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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.09.2014

Großsiedlungen heuteZu Hause in der Trabantenstadt

Was lässt sich vom Siedlungsbau der 60er- und 70er-Jahre lernen?

Von Adolf Stock

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Weil Innenstadtwohnungen knapp werden, drängen wieder mehr Mieter in die lange ungeliebten Blocks am Rand vieler Großstädte (hier: Berlin-Hellersdorf) (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Großsiedlungen - eine Alternative zur teuren Innenstadt-Wohnung? (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Grau, trist und anonym - das Image von Großsiedlungen ist schlecht. Zu Unrecht, sagen Bewohner und loben die Vorzüge der vermeintlichen Beton-Gettos. Auch Stadtplaner sind überzeugt: Die Großsiedlung ist kein Auslaufmodell.

Würde Maren Harnack in die Frankfurter Nordweststadt ziehen?

Maren Harnack: "Nee, will ich nicht, weil ich ein Stadtbewohner bin, aber bevor ich nach Bad Vilbel ziehe, da würde ich dann doch hinziehen. Ich glaube, es ist eben nur die Frage, mit was man es vergleicht. Und wenn man sich fragen würde: Willste in den Taunus oder in die Nordweststadt? Dann würde ich sagen: Dann gehe ich lieber da hin, das ist doch klar!"

Maren Harnack lehrt Stadtplanung an der Fachhochschule in Frankfurt am Main. Sie ist eine lebhafte junge Frau mit einer gesunden Portion Misstrauen der eigenen Profession gegenüber. Beglückungsversuche ihrer Fachkollegen, die immer gleich und genau wissen, wie und was gebaut werden soll, kommentiert sie ironisch distanziert.

Maren Harnack: "Das ist eigentlich bei fast allen Großsiedlungen so, dass die Bewohner, die dort leben, das durchaus sehr hoch schätzen, diese Wohnumgebung. Und nur die Leute, die das nur von außen kennen, immer sagen: Das ist ja ganz schrecklich, da kann man doch nicht leben, das muss doch alles ganz anders sein! Und da gibt es - eigentlich egal wo sie hinkommen, und auch wenn es nicht so prominente Beispiele sind wie das Märkische Viertel oder die Nordweststadt - gibt es auch diesen starken Unterschied zwischen dem positiven Blick von innen und dem sehr negativen Bild oft von außen."

Berlin Märkisches Viertel. Auf dem Wilhelmsruher Damm wird gefeiert. Das Märkische Viertel ist 50 Jahre alt. Die Berliner Senatsbausenatorin Regula Lüscher spricht zu den Gästen.

Regula Lüscher: "Vor wenigen Wochen war ich hier auf meinen Weekend-Ausflügen mit meinem Mann, wir haben nur gestaunt. Und wir hatten richtig Zeit, durch die Straßen und die Freiräume zu spazieren, die unglaublich innovativen unterschiedlichen städtebaulichen Teilquartiere, die entwickelt wurden. An jeder Stelle entsteht eine neue Identität, ich muss sagen, ich war total begeistert, und ich kann nicht verstehen, warum man Großsiedlungen nicht gut findet. Ich kann's nicht verstehen."

Auch Christiane Thalgott ist zum Feiern nach Berlin ins Märkische Viertel gekommen. Sie war in den 1990er-Jahren bis 2007 Stadtbaurätin in München (An dieser Stelle weicht die Schriftversion vom MP3-Audio ab, Anm. d. Red.), wo sie dann für die Großsiedlung Neuperlach verantwortlich war.

Christiane Thalgott: "Es ist erstaunlich, dass der Ruf dieser Großwohnanlagen ganz schlecht ist, und die Leute, die drin wohnen, dort sehr gerne wohnen. Es war für mich die große Erkenntnis, diese Anlagen ernst zu nehmen und sie nicht sozusagen in die Schmuddelecke zu stellen. Wobei das in München auch so nicht gemacht worden ist, denn der Oberbürgermeister Vogel, der war so stolz auf Perlach, dass er jedem, der ein schlechtes Wort darüber sagte, einen persönlichen Brief schrieb."

