde, und Henry Dunant wollte kein Deutsch sprechen. Die Sprache der Barbaren wollte er nicht lernen, hat er mal gesagt. Nach zwanzig Jahren Herumtingelei und Herumreiserei kam er sehr müde und erschöpft hier an, kam zuerst in einer Pension unter, später im Bezirkskrankenhaus, wo er dann auch starb, 1910."

"Eines der schrecklichsten Schauspiele"

Vom Henry Dunant Platz in Heiden erstreckt sich der Blick weit über den Bodensee. Ein großes Denkmal verweist auf ein Schlüsselerlebnis in Dunants Leben: es zeigt einen Mann, der einem Verwundeten hilft. Dunant schrieb:

"Die Sonne des 25. Juni beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät."

In seinem Buch "Un souvenir de Solferino" - "Eine Erinnerung an Solferino" schreibt der damals 31-jährige Dunant seine traumatischen Erlebnisse nach der Schlacht von Solferino 1859 nieder. Beinahe zufällig ist der Geschäftsmann auf das Schlachtfeld in der Lombardei geraten. Eigentlich will Dunant will Napoleon III. treffen und ihn als Vertreter der Kolonialmacht günstig für sein Unternehmen - den Aufbau einer Mühlengesellschaft in Algerien - stimmen. Zudem ist er fasziniert von Monarchen und hat für den Franzosen eine Huldigungsschrift verfasst. Der aber hat anderes zu tun: gemeinsam mit den Sarden kämpft er gegen die Österreicher und besiegt sie. 40000 Tote und Verwundete bleiben auf dem Schlachtfeld zurück.

Auf der Suche nach Bestätigung

Ein Schock für Henri Dunant, der am Ende des Kampftags eintrifft. Ein Schock, dem er in seiner Schrift über Solferino Ausdruck verleiht. So hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand über den Krieg geschrieben. Das Buch schlägt ein, wird in über zwanzig Sprachen übersetzt. Zurück in seiner Heimatstadt Genf setzt Henry Dunant alle Hebel in Bewegung, um eine neutrale Hilfsgesellschaft für Kriegsverwundete zu gründen. 1864 unterzeichnen Vertreter von zwölf Nationen die erste Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsopfern.

"Ich würde ihn als ruhelosen Sucher beschreiben, der immer wieder auf der Suche war nach Bestätigung, nach Angenommen sein. Und das hat er leider Zeit seines Lebens nirgendwo wirklich gefunden."

Andreas Ennulat ist Theologe und Mitglied im Vorstand des Heidener Henry Dunant-Museums. Er hat sich intensiv mit der religiösen Prägung des Rot-Kreuz Gründers beschäftigt.

"Er ist in einer streng calvinistischen Familie großgeworden, das heißt, dass immer auch ein starkes soziales Engagement mit dazu gehörte, quasi als gottesdienstliche Pflicht. Mit seiner Mutter zusammen war er im zum Beispiel im Besuchsdienst in Gefängnissen unterwegs, von daher ist er in seinem sozialen Engagement ganz stark von Jugend an bereits geprägt. Calvinistisch geprägt heißt aber auch eben eine so eine strenge Einteilung in die Erwählten und nicht Erwählten. Das ist das Prinzip des Calvinismus, es gibt eine Vorherbestimmung zum Heil und eine Vorherbestimmung zum Unheil. Und das prägte, denke ich, sein Leben lang sein Handeln und Denken, diese strenge Unterscheidung zwischen Heil und Unheil."

Henry Dunants Lebensweg ist alles andere als geradlinig - er mäandert zwischen großen Leistungen für die Gesellschaft und persönlichem Scheitern. Vor lauter Visionen - neben dem Roten Kreuz eine Weltbibliothek, die Gründung des Staates Israel, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen - vernachlässigt er sein eigentliches Geschäft in Algerien. Der wirtschaftliche Zusammenbruch bleibt nicht aus. Andreas Ennulat:

"Nach der Gründung des Roten Kreuzes dort und als dann sein geschäftlicher Bankrott kam, war das ganz klar ein Ausschluss aus der Genfer Gesellschaft, sozial gesehen und natürlich dann eben auch in seinem Denken, in dem Sinne: verstoßen von Gott."

Die Folge: ein unstetes Leben in prekären Verhältnissen. Paris, London, Venedig, Konstantinopel und Stuttgart sind nur einige seiner Stationen. Der gewiefte Netzwerker versteht es, auch im Ausland Menschen für seine Ideen zu begeistern.

Nicht jeder gönnte ihm den Friedensnobelpreis

"Henry Dunant war eigentlich seiner Zeit weit voraus", sagt Celin Fässler vom Henry Dunant Museum in Heiden.

"Man sagt immer, Leute, die Vordenker sind, haben es sowieso schwerer. Dazu kam, dass er auch eine depressive Persönlichkeit war, vielleicht hat das auch mit reingespielt, dass es nicht immer ganz einfach war."

Als Henry Dunant 1887 krank und verarmt in die Ostschweiz kommt, haben viele den Gründer des Roten Kreuzes bereits wieder vergessen. In Heiden kann er günstig wohnen, und der Blick auf den Bodensee erinnert ihn an den Genfer See und die verlorene Heimat. Verbittert arbeitet er an seiner Rehabilitierung. Mit Erfolg. 1901, neun Jahre vor seinem Tod, wird ihm der erste Friedensnobelpreis der Geschichte verliehen. Ein Faksimile der Urkunde hängt im Heidener Museum. Dass er den Preis erhielt - den er übrigens mit Frédéric Passy, dem Gründer der Internationalen Friedensbewegung, teilen musste - war seinerzeit nicht unumstritten, erklärt Museumsleiterin Elvira Steccanella.

"Bertha von Suttner war nicht so glücklich, ich denke einerseits, dass sie nicht den Friedensnobelpreis gekriegt hat. Andererseits: sie war eine aktive Pazifistin und meinte eigentlich, dass Dunant mit seinem Friedenskonzept nicht zur Abschaffung des Krieges beitrage, wie es im Testament formuliert war, sondern nur zur Minderung des Krieges. Aber der Krieg wurde eigentlich mit seinem Handeln, mit dem Roten Kreuz nicht abgeschafft."

Bis heute ist Henry Dunant ein Mann, der polarisiert. Seine umfangreichen Schriften müssen größtenteils noch aufgearbeitet werden, um die vielfältigen Facetten seiner Persönlichkeit zu verstehen, meint der Theologe Andreas Ennulat.

"Das, was er an Positivem hat erreichen können, seine vielen großartigen Ideen, die er gehabt hat, die von anderen wohlbemerkt umgesetzt wurden, das hat ihm einfach nie genügt. Und das hat mit seiner religiösen Grundauffassung zu tun, entweder gehöre ich dazu, zum Heil, oder ich gehöre nicht dazu und dann, dann sollen sie mich begraben, wie einen Hund."

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