Seit 18:05 Uhr Feature
Samstag, 06.03.2021
 
Seit 18:05 Uhr Feature

Tonart | Beitrag vom 16.02.2021

Grime-Rapper Slowthai"Wenigstens rege ich die Leute zum Nachdenken an"

Von Amy Zayed

Beitrag hören
Der Rapper Slowthai mit Blumen im Mund. (Universal Music)
Slowthai polarisiert – absichtlich. Sein Ziel ist, für Diskussionen zu sorgen. (Universal Music)

Zwei Seelen schlagen in Slowthais Brust. Er ist Halb-Ire, halb aus Barbados. Er ist Rap-Macho, aber auch Sozialkritiker, der sein Ich hintenanstellen kann. Kein Wunder also, dass "Tyron" ein gespaltenes Album geworden ist.

Tyron Caymone Frampton alias Slowthai wuchs in einer Sozialbausiedlung in Northampton, einer mittelgroßen Stadt in England auf. Der Vater verließ die Familie schon recht früh, die Mutter musste ihn zusammen mit seiner Schwester allein großziehen. Probleme in der Schule, später immer wieder die Jobs verloren – das sah nicht nach großer Zukunft aus. 

Doch mittlerweile ist Slowthai einer der angesagtesten Grime-Künstler. Vor knapp zwei Jahren veröffentlichte er sein Debütalbum "Nothing great about Britain" und wurde vor allem für seine politischen und sozialkritischen Texte von Fans und Kritikern gefeiert.

Jetzt ist sein zweites Album erschienen. Das heißt ganz schlicht "Tyron", benannt nach Slowthais bürgerlichen Namen.

Schimpftiraden und stille Momente

Die Texte sind nach wie vor sehr sozialkritisch, sie nehmen Bezug auf die aktuellen Krisen: Brexit und Corona. Das Virus hat das Gesundheitssystem, das eh schon in keinem guten Zustand war, an sein Limit gebracht. Slowthai, Jahrgang 1994, beschäftigt sich damit und spricht dabei vor allem die jungen Briten an.

Das Album ist diesmal zweigeteilt. Die ersten sieben Titel sind alle in Großbuchstaben geschrieben und sehr aggressiv. Slowthai präsentiert sich dort auffallend selbstbewusst mit Grime-typischen Schimpftiraden und Macho-Gehabe.

Die anderen sieben Titel sind alle klein geschrieben und viel langsamer. Die Texte sind gedankenverlorener, auch persönlicher. Es geht um Angstzustände, Suizidgedanken und Alkohol.

"Als ich angefangen hatte, das Album zu machen, wollte ich das gar nicht in zwei Seiten aufteilen", beschreibt Slowthai den Entstehungsprozess. "Aber dann wurde mir bewusst, dass ich mit den zwei Seiten etwas demonstrieren kann. Nämlich, dass jeder von uns zwei Seiten hat. Eine, die er gern zeigt, und eine andere, die er lieber verheimlicht. Gerade in der Zeit, in der wir gerade leben, sollten wir Künstler uns ehrlich machen. Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind. Was wäre ich für ein Künstler, wenn ich nicht in der Lage wäre, meine Gefühle zu teilen? So zu tun, als wäre immer alles positiv und es ginge einem nie schlecht, das wäre einfach nicht ehrlich!"

Ein Leben zwischen den Stühlen

Slowthai hinterlässt den Eindruck eines sehr intelligenten jungen Mannes, der sich ab und an nicht im Griff hat, was an seiner Erziehung liegen könnte. Seine alleinerziehende Mutter war Halb-Irin, halb aus Barbados. Slowthai fühlte sich einerseits zugehörig zu der karibischen Community, wurde aber von den karibischen Kids an seiner Schule als weißer abgestempelt – man wollte ihn nicht dabeihaben.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Von der weißen Community wurde er wiederum als auch nicht richtig zugehörig gesehen. Nach dem Weggang des Vaters bekamen Tyron und seine kleine Schwester irgendwann einen Stiefvater, mit dem sie auch nur bedingt klarkamen. Sein kleiner Bruder starb mit nur einem Jahr an einer Muskelerkrankung.

So musste Slowthai schon sehr früh lernen, mit sehr vielen Dingen umzugehen und seine Gefühle zu verdrängen. Das konnte er hinter diesem Macho-Selbstbewusstsein verstecken und mithilfe von Grime all diese Wut super ausdrücken. 

Er will Veränderung, keine Symbolpolitik

Trotzdem ist Slowthai auf seinen Tracks sehr politisch und sozialkritisch. Im Gegensatz zu anderen Rappern stellt er sich gar nicht immer selbst in den Vordergrund. Zum Beispiel den Song "NHS". NHS ist die Abkürzung für den nationalen Gesundheitsdienst in Großbritannien. Über das Lied sagt er: 

"Ich habe den Song geschrieben, weil die Krankenpfleger überhaupt nicht geschätzt werden. Die arbeiten sich den Arsch ab und retten Leben, verdienen aber nicht den Hauch von dem, was Politiker kassieren. Die machen nichts, außer alles nur zu verschlimmern. Als dann alle anfingen, für die Menschen im Pflegebereich zu klatschen, hat mich das inspiriert. Jeder tut so, als ob er was verändern will. Aber alles, was wir machen, ist irgendwas im Netz zu posten oder vor unserer Haustür zu klatschen!"

Slowthai ist in der Londoner Hip-Hop- und Grime-Szene gut vernetzt, was man auch auf "Tyron" sieht. Unter anderem hat er auf dem Song "Cancelled" mit dem Rapper Skepta gearbeitet. Durch diese Vernetzung hat man natürlich auch eine größere Fanbase, weil man sich untereinander pusht. Ihm ist jedoch auch bewusst, dass er eine polarisierende Person ist:

Genau das, was Großbritannien braucht

"Ich weiß, dass ich anecke. Aber wenigstens rege ich die Leute zum Nachdenken an. Sie beginnen ein Gespräch. Genau das ist es, was ich will. Ich will niemand sein, der allen hinterherläuft und alles nachahmt. Yay! Ich hüpf von der Brücke! Klingt lustig! Boris hat gesagt, wir sollen das machen! Also muss es richtig sein!"

"Tyron" ist intelligenter Londoner Grime, gemischt mit ein bisschen Old School Hip-Hop und Punk-Attitüde. Dazu kommen Texte, die Großbritannien jetzt dringend braucht. Gerade dieses zum Nachdenken anregen, miteinander reden, ist das, was sich viele Briten wünschen. Slowthai hilft, dafür eine Öffentlichkeit zu schaffen. 

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur