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Profil / Archiv | Beitrag vom 28.02.2011

Grimme-Preisträger aus St. Petersburg

Der Schauspieler Ivan Shvedoff

Von Christian Rühmkorf

Shvedoff versteht sich als weißer Rabe. (Stock.XCHNG)
Shvedoff versteht sich als weißer Rabe. (Stock.XCHNG)

Ivan Shvedoff, Jahrgang 1969, stammt aus St. Petersburg und hat an der Staatlichen Theaterakademie studiert. 2003 hat er in Hartmut Schoens Film "Zuckerbrot" den Deutschrussen "Mitja" gespielt - und dafür den Grimme-Preis bekommen. Der Wahl-Prager spricht perfekt Deutsch.

"Weißer Rabe. Alle Raben sind schwarz, und ich bin ein weißer Rabe in unserer Familie. Nein, ich weiß nicht, ich bin einfach Schauspieler."

Ein Schauspieler mit Erfolg. Vor kurzem kam er aus Dubai zurück, bald bricht er nach Kanada auf: Dreharbeiten mit Tom Cruise. Mission possible für Ivan Shvedoff. Der 41-jährige schmächtige und unscheinbare Russe ist viel unterwegs.

Aber die Hälfte seines Lebens hat er in der kommunistischen Sowjetunion verbracht, in Leningrad - St. Petersburg.

"Trotzdem ich war total glücklich. Und manchmal ich vermisse diese Zeit."

Als Sohn eines Kapitäns der zivilen Schifffahrt und einer Innenarchitektin gehörte Ivan Shvedoff nach damaligen Maßstäben zur oberen Mittelschicht in Russland. Wenn sein Vater nach mehreren Wochen von der See zurückkam, brachte er Westartikel mit. Alles, was Ivans Klassenkameraden nicht hatten: Kaugummi, Musik, Jeans...und Kapitäne auf Heimaturlaub sollten ihrer Familie etwas bieten können:

"Jeden Abend Theater, Kino und so weiter, und wir kriegen immer Karten auf den besten Plätzen."

Erzählt der Russe mit kleinen aber wachen blauen Augen im Hinterzimmer seiner Prager Lieblingskneipe. Ob daher der Wunsch rühre Schauspieler zu werden? Ivan Shvedoff setzt das Weinglas ab und überlegt. Als Kind habe er viele Berufe im Kopf gehabt. Aber Schauspieler zu sein, hatte einfach einen unschätzbaren Vorteil:

"Wenn Du ein Schauspieler bist, dann du kriegst das alles: Du kannst ein Kosmonaut sein oder in einem Helikopter fliegen oder mit U-Boot ins Meer gehen, also alles Mögliche."

In der heißen Perestroika-Phase Ende der 80er Jahre lernt Ivan Shvedoff sein Fach an der Staatlichen Theaterakademie in Petersburg. Aber als er 1991 die Abschlussprüfungen hinter sich hat, ist auch die sowjetische Filmindustrie zusammengebrochen.

"´Ladies and Gentlemen, everthing is easy, alright!? And the next tag is…´ So habe ich das gemacht. Aber auf Russisch natürlich. Megaphon und Zigarre. ´And now, Ladies and Gentlemen, please give a big round of applause to Leonid Agutin!´"

Der Mime hält sich als Conferencier eines großen Petersburger Nachtclubs über Wasser.

""Ne, ich werde das nie vergessen, weil ich hab so viele interessante – ich sage nicht gute! – ich sage: interessante Leute getroffen. Und natürlich, das wirkt sehr gut für meine Schauspielerfahrung."

Diese Erfahrung nutzt Shvedoff, als er Ende der 90er Jahre als schauspielender Übersetzer mit dem Magier David Copperfield auf russischen Bühnen steht. Zu dieser Zeit hat er schon kleinere Rollen gespielt. Vor allem russische Mafiosi waren damals gefragt:

"Ich habe nichts dagegen, einen Mafioso oder einen Kriminellen zu spielen. Aber das muss eine Figur sein, ein Charakter. Und wenn es nur eine Funktion ist, wie ein Nagel in einem riesigen Gebäude, dann interessiert mich das nicht."

Ein in Tschernobyl verstrahlter Ukrainer, der in England sein Glück sucht – 2001 feiert Ivan Shvedoff seinen Durchbruch mit der Hauptrolle in Achim von Borries sensiblem Debütfilm "England". Zu dieser Zeit lebt er schon mit seiner Frau Alisa, einer russischen Journalistin, in Prag. Prag war für den Schauspieler die Brücke zwischen Ost und West. Von hier aus schaffte er auch den Sprung in anspruchsvollere Produktionen. Als ukrainischer Flüchtling Kolya im Film "Lichter"; als schüchterner Deutschrusse Mitja im Film "Zuckerbrot".

Die Entscheidung Petersburg zu verlassen, hatte Ivan Shvedoff seiner Zukünftigen damals mit dem Heiratsantrag präsentiert. Die kleine Tochter Daniela liest mit ihren drei Jahren schon russische Kinderbücher, spricht Tschechisch, ein bisschen Englisch und auch Deutsch, erzählt der Vater stolz:

"In einer normalen Familie ererbt das Kind die Schönheit der Mutter und die Intelligenz vom Vater. In unserer Familie ererbt unsere Tochter alles von der Mutter – Schönheit und Intelligenz."

Ivan Svedoff gibt sich bescheiden – 2003 erhält er den begehrten Grimme-Preis für seine Rolle in "Zuckerbrot".

"Ich erinnere mich an dieses Telefongespräch: ´Guten Tag, wir rufen Sie an, um Ihnen zu sagen, dass Sie einen Grimme-Preis bekommen haben.´ Und dann kam eine Pause, und ich habe gesagt: ´Danke! Und was ist das? Ist das ein wichtiger Preis?´ Schon wieder eine lange Pause: ´Das ist der wichtigste Preis in Deutschland!´"

Shvedoffs Agentin in Berlin war fassungslos, seine Frau in Prag auch. Alisa ist für ihn die Zentrale, wenn er in Europa auf Dreh ist. Denn Heimat ist für ihn vor allem dort:

"Wo meine Frau und mein Kind sind. Das reicht für mich. Und es ist egal, in welchem Land das ist."

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