Große Träume - große Siedlungen

Die Entstehungsgeschichte der Großsiedlungen begann in den 50er-Jahren. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht lange vorbei, und in den zerstörten Städten gab es viel Wohnungsnot. Das war auch in München so. Die Stadtplanerin Sigrid Bretzel ist heute im Ruhestand. Sie wohnt in Schwabing in einem schönen Gründerzeithaus mit Jugendstilfassade. Neuperlach, so erzählt sie, war in den 60er-Jahren das größte Siedlungsprojekt in Europa.

Sigrid Bretzel: "Man stand in München praktisch mit dem Rücken zur Wand. Man musste Wohnungsbau schaffen, und aus der Situation heraus sollte man auch manches verstehen, deshalb wollte man das auch wahnsinnig schnell bauen."

Es ging wirklich alles sehr schnell. 1965 waren der Strukturplan (An dieser Stelle weicht die Schriftversion vom MP3-Audio ab, Anm. d. Red.) fertig, 1967 wurde der Grundstein gelegt, und schon ein Jahr später konnten 1400 Wohnungen bezogen werden. Das linderte spürbar die Wohnungsnot, denn Anfang der 60er-Jahre gab es in der bayerischen Landeshauptstadt noch 80.000 Vormerkungen für eine Familienwohnung.

Kinder verschiedener Nationalitäten nutzen den Spielplatz am Kinder- und Familienzentrum zwischen den Hochhäusern des Stadtteils Tenever am östlichen Stadtrand von Bremen. (picture alliance / dpa)Tenever am Rande von Bremen: Viel Beton und viel Grün. (picture alliance / dpa)

Wohnen mit Komfort

Sigrid Bretzel: "Es gab damals noch die Situation, dass in manchen Wohnungen zwei Haushalte wohnten, und im statistischen Durchschnitt 1,3 Einwohner pro Raum. Und die ersten Wohnungen in Neuperlach, 1968 fertiggestellt, da gab es Vierzimmerwohnungen, die noch mit sieben Personen belegt waren. So war damals die Situation."

Damals wollten fast alle Leute in eine neue Wohnung ziehen. Auch Mieter, die in einem Altbau wohnten. Damals, sagt Maren Harnack, wollten alle nur eins: Nichts wie weg aus dem Zille-Milieu!

Maren Harnack: "Für die Leute, die in die Nordweststadt gezogen sind oder ins Märkische Viertel, war das immer noch ein enormer Fortschritt. Der Wohnkomfort, den man da hatte, das war überhaupt nicht zu vergleichen mit einer Altbauwohnung. Das vergessen wir heute auch oft, dass eine Altbauwohnung in den 60er-Jahren nicht Zentralheizung hatte, kein Badezimmer hatte, dass man da nicht schick sanierten Stuck hatte und Doppelverglasung und all diese Sachen, dass das einfach wahnsinnig unkomfortabel war, dort zu leben. Sie hatten ganz oft noch ein Klo auf halber Treppe und solche Sachen."

Rosemarie Sadowski: "Das war ein Badezimmer, das haben wir ja überhaupt nicht gekannt, also es war, es war herrlich."

Ursula Bätz wohnt seit 50 Jahren in Berlin im Märkischen Viertel. Auch sie steht auf dem Wilhelmsruher Damm und hört den Festrednern zu, die das 50-jährige Jubiläum feiern. Ursula Bätz ist Märkisches-Viertel-Urgestein.

Ursula Bätz: "Wir kamen ja aus einer Zweizimmerwohnung, und ich hatte zwei Söhne, 15 und 17 Jahre alt. Jeder Junge hatte ein kleines Zimmer, das war für uns eine Villa. Schade, dass wir keine Bilder haben, da wurde so viel gebaut, da waren so viele Bretter und all sowas. Diese Wohnungen waren so, die mussten mindestens zwei Kinder haben, da können Sie sich vorstellen, es waren viele Kinder in den ersten Häusern. Erst einmal war ein Kornfeld noch vor der Tür, das war denn weg, und die Kinder haben die Bretter ..., die haben sich Hütten gebaut, so gut sie konnten. Also, wir waren selig."

