Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Samstag, 16.11.2019
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.01.2019

Gründe für die KrankenhausmisereWas läuft falsch in deutschen Kliniken?

Von Daniela Siebert

Podcast abonnieren
Leeres Krankenhausbett in einer Klinik. (imago/Westend61)
Klinikzimmer ohne Patient: Gibt es zu viele Krankenhäuser in Deutschland? (imago/Westend61)

Leere Betten, veraltet, zu wenig Investitionen: In Deutschland sind viele Krankenhäuser in keinem guten Zustand - und chronisch in den roten Zahlen. Liegt das an den Krankenhäusern selbst oder steckt der Fehler im System?

Die steigenden Kosten für das Personal – über eine Million Beschäftigte sind das bundesweit – und die Investitionen in Gebäude und Geräte: das sind die wichtigsten Faktoren, warum Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft DKG. Auch einzelne Fachbereiche sorgten für Probleme, etwa die Geburtsstationen mit weniger als 500 Geburten pro Jahr und die Notfallambulanzen:

"Eine chronische Defizitquelle für fast alle Krankenhäuser sind die Notfallambulanzen, wir haben Kosten pro Patient von über 100 Euro – und der kommt ambulant und geht auch wieder – und erhalten etwa 30 Euro pro Patient. Über die Summe aller Patienten ergibt das etwa eine Milliarde Euro Unterdeckung."

Die Fallpauschalen für die tatsächlichen Behandlungskosten würden zwar jährlich angepasst, so Baum, seien aber nicht immer auskömmlich. Und manche Krankenhäuser hätten Mühe, überhaupt auf ausreichende Fallzahlen zu kommen. Das sei gerade bei kleinen Häusern und auf dem Land schwierig.

Georg Baum während der Eröffnungspresse PK zur Medica 2017 in Düsseldorf am 9.11.2017 im Presse Center | Verwendung weltweit (dpa)Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG. (dpa)

Auch bei den Investitionskosten für Baumaßnahmen und teure neue medizinische Geräte wie Operations- oder Röntgenanlagen haben die Häuser das Steuer nicht in der Hand, sagt Georg Baum:

"Da sind die Krankenhäuser auf die staatlichen Mittel von den Ländern angewiesen, per Gesetz. Die Investitionen müssen die Länder zahlen, sie zahlen etwa drei Milliarden Euro und die Krankenhäuser müssen aber etwa neun Milliarden Euro investieren, d.h. wir haben also eine hoffnungslose – seit Jahren anhaltende – Unterdeckung."

Seit Mitte Dezember ist die DRK Krankenhausgesellschaft Thüringen-Brandenburg in Insolvenz. Davon betroffen ist auch das Krankenhaus in Bad Frankenhausen, dem jetzt akut die Schließung droht. Unser Thüringen-Korrespondent Henry Bernhard hat sich vor Ort umgesehen und ratlose Patienten und Lokalpolitiker getroffen. Seine Reportage können Sie hier nachhören:

Kommunale Krankenhäuser hätten dazu noch das Problem, dass sie nicht unbegrenzt Kredite aufnehmen dürften, um diese Lücken zu füllen.

Summa summarum: Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft sieht in den roten Zahlen kein Verschulden der einzelnen Krankenhäuser, sondern ein "systemisches Problem" in der Finanzierung.

Gibt es einfach zu viele Krankenhäuser?

Nur zum Teil stimmt da Wulf-Dietrich Leber vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen zu. Auch er hält drastisch sinkende Investitionszahlungen der Bundesländer für einen der wichtigsten Gründe, warum viele Krankenhäuser Defizite ausweisen. Die Krankenkassen, die die laufenden Ausgaben finanzieren, sieht er dagegen nicht in der Pflicht:

"Seitens der gesetzlichen Krankenversicherungen haben wir kontinuierliche Finanzierungs- und Kostensteigerungen getragen. Pro Jahr sind es anderthalb bis zwei Milliarden mehr, die in die Krankenhäuser geflossen sind."

Tatsächlich streiten Krankenkassen und Krankenhäuser jedoch auch immer häufiger um die Abrechnungen für Behandlungen. In Summe geht es da um Milliardenbeträge.

Wie das Landkrankenhaus der Zukunft aussehen könnte, wird derzeit in einem Pilotprojekt in Templin erprobt. Das dortige Krankenhaus soll nach und nach zum Ambulant-Stationären Gesundheitszentraum ausgebaut werden. Davon versprechen sich die Initiatoren Synergieeffekte und größere Ressourceneffizienz. Über den Stand der Dinge berichtet Verena Kemna. Ihren Beitrag können Sie hier nachhören:

Entscheidend für die rote Zahlen sei vor allem, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gebe, sagt der GKV-Experte Leber.

"Zwei von drei Krankenhäusern könnten ohne Probleme entfallen"

Der Gesundheitsökonom Reinhard Busse sieht das ähnlich. Er ist Professor für "Management im Gesundheitswesen" an der Technischen Universität Berlin und plädiert für radikale Einschnitte und eine grundlegend neue Struktur:

"Im europäischen Vergleich haben wir zwei Drittel höhere Kapazitäten, so dass wir insgesamt einfach zu viele Krankenhausbetten und zu viele Krankenhäuser haben, und das schlägt sich jetzt nieder, dass einzelne Krankenhäuser das merken, dass sie eben überflüssig sind oder zumindest mehr Kapazitäten haben als insgesamt gebraucht werden. Zwei von drei Krankenhäusern könnten ohne Probleme entfallen."

In Busses Analyse gibt es in Deutschland nicht nur viel zu viele Krankenhäuser, sondern auch viel zu viele Operationen.

"Gemessen an der Bevölkerungszahl haben wir 50 Prozent mehr Patienten als in vergleichbaren Ländern oder jeder Dritte fragt man sich, warum der eigentlich im Krankenhaus ist: Herzinsuffizienz, Diabetes, Schmerzen, wo in vielen anderen Ländern die Patienten gar nicht stationär eingewiesen würden."

Mehr zum Thema

Medizinische Versorgung - Das große Kliniksterben auf dem Land
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 23.07.2018)

Kliniksterben in Süddeutschland
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 04.10.2011)

Zeitfragen

Wohnen und SchreibenWie wir leben wollen
Zelte stehen auf einem kleinen Grünstreifen vor einer Häuserwand. Das Grafitti verweist auf die steigenden Mietpreise in Berlin. (AFP/ David Gannon)

Früher ließen steigende Brotpreise Gesellschaften auseinanderbrechen. Heute sind es Mieten. Sie steigen nicht nur in Szenevierteln und nicht nur für Reiche, sondern überall. Wie wollen wir leben?, fragen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller.Mehr

Der Hund und wirEine tierisch große Liebe
Ein Hund auf dem Arm seiner Besitzerin in einem aufeinander abgestimmten, rosa Kostüm. (Getty Images / Eduardo Munoz Alvarez)

Hunde sind die besseren Menschen – behaupten jedenfalls so einige Tierliebhaber. Das mag übertrieben sein. Aber Hunde sind ziemlich gute Beziehungsberater. Denn in Sachen Kommunikation und Zusammenleben können wir noch einiges von ihnen lernen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur