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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.05.2013

"Großartiger Seher" und "absoluter Visionär"

Berliner Soziologe zur Robert-Jungk-Konferenz "Zukunft gewinnen"

Rolf Kreibich im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Der Journalist und Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-1994) (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)
Der Journalist und Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-1994) (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)

Dass Robert Jungks Werk auf fundierten Kenntnissen basierte, ist für Rolf Kreibich bis heute Maßstab seiner Disziplin. Die Zukunftsforschung versuche, aus streng wissenschaftlichen Analysen Strategien und Prognosen zu formulieren, sagte er vor der Konferenz zum 100. Geburtstag des Publizisten.

Stephan Karkowsky: Als der wissenschaftliche Assistenz Rolf Kreibich 1969 zum Präsidenten der Freien Universität Berlin gewählt wurde, da berichtete der "Spiegel" gerade über amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam. Der Summer of Love war zu Ende und die Zukunft sah doch eher düster aus. Kreibich machte sie dennoch zu seinem Lebensthema und gründete später das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Morgen eröffnet er in Berlin die Konferenz "Zukunft gewinnen", Herr Kreibich, guten Tag!

Rolf Kreibich: Guten Tag!

Karkowsky: Vor 100 Jahren wurde der Zukunftsforscher Robert Jungk geboren, auch das ein Anlass für diese Konferenz. Sie teilen mit Jungk mehr als nur Ihre Leidenschaft für die Zukunft, zum Beispiel holten Sie beide etwa zur gleichen Zeit ohne jeden akademischen Titel wichtige Positionen an der Freien Universität Berlin, Sie als Präsident und Jungk bekam die Professur für Zukunftsforschung. Hätten Sie damals vorausgesagt, dass solche Karrieren in Zukunft nicht mehr möglich sein werden?

Kreibich: Ja, leider. Ich bin zwar Präsident geworden, aber leider haben wir für Robert Jungk keine Professur bekommen.

Karkowsky: Das war nur ein Lehrauftrag.

Kreibich: Die Konservativen haben sich da mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber teilweise auch die linken Ideologen. Und wir haben dann erreicht nach harter Intervention, dass wir an der Technischen Universität eine Honorarprofessur für Robert Jungk bekommen haben.

Karkowsky: Sie waren Zukunftspionier und sind heute so aktiv wie damals. Erklären Sie mir, was das ist, diese Zukunftsforschung! Also, ich stelle mal die ketzerische Frage: Was unterscheidet den Zukunftsforscher vom Wahrsager?

Kreibich: Natürlich viel! Wir machen ja wissenschaftliche Zukunftsforschung. Und wissenschaftliche Zukunftsforschung befasst sich mit allen wissenschaftlichen Disziplinen. Also von den Sozial-, Geisteswissenschaften über die Natur-, Ingenieurwissenschaften bis hin zu Kulturwissenschaften. Und darauf aufbauend dann analysieren wir sowohl wahrscheinliche Entwicklungen als auch mögliche Entwicklungen und wünschbare Entwicklungen. Und dafür dann auch noch werden entsprechend Optionen erstellt und wir versuchen, das alles auf der Grundlage der Erkenntnisse auch der Vergangenheit und der Gegenwart aufzubauen.

Karkowsky: In der öffentlichen Wahrnehmung, ich glaube, das kann ich so vereinfacht sagen, sind Zukunftsforscher wie Jungk und Sie vor allem Mahner. Also Mahner, die Ressourcen nicht zu verbrauchen, nicht mit dem Atomfeuer zu spielen, das war immer ein wichtiges Thema für Sie. Gehören Zukunftsforscher wie Seismologen oder Vulkanologen zu den wenigen Wissenschaftlern, die hoffen, dass ihre Prognosen nie eintreffen?

Kreibich: Ja, also, man muss das etwas relativieren. Also, im Prinzip ist es so, dass wir in den letzten 20, 30 Jahren fast nur versuchen, konstruktive Zukunftsentwicklungen zu skizzieren. Allerdings, die Wirklichkeit sieht eben zum Teil sehr düster aus. Wenn man die Zahlen, die man heute kennt über die Umweltbelastung – ob das die Zerstörung der Biodiversität ist, ob das die Abholzung der tropischen Regenwälder ist, ob das der Klimawandel ist oder auch die enormen Zunahmen der sozialen Disparitäten zwischen der Ersten und der Dritten Welt –, dann muss man schon sehr, sehr schlucken. Und wenn es so weitergeht wie bisher und keine Veränderungen stattfinden, kann man heute deutlich sagen, werden wir das Ende dieses Jahrhunderts nicht erreichen. Und wir setzen alles daran, um da aufzuklären, also früh zu warnen. Aber nicht nur zu warnen, sondern auch aufzuzeigen, wie man aus dieser wirklich schwierigen Lage herauskommt, wie man diese Herausforderung bewältigen kann.