Licht, Luft und Sonne

Die Stadtplaner von damals hatten keine Kornfelder im Sinn. Sie wollten gut funktionierende Großsiedlungen bauen. Vorbild war zunächst die klassische Moderne, so wie sie in den 20 Jahren des letzten Jahrhundert gebaut worden war. Doch als die Frankfurter Nordweststadt geplant wurde, erzählt Maren Harnack, hatte sich Chefplaner Walter Schwagenscheidt schon an neuen Leitbildern orientiert.

Maren Harnack: "Der hat zwar auch das Ideal gehabt, dass man Licht, Luft, Sonne hat, aber er wollte auch, dass die Gebäude Räume bilden. Das ist schon einen Schritt weiter gedacht, dass man versucht, die Gebäude so anzuordnen, also immer noch im rechten Winkel zueinander und nach der Sonne ausgerichtet. Man versucht sie so anzuordnen, dass dazwischen Räume entstehen, die ein Mensch auch als Raum wahrnehmen kann."

Die so geplante Frankfurter Nordweststadt liegt in der Mitte zwischen drei alten Ortskernen: Heddernheim, Praunheim und Niederursel.

Maren Harnack: "Was für mich auch ganz schön ist, ist, dass die öffentlichen Bauten sich eigentlich im Kleinen noch einmal wiederholen, das wiederholt sich in der Kirchengemeinde 'Kantate Domino' zum Beispiel, in dieser Schule, die es da gibt. Da hat man diese genau gleiche Raumbildung, wie so Körper zueinander stehen, dass sich dazwischen ein Raum aufspannt, die Durchblicke sich ändern, die Konstellation von Gebäuden zueinander und Räumen zueinander sich verändert, und ich das wie so ein Film eigentlich wahrnehme. Das ist sehr stark. Ich würde sagen, das ist der Kaschmir-Pulli unter den Großsiedlungen. So wie auch das Märkische Viertel zu den Kaschmir-Pullis unter den Großsiedlungen gehört, wirklich sorgfältig und mit viel Mühe und viel Gehirnschmalz und vielen guten Ideen entworfener Raum ist das."

In 15 Minuten am Kurfürstendamm

Auch das Berliner Märkische Viertel will Räume schaffen. Hier gibt es große u-förmige Höfe mit viel Raum für Grünflachen und Spazierwege. Einer der Architekten war Hans Christian Müller, der ab 1967 für 15 Jahre West-Berliner Senatsbaudirektor war. 1968 sprach er im RIAS über das Märkische Viertel.

Hans Christian Müller: "Es handelt sich ja nicht nur um Häuser, sondern es handelt sich um Leben. Also nicht nur das Angebot selbst, sondern die Art und Weise, wie es gemacht wird, ist von sehr großem Einfluss. Wenn wir zum Beispiel an das Märkische Viertel denken, ich würde sagen, dass also bei 60.000 bis 80.000 Einwohnern eine Zelle gebildet werden kann, die die notwendige Turbulenz für den Alltag bringt. Und dass der Berliner, der dort wohnt, über die U-Bahn innerhalb, sagen wir mal 15 Minuten am Kurfürstendamm sein kann."

Schöne Idee, doch die U-Bahn ins Märkische Viertel wurde nie gebaut. Heute heißt die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Man sieht sie oft Striche und Piktogramme zeichnen. Ein Sofa steht für "Wohnen", ein Auto für "Verkehr". Es sind wilde, komplexe Skizzen, die visualisieren sollen, was sonst wohl allzu flüchtig in ihrem Kopf rumgeistert.

Auf der Straße im Märkischen Viertel geht das natürlich nicht. Doch ihr Redemanuskript ist auch kein Stück schlichtes Papier. Auch hier gibt es Striche und Pfeile, die Gedanken kreuzen und neu strukturieren. Das Resultat ist ein großes Loblied auf das 50-jährige Geburtstagskind.

Flucht aus der Enge

Regula Lüscher: "Die Geschichte des Märkischen Viertels ist ja ein Paradebeispiel für die Stadtentwicklung der Nachkriegszeit, für den Drang, die Stadt zu erweitern, aber auch für die Sehnsucht der Menschen, aus der damals als unwirtlich gefühlten Enge der Innenstädte zu entfliehen. Das können wir uns heute irgendwie gar nicht mehr vorstellen, aber das war so. Dennoch, das Märkische Viertel hatte von Beginn an viele Kritiker, das geht mutigen Projekten meistens so, also das kann mal gelassen sehen, und die Kritiker wurden ja auch eines Besseren belehrt."

