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Interview | Beitrag vom 17.10.2019

GroßbritannienEs ist ein "Engxit", kein "Brexit"

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Mann geht an einem Brexit-Graffiti in Belfast vorbei.    (David Young/PA Wire/dpa/picture-alliance)
Die Brexit-Debatte spiegelt sich auch in den unterschiedlichsten Graffiti wieder (David Young/PA Wire/dpa/picture-alliance)

Die Rolle, die der Landesteil England beim Brexit spiele, werde zu wenig beleuchtet, findet Architekturkritiker Nikolaus Bernau, der britische Verwandte hat: Vor allem dort wurde für den EU-Austritt gestimmt. Eigentlich gehe es um stark angeschlagene englische Gefühle.

Ob der Brexit kommt und ob es ein harter Brexit wird, das ist immer noch unklar. Erst am späten Donnerstagvormittag wurde bekannt, dass sich zumindest die Unterhändler auf ein Austrittsabkommen geeinigt haben, nun wird das Thema am Nachmittag auf dem EU-Gipfel in Brüssel weiter verhandelt.

Was dabei herauskommt, betrifft das Leben vieler Menschen in Europa, betont Architekturkritiker Nikolaus Bernau, der mit seiner britischer Verwandtschaft ständig darüber debattiert. "Das ist absolutes Dauerthema", sagt Bernau, aber das sei bei vielen Familien so. Es werde leicht vergessen, dass beispielsweise allein in Deutschland 92.000 Briten lebten und etwa 3,5 Millionen EU-Bürger in Großbritannien. "Wenn wir das alles zusammen zählen, dann haben wir 6,5 Millionen Menschen, die direkt vom Brexit betroffen sind", sagt er in Bezug auf ganz Europa. 

Angeschlagene englische Gefühle

Zu wenig im Blick sei auch, dass es eigentlich kein "Brexit", sondern ein "Engxit" sei. "Es dreht sich um England", betont Bernau. Seit der Verteilung der ehemals zentralisierten Macht in Großbritannien gebe es stark angeschlagene englische Gefühle. So habe England als einziger Landesteil Großbritanniens kein eigenes Parlament. Dem Brexit hätten in erster Linie englische Wählerinnen und Wähler zugestimmt. Schottland habe dagegen gestimmt, große Teile Nordirlands und einige Teile von Wales auch. "Und London und selbstverständlich alle Universitätsstädte", sagte Bernau. Das alles zeige, dass es eigentliche eine Debatte über englisches Selbstbewusstsein sei.

Auf den Pferderennen in Ascot: Sarah, Herzogin von York, feiert ihren 60. Geburtstag. (Adam Davy/PA Wire/dpa/picture-alliance )Der Einfluss der englischen Oberschicht ist seit Jahrhunderten ungebrochen. (Adam Davy/PA Wire/dpa/picture-alliance )

Die mangelnde Differenzierung habe viel damit zu tun, dass die Rolle der englischen Oberschicht zu wenig betrachtet werde, kritisiert Bernau. Sie habe eine Sonderentwicklung durchlaufen, wenn man es mit anderen Staaten Europas in den vergangenen 200 bis 300 Jahren vergleiche. Überall hätten die Oberschichten die Folgen eines Zusammenbruchs erlebt, am härtesten vermutlich in Frankreich oder in Russland, wo "der Adel wortwörtlich geköpft wurde".  Das gelte aber nicht für England, wo es seit 300 Jahren keine Revolution gegeben habe.

(gem)

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