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Lesart | Beitrag vom 03.04.2021

Gruberová/Zeller: "Diagnose: Judenhass"Ein massives Wahrnehmungsproblem

Eva Gruberová und Helmut Zeller im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Antisemitische Schmierereien auf Plastiken von Marx und Engels am Alexanderplatz in Berlin. (imago / PEMAX)
Die Autoren Eva Gruberová und Helmut Zeller zeigen auf, wie tief Antisemitismus in Deutschland verwurzelt ist. (imago / PEMAX)

Der Antisemitismus in Deutschland kommt aus der Mitte der Gesellschaft, schreiben die Journalisten Eva Gruberová und Helmut Zeller. Für ihr Buch "Diagnose: Judenhass" haben sie mit deutschen Juden gesprochen. Das Ergebnis ist alarmierend.

Antisemitismus in Deutschland ist nicht nur in Kreisen sich benachteiligt fühlender Wutbürger zu finden – er ist in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das dokumentieren und analysieren Eva Gruberová und Helmut Zeller in ihrem Buch "Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit".

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Gruberová ist Journalistin und Referentin in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Zeller leitet die Dachau-Redaktion der "Süddeutschen Zeitung". Für ihr Buch haben sie jüdische Bürgerinnen und Bürger nach ihren Erfahrungen mit Judenhass gefragt und sind dabei auf eine große Diskrepanz zwischen den Wahrnehmungen von Juden und Nicht-Juden gestoßen.

Tief mit der Gesellschaft verwoben

"Es gibt in der Tat ein massives Wahrnehmungsproblem bei der nicht-jüdischen Mehrheit", sagt Gruberová. "Es fällt uns in der deutschen Gesellschaft offenbar schwer, überhaupt anzuerkennen, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt, und zwar alltäglich, und wie tief er mit der Gesellschaft verwoben ist. Antisemitismus wird als Problem der Vergangenheit verstanden. Und diese gilt ja, fälschlicherweise, als aufgearbeitet."

Der Hintergrund ihrer Überlegungen: Bis vor wenigen Jahren hieß es in Deutschland stets, jüdisches Leben sei ein selbstverständlicher Teil der Normalität. Aber spätestens nach dem Überfall auf die Synagoge in Halle 2019 und der massiven Ausbreitung von antisemitischen Verschwörungsmythen in der Coronakrise bekam dieses Bild tiefe Risse.

Eva Gruberová und Helmut Zeller sind durch Deutschland gereist, haben etwa einen jüdischen Friedhof in Rostock besucht, aber auch in einem Stadtteil von Dortmund recherchiert, der für seine Neonazi-Szene bekannt ist.

Judenhass auch in der akademischen Mitte 

Antisemitismus äußere sich nicht nur in öffentlich wahrnehmbarer Gewalt, sagt Gruberová. Ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner berichteten von Beleidigungen und abfälligen Äußerungen, von üblen Witzen und Klischeevorstellungen, mit denen sie im Alltag regelmäßig konfrontiert würden. Oder vom Schulterzucken nicht-jüdischer Bekannter, wenn sie ihnen von Übergriffen berichteten.

Eine Gesprächspartnerin habe den Rat bekommen, "sie solle den Davidstern doch nicht so deutlich sichtbar tragen. Denn da dürfe sie sich nicht wundern, wenn sie Probleme bekomme", berichtet Gruberová.

Was viele nicht sehen: Antisemitismus sei immer schon aus der "bürgerlichen Mitte - gekommen, sagt Autor Helmut Zeller. Judenhass sei tief in der Gesellschaft verwurzelt und "oftmals auch in der akademischen Mitte – das hat man in der Weimarer Republik sehr deutlich gesehen –, die eben diesen Antisemitismus propagiert und gelebt hat."

(mkn)

Eva Gruberová, Helmut Zeller: "Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit"
C.H. Beck, München 2021
279 Seiten, 16,95 Euro

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