Zum Jubiläum des Märkischen Viertels hat die Wohnungsbaugesellschaft eine Ausstellung organisiert. Ausstellung ist eigentlich das falsche Wort, denn es gibt vor allem medienunterstützte Spaziergänge. Flaneure können sich über Kopfhörer den Stadtteil erklären lassen. So stellt sich das Märkische Viertel selber aus, dabei geht es nicht nur um Häuser und Architektur, es geht auch um die Menschen, die dort leben.

Rosemarie Sadowski: "Es sind eben viel Ausländer hier. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich irgendwas gegen die habe, aber zum Teil sind sie doch nicht so, so ganz, wie man sich das vorstellt. Aber ich schließe meine Tür ab und kümmere mich um nix, und dann is jut."

Klingelschilder am Eingang zu einem der Wohnhochhäuser in Köln-Chorweiler am 24.11.2006. (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)In der Innenstadt ist es vielen Bewohnern zu eng und zu laut. (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)

"Es geht den Leuten gut"

Welten prallen aufeinander. Rosemarie Sadowski aus dem Märkischen Viertel wirkt ein wenig resigniert.

Die Stadtplanerin Siegrid Bretzel aus München denkt weitaus positiver, obwohl in Neuperlach der Ausländeranteil auch höher ist, als in anderen Stadtteilen der Landeshauptstadt.

Sigrid Bretzel: "Wenn man so in Neuperlach eben die Augen offen hat, da hat man wirklich das Gefühl, dass auch die ausländischen jungen Frauen mit ihren Kindern, das ist sehr im Stadtbild zu sehen, man hat irgendwie den Eindruck: Es geht den Leuten gut. Es ist überhaupt keine aggressive Stimmung. Und auch wenn ich so Bus gefahren bin, und die Leute mit schweren Taschen oder Kinderwägen, die haben sich so nett geholfen miteinander, also man hatte eigentlich einen ganz, ganz positiven Eindruck."

Sigrid Bretzel hofft, dass ihr flüchtiger Eindruck stimmt.

Sigrid Bretzel: "Ich war auch mal bei schönem Wetter da oben im Ostpark, da lagen ganz viele türkische Familien so auf den Wiesen und haben es sich gut gehen lassen. Es gibt aber Leute, die das stört, habe ich gehört. Aber ich habe gedacht: Mei is das schön, dass die jetzt die Möglichkeit auch haben."

Jetzt sitzt Sigrid Bretzel in ihrer Schwabinger Wohnung, wo sich auf dem großen Tisch Pläne und Bilder von Neuperlach stapeln. Sigrid Bretzel ist in ihrem Element, sie blättert, erklärt und sucht.

In Neuperlach lassen sich die verschiedenen Schichten der Nachkriegsarchitektur in ihrer Abfolge verstehen. Anfang der 60er-Jahre (An dieser Stelle weicht die Schriftversion vom MP3-Audio ab, Anm. d. Red.) beschloss der Münchener Stadtrat eine Großsiedlung für 80.000 Menschen. Gleichzeitig sollten 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätze entstehen, etwa ein Arbeitsplatz pro Wohnung.

Sigrid Bretzel: ""Das Planungsgebiet hat 1000 Hektar. Wer die Münchner Innenstadt kennt, das ist von der Donnersbergerbrücke bis zur Isar und vom Englischen Garten bis unten zum Bahn-Südring. Vielleicht ist einzuflechten, dass die 25.000 Wohnungen tatsächlich realisiert sind, aber es sind nicht 80.000 Einwohner, sondern im Moment sind es ungefähr 55.000 bis 60.000, weil man damals ein viel höhere Wohnungsbelegung zugrunde gelegt hat und jetzt eben weniger Personen in einer Wohnung wohnen."

Der erste Chefplaner war Egon Hartmann, der ab 1963 Baudirektor in war. Er kam aus Ost-Berlin, wo er 1951 den Wettbewerb für die Bebauung der Stalinallee gewonnen hatte. Ob und wenn wie Neuperlach stadtplanerisch mit der Stalinallee zu tun hat, darüber debattieren Fachleute. Klar ist auf jeden Fall, dass dieser erste Bauabschnitt zu dem besten zählt, was Neuperlach zu bieten hat.

