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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2005

Großraumbüro statt Schreibstube

Anne Webers "Gold im Mund" ist eine ungewöhnliche Kapitalismus-Kritik

Rezensiert von Marius Meller

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Anne Weber tauschte die Schreibstube gegen ein Großraumbüro ein. (Stock.XCHNG / Dan Norder)
Anne Weber tauschte die Schreibstube gegen ein Großraumbüro ein. (Stock.XCHNG / Dan Norder)

Bei der Produktion ihres Buches "Gold im Mund" ging die Schriftstellerin Anne Weber wie eine Konzeptkünstlerin vor: Sie bezog einen Schreibtisch im Großraumbüro eines Schweizer Unternehmens. Und genau diese Atmosphäre des post-industriellen Zeitalters gibt sie in wenigen Federstrichen präzise wieder, um zugleich die Verwertungsmaschinerie haarscharf zu analysieren.

Das neue, wie seine Vorgänger schmale Prosa-Büchlein "Gold im Mund" der 1964 in Offenbach geborenen Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber verdankt sich einer Schreibkonstellation, die den üblichen Rahmen der Literaturproduktion sprengt: Die Autorin hat für die Zeit, in der sie ihre gattungslosen Prosa-Meditationen in ihr Laptop tippte, einen Schreibtischplatz in einem Schweizer Großraumbüro eines Edelmetall verarbeitenden Konzerns bezogen. Im Buch findet sich ein prächtiges, zweiseitiges Schwarzweißfoto, auf dem man Hinterkopf und Rücken der Autorin vor ihrem Schreibcomputer inmitten einer neonhellen, sterilen Büromöbelwelt erkennt. Zwei "Bürovögel", wie die Autorin ihre Mitlebewesen ab und zu bezeichnet, starren im Hintergrund auf ihre Bildschirme.

In den Umständen seiner Entstehung hat Anne Webers Prosa-Projekt etwas von der Konzeptkunst einer Sophie Calle, die nach ausgeklügelten Spurensuchen in der Alltagswelt ihre Trouvaillen wie Kultgegenstände einer Schamanen-Zeremonie präsentiert.

Anne Webers Herz der Finsternis, in das sie ganz leichtfüßig und mit abgründigem Humor vorstößt, ist die moderne, post-industrielle Arbeitswelt des Großraumbüros. Zu Zeiten der Achtundsechziger zog es den engagierten Autor an die Fließbänder der Fabriken. Anne Weber geht es aber nicht um einen gesellschaftskritischen Realismus, sondern um etwas, was man als transzendentale Kapitalismuskritik bezeichnen könnte.

"Transzendental" ist ihr Ansatz, weil sie die frei schwebenden Bedingungen des Beobachter- und Autoren-Ichs nach der modernen Subjekt-Zersplitterung – wie schon in ihren eindrucksvollen früheren Texten - quasi sprachanalytisch entwickelt, bei vielen Sätzen wie ein Wittgenstein-Jünger über die Wahrheitswerte des gerade Geschriebenen reflektiert.

Und Anne Weber ist eine fundamentale Kapitalismuskritikerin, wenn sie mit wenigen Federstrichen die Ideologie vom ewig fortschreitenden, selbst organisierenden, organischen Wirtschaftsleben auf groteske Widersprüche zusammenschnurren lässt:

"Am Ende wird es voraussichtlich nur noch zwei mächtige Konzerne geben, einen, der das Monopol des Zerstörens, und einen anderen, der das Monopol des Reparierens hat. Und obwohl sie einander so dringend brauchen, wird der Stärkere nicht umhinkönnen, den Marktgesetzen zu folgen und den Schwächeren früher oder später schlucken, und das wird das Ende des Kapitalismus sein."

Anne Weber, zu Gast bei dem real existierenden Großkonzern "Cendres & Métaux" (Asche & Metalle), dringt in die kapitalistische Welt ein, wie ein Computervirus in den Zentralrechner der Weltbank. Aber ihr Schreiben reicht viel weiter: Sie sucht den absoluten Beobachtungspunkt, vor dem das ganze Kapitalismus-Gewusel so objektiv beschrieben werden kann wie ein Ameisenhaufen von einem Biologen oder der Turmbau zu Babel von einem Religionshistoriker.

Der Autorin gelingt der durchaus heitere, mystische Durchblick vom Detail aufs unbestimmte Ganze. Sie ist zuständig für die "Dokumentation" des "Nichtbeachtens- und Nichterwähnenswerten", aber immer auf dem Hintergrund der Doppelnatur ihrer Studienobjekte, der "Bürovögel", die sowohl Zahnräder im Getriebe der allumfassenden Kapitalismusmaschinerie sind, als auch Himmelswesen, die sich – wenn sie nur wollten – mit einigen Flügelschlägen in die Höhen der Reflexion erheben könnten.

Weltrevolution? Anne Weber, die für einen Auszug aus "Gold im Mund" den 3sat-Preis beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb erhielt, schreibt:

"Bisher ist immer nur eine Drehung um 360°, nie eine 180°-Wende gelungen. Andererseits ist unser ganzes Sonnensystem in einer ständigen Revolution begriffen, die aber den Machtverhältnissen nichts anhaben kann. Diese zweifache Drehbewegung der Planeten … scheint bis heute die einig mögliche Form der Weltrevolution zu sein."

Weltrevolution scheint bei Anne Weber, die mehr ein ironisches, als ein handgreiflich revolutionäres Verhältnis zum freien Spiel des Geldes hat, ein innerer Prozess zu sein, zu dem sie mit ihrer Prosa vorsichtig anleiten will. Das Autoren-Ich gehört schon lange nicht mehr zu denen, die "Zeit in Geld", sondern "Geld in Zeit umtauschen". Aus jener früheren Epoche stammt die Kurzprosasammlung "Liebe Vögel", die dem Bändchen angehängt ist, und laut Aussage des Anne-Weber-Ichs von "Gold im Mund" ein "Abschiedsbrief an die Mitgefangenen, die weiter hinter Gittern ausharren müssen." In "Liebe Vögel" dokumentiert sich die Depression der Hassenden, der die Freiheit der reflektierenden Kreativität sich noch nicht zu Eigen gemacht hat.

Die gespielt naive, in Wahrheit mit allen Wassern der Sprach- und sonstigen Philosophie gewaschene Schreibhaltung, erinnert im Ton und in der Präzision der Wahrnehmung an Robert Walser, den Anne Weber einmal ausführlich zitiert und dem zu Ehren sie sich wohl ausgerechnet ein Unternehmen im Schweizerischen Biel, dem Geburtsort des Schriftstellers, ausgesucht hat.

So orientiert sich Webers sprachlich exquisite und elegant gedachte Kapitalismus-Meditation auch viel eher an der Gutmütigkeit des großen Schweizers gegenüber den allzu weltlichen Verhältnissen als an den längst ergrauten Erlösungsfantasien der Revoluzzer.

Anne Weber: Gold im Mund
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005.
127 Seiten. 14, 80 EUR

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Externe Links:

Bachmannpreis in Klagenfurth: 3sat-Preis an Anne Weber

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