Karkowsky: Gibt es und gab es denn auch so etwas wie eine positive Zukunftsforschung, die etwa dem Rhein eine saubere Zukunft voraussagte oder dem Ruhrgebiet keine Grauschleier mehr in der Wäsche?

Kreibich: Ja, das ist eigentlich unser Hauptjob, wir machen heute zu 90 Prozent Strategien und Maßnahmenentwicklungen für eine lebenswerte und zukunftsfähige Zukunft. Ich kann gerade an das anknüpfen, was Sie sagten. Ich selbst habe ja zehn Jahre lang im Ruhgebiet mitgearbeitet an der sogenannten Internationalen Bauausstellung Emscher Park, wo wir aufbauend auf diesen wunderbaren Satz von Willy Brandt gearbeitet haben, der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden! Heute ist der Himmel über der Ruhr wieder blau, die Wälder in Nordrhein-Westfalen sind besser als der Schwarzwald und der Teutoburger Wald, die Arbeitslosigkeit ist erheblich reduziert, wir haben eine völlig andere Industrie- und Wirtschaftsstruktur, die sich sehen lassen kann, mit Klein- und mittelständischen Unternehmen, was ja dort überhaupt nicht der Fall war, da gab es ja nur Montanindustrie, Kohle, Stahl, und das war eben leider überholt!

Karkowsky: Sie hören den Berliner Zukunftsforscher Rolf Kreibich, der morgen die Konferenz "Zukunft gewinnen" eröffnet. Herr Kreibich, Sie kritisieren stets öffentlich, dass die akademische Welt die Zukunftsforschung eher misstrauisch beäugt, nach all der langen Zeit noch immer, und sie stiefmütterlich behandelt. Es gibt eine Professur, das hatten Sie mir im Vorgespräch erzählt, in Aachen. Könnte das daran liegen, dieses Misstrauen, dass die Zukunft sich ständig ändert und deshalb kaum berechenbar ist?

Kreibich: Ja, das muss man allerdings auf die deutsche Wissenschaft konzentrieren. Wir haben ja international enorm viele bedeutsame Institute, Forschungsinstitute und Universitäten, an denen also so Lehren wie Future Studies, Future Research, Future Management gang und gäbe ist. Ob das zum Beispiel am Stanford Research Institute ist, ob das im Bereich des MIT, des berühmten Massachussetts Institute of Technology ist, ob das an der Chicago-Universität ist, ob das in Berkeley ist, überall gibt es Zukunftsforschung und Zukunftsentwicklungsanalysen und natürlich auch -studien. Und das Gleiche gilt für Nordeuropa wie Schweden, wie Dänemark, auch in den Niederlanden, aber auch in Australien, Japan und selbst in den osteuropäischen Ländern hat es immer Zukunftsforschung gegeben.

Karkowsky: Nur nicht in Deutschland.

Kreibich: Die deutsche Wissenschaft hat sich dagegen gesträubt, das kann man ganz deutlich sagen, aus zwei Gründen: Einmal war sie sehr stark dominiert im geisteswissenschaftlichen Bereich durch große Globalmodelle wie Marx und Durkheim und wie sie alle heißen, und zum anderen hat die naturwissenschaftliche Seite sehr stark dominiert mit technokratischen Modellen. Und die Zukunftswissenschaft, so wie sie heute betrieben wird, ist eben gerade so, dass sie versucht, wissenschaftlich zu analysieren, was passiert in den nächsten zehn, 20, 30, 50 Jahren und was muss man dagegen tun? Und das haben die nicht getan, die haben einfach irgendwelche Fantasieprodukte entwickelt oder eben naturwissenschaftlich exakte Experimente gemacht.

Karkowsky: An der Freien Universität Berlin können Studenten mittlerweile immerhin ihren Master machen als Zukunftsforscher. Ihr Institut ist da maßgeblich beteiligt. Im Institut Futur hängen – ich habe es nur gelesen – falsche Prognosen der Vergangenheit mahnend im Treppenhaus, auch Wirtschaftsprognosen liegen ja regelmäßig daneben und seit 9/11 leben wir definitiv in einer anderen Gegenwart als davor. Solche großen Ereignisse kann einfach niemand vorhersagen. Was also kann die Zukunftsforschung für die Gesellschaft wirklich leisten?

Kreibich: Man muss erstens mal sagen, dass eine Prognose nicht alles ist. Ich habe ja gleich am Anfang gesagt, wir untersuchen zwar wahrscheinliche Entwicklungen, das sind praktisch Prognosen. Also, wenn das und das als Ausgangsbedingung ist, dann kann das und das passieren. Wie zum Beispiel im demografischen Bereich, wo wir heute wissen, dass in 20 Jahren die Alterspyramide noch ganz anders aussehen wird, und das ist ziemlich exakt vorherzusagen. Auf der anderen Seite kann man eben zum Beispiel das Wetter nicht drei Tage vernünftig voraussagen, wenn es irgendwelche turbulenten Ereignisse gibt. Das liegt einfach am System, was man betrachtet, ob es sehr chaotisch ist oder ob es sehr exakt ist. Zum Beispiel, Mondfinsternisse kann man über Jahrhunderte voraussagen. Also, das ist der eine Punkt.