Sigrid Bretzel: "Im Nordosten sollte ein größeres Zentrum gebaut werden, in dem Entwurf von Dr. Hartmann. Ein Zentrum mit Hochhausscheiben. Und da kam die Neue Heimat und sagte, das wollen sie so nicht, das ist zu streng. Man will irgendwas was Gebogenes und Gestaffeltes und sonst wie, und ich glaube, dass da das Märkische Viertel durchaus Pate gestanden hat. Das war also eigentlich eine erste Änderung solcher früheren Vorstellungen."

"Urbanität durch Dichte"

Das Schlagwort von der "Urbanität durch Dichte" wurde zum weithin akzeptierten Maßstab für den Siedlungsbau. Die aufgelockerten Siedlungsformen der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrem streng geordneten Zeilenbau war den Planern nicht mehr städtisch genug.
Noch zehn Jahre später war schon wieder alles ganz anders. Man wollte keine zu dichte Bebauung mehr. Langsam bekamen die Stadtplaner wohl selber Angst vor den riesigen Häuserschlangen mit den ewigen Staffelgeschossen, die aussahen wie zusammengeschraubte Hochhausgebirge. In Perlach Süd gab es 1972 wieder Straßenrandbebauung und Häuserblöcke mit ruhigen Wohnhöfen. Auch die strikte Trennung zwischen Fußgänger und Autoverkehr wurde aufgegeben.
Was lässt sich von Neuperlach lernen? Die Frage amüsiert Sigrid Bretzel, denn genau genommen ist Neuperlach bis heute ein ständiges Experimentierfeld des modernen Siedlungsbaus.

Trotzdem haben die Großsiedlungen einen schlechten Ruf und sie werden pauschal als unwirtliche Steinwüsten denunziert. Irgendwann in den 70er-Jahren hat das Mobbing angefangen. In Berlin-Kreuzberg begann die behutsame Stadtsanierung. In Frankfurt gingen die Studenten wegen der Zerstörung des Westends auf die Barrikaden, und der Denkmalschutz war plötzlich ein viel diskutiertes Thema in der Gesellschaft. Damals wurde die "Europäische Stadt" zum positiven Markenzeichen.

Maren Harnack: "Dass man sagte: Das ist doch toll, und dieses Straßenleben und diese belebten Fassaden mit diesen Ornamenten und der Stuck, und das finden wir alles super! Und da kippt der Diskurs, und auch die Förderpolitik ändert sich. Da geht auf einmal ganz viel Geld in Altstadtsanierung rein, in Wohnungsmodernisierung. Das ganze Geld, das dann in Neubau von so großen Siedlungen geflossen ist, das ist dann halt nicht mehr da für diese Projekte."

Noch heute denken viele in diesen Kategorien des Umbruchs.

Vorstadtgefühlt statt Urbanität

Maren Harnack: "Ich glaube, ein Fehler, den man ganz oft macht, ist, dass man das eben mit solchen Gründerzeitquartieren vergleicht. Man stellt dann fest, da ist gar nicht so viel Leben, da gibt es nicht so viele Geschäfte, da gibt's auch nicht so viele Kneipen und dann ist das ein Defizit. Wenn man jetzt aber mal sagt: Ja ist das überhaupt der richtige Vergleich? Und da haben wir Planer oft einen falschen Maßstab, weil wir, wahrscheinlich bedingt durch unsere Profession, oft Leute sind, die eigentlich das urbane Wohnen immer gut finden, und die dann dazu neigen zu denken: Das müssen doch eigentlich alle gut finden."

"Ich glaube es gibt eine ganze Menge Leute, die wollen das gar nicht, die wollen, die haben nicht das Bedürfnis, die Auswahl zu haben, in welche der vielen Kneipen sie dann nun gehen, die sie in einer Minute zu Fuß erreichen oder so. Sie finden das total prima, wenn es da ruhig ist und sie eine gute praktische Wohnung haben, mit einem Vermieter, der auch keine, ich sag mal, nicht so ein Ausbeuter ist, sondern der Interesse daran hat, eine gute Mieterschaft zu haben. Das unterschätzt man, wie viele Leute eher so ein Wohnbedürfnis haben, als das Wohnbedürfnis nach so einer dichten, kompakten Stadt wie ich das vielleicht gerne hätte."

