Montag, 21.06.2021
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.10.2005

Großer Meister des Ungesagten

Autor John von Düffel über Harold Pinter

Der britische Dramatiker Harold Pinter erhält den Nobelpreis für Literatur 2005 (AP)
Der britische Dramatiker Harold Pinter erhält den Nobelpreis für Literatur 2005 (AP)

Der Autor John von Düffel glaubt, dass der frischgebackene Literaturnobelpreisträger Harold Pinter in der Dramatik einen neuen Ton getroffen hat. Pinter sei ein Gegner jeglicher Redundanz und Überflüssigkeit:

"Es ist eine Form von Minimalismus, die ihn auszeichnet. Da hat er auch eine neue Position in der Dramatik eingenommen. (…) Pinter hat eine Sprache gefunden, die scheinbar minimalistisch ist, und die dadurch wieder in dieser Einfachheit einerseits alltäglich aber anderseits auch sehr kunstvoll wirkt. Und insofern kann man dieses Adjektiv "pinteresk" auch anwenden auf eine bestimmte Art der Gesprächsführung, wenn wirklich wenige Worte in der Luft liegen, und trotzdem diese merkwürdige Bedrohung kommt."

Die Schwedische Akademie in Stockholm stellte in ihrer Begründung zur Vergabe des Literaturnobelpreises an Pinter fest: eine einmalige Stellung als moderner Klassiker werde auch dadurch veranschaulicht, dass aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet worden sei, nämlich: "pinteresk". Aber was bedeutet dieses Adjektiv?

John von Düffel: "Es handelt sich um eine Atmosphäre, die vor allen in den frühen Stücken Pinters zu finden ist, eine Atmosphäre der Unheimlichkeit, der Abgründigkeit, die so unter dem Geschwätz, unter der normalen, alltäglichen Konversation lauert. Pinteresk sind so diese Dialoge, von denen man denkt, es wird eigentlich gar nichts Böses gesagt, und trotzdem ist eine Atmosphäre von Gefährlichkeit, von Bedrohung auch da. (…) Und diese ganzen Drohungen und Bedrohungen, die hat er eigentlich versucht, unter dem Geschwätz ausfindig zu machen."

Unvorhergesehenes finde nicht in Pinters Dialogen statt, so von Düffel, sondern dazwischen. In den Pausen, in dem Schweigen zwischen den Sätzen entstünden Abgründe, die vom Grauen in der Welt künden:

"Er ist wirklich ein großer Meister des Ungesagten, gar nicht so sehr der brillanten, ausformulierten Sätze, sondern wirklich des Ungesagten zwischen den Zeilen."

In den 80er Jahren wurde Pinter, so von Düffel viel gespielt. Damals seien Pinters Stücke wie eine "Befreiung" gewesen, meint der Autor, weil er gezeigt habe, dass es möglich sei, "von der Grausamkeit in der Welt zu erzählen, ohne in einen sozialen Anklageton zu verfallen, sondern man kann es erzählen mit ganz wenigen Worten, indem man sehr genau am Menschen bleibt und die Figuren sehr eng führt. Das hat ihm erstmal zum Vorteil gereicht."

Pinter habe zu der Zeit oft Mini-Dramen und sehr kurze Stücke geschrieben. Diese hatten, so von Düffel, etwas Klaustrophobisches, zeigten aber, dass im Theater auch mit minimalen Mitteln etwas dargestellt werden kann:

"Die Welt ist möglich in einem Zimmer, man kann von den Zuständen in der Welt erzählen, wenn man nur zwei, drei Leute genau beobachtet."

Den Vorwurf an Pinter, er sei eine Art Salonkommunist und seine politischen Aktivitäten nicht ernst gemeint, teilt von Düffel nicht. Er hält Pinters Engagement für glaubhaft.

Sie können das Gespräch mit John von Düffel über den Audio-Link in der rechten Spalte hören.

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