Wir sagen aber, wir wollen nicht nur wahrscheinliche Entwicklungen ansehen, sondern mögliche und wünschbare. Und jetzt muss man noch etwas dazu sagen: Wenn wir zum Beispiel sagen, es ist etwas katastrophisch in der Welt, also wie zum Beispiel der Klimawandel oder die Zerstörung der Arten, also der Pflanzen- und Tierarten, dann ist das eine zwar negative Prognose, aber wir hoffen ja immer, dass diese negative Prognose dazu führt, dass die Politik, die Wirtschaft, der Sozialbereich, die Bildungseinrichtungen und so weiter sich daran sozusagen orientieren und sagen, das wollen wir nicht haben und deshalb müssen wir umsteuern! Und die beste Prognose kann eine negative sein, nämlich dann, wenn sie aufgegriffen wird und ins Positive gewandelt wird.

Karkowsky: Um da noch mal eine Unterscheidung zu machen: Wir unterscheidet sich die Zukunftsforschung von der Trendforschung, wie sie etwa Matthias Horx in seinem Zukunftsinstitut betreibt?

Kreibich: Na ja, die machen natürlich keine wissenschaftlichen Analysen und alles ist da sozusagen Schnipseljournalismus, wenn ich mal so sagen darf. Und vieles ist da auch Scharlatanerie. Und zwar, das geht so weit, dass Herr Horx selbst zum Beispiel mal geschrieben hat in einem dicken Buch, das nannte sich das "Zukunftsmanifest", dass die wirklich fantastischen Zukunftsstudien des Club of Rome, wo man gezeigt hat, wie es weitergehen kann, wenn wir weiterhin so viel CO2, das heißt also, Kohle verbrennen, Öl verbrennen und so weiter, unsere Umwelt zerstören. Da hat Herr Horx geschrieben, das sei alles Unsinn. Und das muss man sich einfach vor Augen halten! Also, die allerwichtigsten wirklich wissenschaftlich fundierten Analysen werden zur Seite gelegt und dann werden irgendwelche Sprachspiele angefertigt und das soll dann Zukunftstrends ergeben. Das sind Leute, die gehen in die Kneipen – ich habe ja nichts dagegen! –, um zu hören, was ist denn da los, ob die Frauen in dem nächsten Jahr vielleicht mehr rote Schuhe und High Heels tragen oder ob sie jetzt blaue Röcke oder grüne anziehen. Das können die ja machen, aber das ist dann für C & A und andere, aber nicht für Wissenschaft!

Karkowsky: Morgen beginnt das Symposium "Zukunft gewinnen" in Berlin mit starker Besetzung: Franz Alt ist da, der Schriftsteller und Jungks Sohn Peter Stephan Jungk, Gesine Schwan wird kommen. Was wird das werden, ein reines Gedenken an Robert Jungk?

Kreibich: Nein. Zwar, das Gedenken spielt eine gewisse Rolle, weil er wirklich ein großartiger Seher war, ein Visionär, ein absoluter Visionär mit aber sehr fundierten, realen Kenntnissen. Er hat ja als einer der Allerersten die kritischen Probleme der Atomenergie, auch der friedlichen sozusagen erkannt. Er hat als einer der wenigen ganz genau vorausgesagt, dass die Sowjetunion zusammenbrechen würde und lauter so Dinge. Aber eben nicht einfach aus Fantasie, sondern er hat da ganz strikt analysiert und versucht, die Grundlagen dafür zu schaffen. Und ich bin manchmal sehr betrübt, dass die vielen guten Bücher, die er geschrieben hat, "Menschenleben" und viele andere oder das berühmte Buch eben zur Atomenergie: "Heller als tausend Sonnen" (er sagt: Sterne). Das muss man eigentlich kennen als Mensch heute, wenn man zukunftsfähig bleiben will. Und wir nehmen diesen 100. Geburtstag zum Anlass, um in die Zukunft zu schauen. Und auch zukunftsfähige Prognosen und auch zukunftsfähige Möglichkeiten aufzuzeigen, auch wünschbare, wie wir in Zukunft leben wollen. Das ist der eigentlich entscheidende Punkt, wie müssen wir in Zukunft Zukunft gestalten, dass wir wirklich zukunftsfähig bleiben und eine hohe Lebensqualität erreichen können!

Karkowsky: Zum 100. Geburtstag des Zukunftsforschers Robert Jungk ab morgen in Berlin die Konferenz "Zukunft gewinnen", initiiert vom Zukunftsforscher Rolf Kreibich. Herr Kreibich, danke für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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