Auch Sigrid Bretzel schüttelt den Kopf.

(picture alliance / dpa)Urban und eng - nicht alle wollen in der Innenstadt wohnen. (picture alliance / dpa)

Sigrid Bretzel: "Das ist ja, glaube ich, auch heute noch im Städtebau: Man will immerzu urban, urban, urban. Man kann auch meiner Ansicht nach mit Planung von vornherein nicht unbedingt das Urbane schaffen. Wenn man hier an München denkt, da wird dann immer von der Maxvorstadt geredet, ja da gibt es Straßen, die sind urban, aber da gibt es komischerweise auch in diesem dichten Viertel Wohnstraßen, wo eben nicht jetzt das Leben tobt, und das muss auch sein. Ich wohne hier in einem, das heißt immer, das sei das dichteste Wohnquartier hier. Ich komme manchmal am Vormittag um elf auf die Straße, und dann ist da auch auf dem ganzen Fußweg kein Mensch. Das gibt es eben."

Die Planer der Großsiedlungen wollten städtisches Leben, doch wohin man auch schaut, ist gemächliche Vorstadt. Selbst dort, wo sich die Wohngebirge in den Himmel schrauben.

Sigrid Bretzel: "Ich habe ab und zu auch mal Bekannte geführt, die eben sonst wo in München wohnen und immer gar nix wussten von Neuperlach und immer haben alle gesagt: Das ist ja viel schöner und besser, als wir das je gedacht haben. Dies Neuperlach ist im Sommer wie ein einziger Park, und dies ist vielleicht nicht unbedingt das, was man sich mal als die urbane Stadt vorgestellt, aber es ist, wenn man mal die heutige Zeit betrachtet, mit den Bedürfnissen nach Umweltqualitäten und so weiter, ist das eine gewisse Qualität, die da entstanden ist. Und eben auch mit den Fußweg-Alleen, und da sind auch Spielplätze dabei, oder auch kleine Gruppen mit Tischchen, wo sich Leute treffen können, und so weiter."

Grün und zentral

Maren Harnack: "In der Nordweststadt, da sind die Grünräume ja meistens ziemlich gut gepflegt. Die sind jetzt nicht wahnsinnig voller Menschen, aber ich sitze auf meinem Balkon, und ich gucke in einen schönen gepflegten Grünraum, das kann dann durchaus vielleicht mit so einem Standtort mithalten, der weiter draußen ist. Und ich habe eine Anbindung an die Stadt, also ich bin mit Bus und Bahn in 20 Minuten in der Innenstadt, ich brauche also nicht unbedingt ein eigenes Auto."

Zur Eröffnung der Jubiläumsausstellung 50 Jahre Märkisches Viertel spricht Jörg Franzen, Vorstandsvorsitzender der Wohnungsgesellschaft GESOBAU. Er spart nicht am Eigenlob. Für ihn ist das Märkische Viertel die innovativste und schönste Großsiedlung in ganz Deutschland.

Jörg Franzen: "Wir sind im Moment in einer Umbruchsituation, die kurz vor dem Abschluss ist. Die GESOBAU hat seit 2008 560 Millionen hier investiert für die Komplettrenovierung von über 13.000 Wohnungen. Wir werden das warmmietenneutral annähernd gestalten können für unsere Kunden. Eine einmalige Situation, wir sind jetzt bei einer CO2-neutalen Energiebilanz im Märkischen Viertel, wir haben eine tolle Architektur, wir haben ein sehr lebenswertes Viertel, und das wollen wir jetzt natürlich auch zum Jubiläum noch einmal besonders herausstellen."

2009 wurde das Märkische Viertel zum Stadtumbaugebiet erklärt. Doch nicht alles lässt sich mit Geld regeln. Es bleiben strukturelle Probleme. Maren Harnack spricht zum Beispiel von einem ständig steigenden Wohnflächenkonsum, den die Großsiedlungen nicht bedienen können.

