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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.05.2019

Große Ai Weiwei-SchauAlles Kunst - alles Politik

Von Rudolf Schmitz

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Ai Weiwei, K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Kunstsammlung NRW / Foto: Andreas Endermann )
Für viele Kritiiker ist Ai Weiwei der "chinesische Joseph Beuys". Ai ist jedoch politischer als Beuys. (Kunstsammlung NRW / Foto: Andreas Endermann )

Ai Weiwei wird als der chinesische Joseph Beuys gefeiert, dabei ist er viel politischer. Die Kunstsammlung NRW Düsseldorf zeigt in ihren beiden Häusern Schlüsselwerke des Gegenwartskünstlers, der nach Freilassung aus der Haft inzwischen in Berlin lebt.

"Das ist schon ein eindeutiges Statement, da kann man schon daran ablesen, dass ich diesen Künstler sehr schätze und sein Werk für wichtig halte."

Susanne Gaensheimer hat ungeheuren Aufwand betrieben. Denn bei Ai Weiwei ist vieles gigantisch, monumental, überwältigend. Vor allem was die Quantität der Dinge betrifft, den Aufwand ihrer Herstellung, die Menge der beteiligten Personen, die zeitliche Dauer dieser Prozesse.

60 Millionen Porzellan-Sonnenblumenkerne

In der größten Ausstellungshalle der Kunstsammlung sind auf über 650 Quadratmetern Bodenfläche jetzt 60 Millionen handbemalte Porzellan-Sonnenblumenkerne verteilt, hergestellt von 1600 Kunsthandwerkern in einem Zeitraum von 2,5 Jahren.

Interpretatorische Kurzversion: Mao Zedong ließ sich als Sonne darstellen, die chinesische Bevölkerung sollte sich wie die Sonnenblumen nach ihm ausrichten.

China ist heute das Niedriglohnland für international gefragte Konsumgüter. Die Wand der Kunsthalle ist von oben bis unten tapeziert mit den 14 000 individuell gestalteten Schuldscheinen, die Ai Weiwei den Spendern aus dem In- und Ausland ausstellte, die ihm halfen, seine nach der Inhaftierung verhängte Steuerstrafe von umgerechnet 1,7 Millionen Euro aufzubringen. Man wird atemlos beim Erzählen all dieser Kunst bestimmenden Zusammenhänge. Kontext, Kontext, Kontext.

Ai Weiwei, "Straight", Installationsansicht  (Kunstsammlung NRW / Foto: Achim Kukulies)Die Installation "Straight" von Ai Weiwei. (Kunstsammlung NRW / Foto: Achim Kukulies)
In der gegenüberliegenden Halle der Kunstsammlung dann eine riesige Ansammlung von Holzkisten, gefüllt mit Betonstahl. "Straight" heißt die Arbeit. Bezieht sich auf das Erdbeben von Sichuan im Jahr 2008, bei dem 70.000 Menschen, darunter 5000 Schulkinder, ihr Leben verloren. Wegen Pfusch am Bau. Das hatte Ai Weiwei herausgefunden und öffentlich gemacht. Und allen getöteten Schulkindern ihre Namen zurückgegeben. In einer gigantischen Tapete. Und dann noch die Armierungseisen. Susanne Gaensheimer:

"Er hat alle diese Armierungseisen, das ist das Innenskelett von so einer Betonbauweise, die lagen wie Wollknäuel auf dem Boden und in dem Schutt herum, die hat er alle gesammelt, nach Peking gebracht und dort in einem jahrelangen Prozess, zusammen mit seinen Mitarbeitern grade geklopft. Und das ist eigentlich ne ganz andere Art zu arbeiten, das ist eigentlich ein symbolischer Akt, das ist eher die Idee, etwas wieder grade zu rücken oder etwas zu reparieren..."

Wegen dieser Arbeit kam Ai Weiwei 2011 in Haft, wurde 81 Tage lang ohne Anklage an einem unbekannten Ort festgehalten.

Ai Weiwei und Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. (Kunstsammlung NRW / Foto: Andreas Endermann ) Ai Weiwei mit der Kuratorin Susanne Gaensheimer in der Ausstellung. der Kunstsammlung NRW. (Kunstsammlung NRW / Foto: Andreas Endermann )

Im anderen Ausstellungshaus, K21, Ai Weiweis Arbeiten zum Thema Refugees und Migration. Auch in einer All-Over-Manier: ausgedruckte Schlagzeilen auf dem Boden, wandfüllende Fototapeten, Kleidungsstücke von Flüchtlingen. Anders als Beuys, so sagt diese Inszenierung, steckt der Aktivist und Dokumentarist Ai Weiwei bis zum Hals in der Politik. Im jahrelang recherchierten Flüchtlingselend. Der Künstler versteht es als Schicksalsfrage:

"Es geht um die Frage, wer wir sind und wohin wir gehen. Eine mythologische Dimension, wie zu Zeiten der Griechen, wie bei der Geschichte mit Europa. Und wir wiederholen uns. Es geht um Kampf, Tod, Traurigkeit. Aber das ist die Entwicklung der Menschheit."

Thema Menschenrechte in seinen Installationen

Vor allem die Arbeit "Laundromat" von 2016 - 40 Kleiderstangen mit 2000 Kleidungsstücken aus dem griechischen Flüchtlingslager Idomenie - ist beklemmend großartig. Ai Weiwei hatte die Kleider in Berlin reinigen und flicken lassen. Und jeweils mit einer Nummer versehen, als Akt der Individualisierung.

"Die Deutschen sehen mich als Held des Anti-Kommunismus, sie wollen nicht, dass ich über die Situation der Flüchtlinge rede. Aber meine Vision ist größer. Ich spreche über menschliche Würde, über Menschenrechte. Wir sind alle eins und niemand sollte ausgeschlossen werden", so Ai Wiewei

Noch so viel mehr, über das zu reden wäre. Eins aber ist klar: Der von Susanne Gaensheimer, der Direktorin der Kunstsammlung, betriebene Aufwand ist nicht nur mutig, sondern essenziell, um Ai Weiwei zu begreifen, zu würdigen und vielleicht – zu lieben.

"Ai Weiwei K20 / K21"
18. Mai 2019 bis 1. September 2019
Kunstsammlung NRW, Düsseldorf

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