Maren Harnack: "In der Nordweststadt, ich glaube es gibt nur 10, 15 Prozent Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern. Das ist für Familien heute nicht mehr so attraktiv, wenn sie sich das leisten kann irgendwie, dann möchte man eigentlich für jedes Kind ein Zimmer haben. Wenn man zwei Kinder hat, dann sucht man eine Vierzimmerwohnung mindestens, eigentlich auch gerne fünf Zimmer, dass man noch ein Arbeitszimmer, Gästezimmer und so weiter hat, und da sind diese Siedlungen dann unflexibel, und da bietet natürlich der Altbau mehr, klar."

Frankfurt am Main. In der Fachhochschule werden von Maren Harnack Studenten betreut. Sie sollen neue Konzepte für die Frankfurter Nordweststadt entwickeln. Die Studenten kommen aus Deutschland, Rumänien, Polen und Spanien oder wie Fabiano Tiberti aus Rom.

Fabiano Tiberti: "Die italienische Mentalität ist vielleicht ein wenig mehr chaotisch, und die deutschen Wohnungen sind immer gut gemacht, und deswegen ist es auch für die neue Planungen einfacher, eine neue Lösung zu finden."

Ist der Anspruch zu hoch?

Maren Harnack: "Als sie den Ort gesehen haben, die denken, was ist denn hier überhaupt das Problem? Das ist doch total schön hier, das ist alles super gepflegt. Was sollen wir hier überhaupt machen? Und das hat natürlich damit zu tun, das unser Anspruchsniveau schon ein anderes ist als jetzt in südeuropäischen Ländern. Und dass bei uns der soziale Wohnungsbau doch noch eine andere Qualität hat als dort."

Plattenhochhaus in Köln-Meschenich (Deutschlandradio / Barbara Schmidt-Mattern)Plattenhochhaus in Köln-Meschenich (Deutschlandradio / Barbara Schmidt-Mattern)

Am Ende blieb dann doch viel zu tun. Die Studenten wie Carsten Schlosser suchen nach intelligenten Lösungen, um die Wohnqualität der Nordweststadt zu stärken.

Carsten Schlosser: "Wir haben viele ungenutzte Räumen, die zwar sehr schön grün sind, aber nicht wirklich genutzt werden. Das war das eine, und das andere ist, dass es eine autogerechte Stadtplanung war, die zwar dafür gesorgt hat, dass innerhalb des Quartiers kein Autoverkehr ist, allerdings viele Barrieren entstanden sind durch groß angelegte Straßen, die das zentrale Einkaufszentrum erschließen. Diese Barrieren wollen wir reduzieren, um den Zusammenhalt des Quartiers zu fördern."

An einigen Stellen müsste nachjustiert werden, denn es gibt strukturelle Probleme: Zu breite Straßen, die das Wohnquartier zerteilen, die nur wenig benutzten Tiefgaragen unter den Rasenflächen oder die Anbindung der Siedlung an die benachbarte Römerstadt, eine Vorzeigesiedlung aus den 30er-Jahren, die heute unter Denkmalschutz steht.

Maren Harnack: "Was die wahnsinnig beschäftigt, ist dieses Thema, dass es ja so ein großes Einkaufszentrum in der Mitte gibt, von dem sie meinen, dass es die ganze Energie aus der Siedlung raus saugt. Und sie versuchen jetzt, Strategien zu finden, um an anderen Stellen wenigstens kleine Aktivitätspunkte zu etablieren, die eine andere Art Aktivität vielleicht bieten als dieses Einkaufszentrum, um diesen Sog da ein bisschen rauszunehmen."

In München Neuperlach gibt es ähnliche Probleme. Neben der Shopping Mall breitet sich eine leere Fläche aus. Eigentlich sollten hier überörtliche Einrichtungen stehen, ein Zentrum für den Südosten der Landeshauptstadt mit vielen Einkaufsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten. Doch das Stadtteilzentrum mit Marktplatz, Bürgerhaus und Verwaltungsgebäuden wurde nie gebaut.

Stattdessen dominiert ein überdachtes Einkaufszentrum. Hier rattern jeden Abend und an Wochenenden die Rollläden runter. Die Mall wird abgeschlossen. Dann gibt es weder Jeans, Pizza noch Eis, nicht einmal ein Schaufensterbummel ist möglich.

Wohnungsnot in den Städten

In den Ballungsgebieten sind bezahlbare Wohnungen knapp. Die Anzahl der Sozialwohnungen hat sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert. Über den Daumen gepeilt sind in ganz Deutschland noch 1,5 Millionen Sozialwohnungen übrig. Die Bundesbauministerin geht davon aus, dass in bundesdeutschen Ballungsgebieten jährlich 250.000 Wohnungen neu gebaut werden müssten, und der Mieterbund fordert eine Viertelmillion neuer Sozialwohnungen bis 2018.

Sigrid Bretzel: "Die Wohnungsbaugesellschaften in München, die stehen natürlich Schlange, wenn irgendwo ein Baugebiet ausgewiesen wird, wollen sie bauen. München hat ja auch jetzt noch eine ganz hohe Bautätigkeit. Das Ziel sind 7500 Wohnungen im Jahr. Und das wird auch fast - nicht immer jedes Jahr - erreicht. Und es hört nicht auf, es ist weiterhin ein hoher Bedarf, vor allem eben auch natürlich nach preiswerten Wohnungen. Die Baugebiete haben eine Pflicht, 20 bis 30 Prozent Sozialwohnungen in jedem Gebiet, und damit schafft man in München nicht etwa eine Region mit nur Sozialwohnungen, sondern das ist verteilt, und das klappt eigentlich auch ganz gut."

In Berlin kamen 2013 fast 50.000 neue Einwohner hinzu. Sie drängen auf den Wohnungsmarkt. Doch 2013 wurden nur 6000 neue Wohnungen gebaut, und selbst da ist für Otto-Normalverdiener nur wenig dabei. Und überhaupt, 6000 neue Wohnungen jährlich, das ist viel zu wenig, es müsste wenigstens das Doppelte sein.

Angesichts dieser Situation lernen wir heute die Großsiedlungen wieder neu schätzen, zumal sie für das soziale Gefüge unserer Städte überlebenswichtig sind.

Sigrid Bretzel: "Ich sage immer, in so einer großen Stadt muss es sehr verschiedene Möglichkeiten zum Wohnen geben. Und es gibt bestimmt viele Leute, die möchten gerne in so einer modernen Siedlung leben, viele nicht. Es ist aber richtig, wenn eine Stadt das anbietet und hat und wenn sie natürlich versucht, das auch gut zu machen. Es muss uns gelingen, dass wir auch andere Orte attraktiv machen, dass wir dadurch den Druck auf die Innenstädte auch ein wenig abdämpfen können, und dass wir in unseren Köpfen die Stadt groß sehen."

"Großsiedlungen sind nicht ein Auslaufmodell"

Die Großsiedlungen helfen, den Druck auf die Innenstädte zu mildern. Und es ist an der Zeit, dass wir in unseren Köpfen die Stadt groß sehen. Das glaubt auch Berlins Bausenatorin Regula Lüscher. Sie ist selbst in einer Siedlung aufgewachsen, und sie wusste schon immer, dass Quartiere wie die Nordweststadt, Neuperlach oder das Märkische Viertel zur modernen Großstadt dazugehören.

Regula Lüscher: "Die Großsiedlungen sind nicht ein Auslaufmodell, wie das immer wieder beschworen wird, sondern das Gegenteil. Sie sind wesentlicher Teil der Europäischen Stadt. Die Europäische Stadt ist Teil der Großsiedlungen und umgekehrt, und wenn man das nicht begreift, dann hat man einen Teil der Architekturgeschichte nicht verstanden."

Und ihre Kollegin Christiane Thalgott, die aus München zum Jubiläum des Märkischen Viertels nach Berlin gekommen war, pflichtet ihr bei.

Christiane Thalgott: "Das Thema Großwohnanlagen gewinnt wirklich an Bedeutung. Wir alle, in allen Städten, versuchen sie heute fertig zu bauen und zu verbessern. Das ist das allgemeine Thema, und wir sind unseren Vorgängern außerordentlich dankbar dafür, dass sie das gemacht haben."

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