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Zeitfragen | Beitrag vom 14.08.2018

Grillen und Würmer als Lebensmittel Insekten-Burger aus Käferlarven

Von Daniela Siebert

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Insekten-Burger kommen gut an - Neugier spielt eine große Rolle. (picture alliance / Friso Gentsch / dpa)
Den Insekten-Burger findet man bislang fast nur in bayerischen Supermarkt-Filialen. (picture alliance / Friso Gentsch / dpa)

Grillen und Mehlwürmer drängen auf den Speiseplan: In Form von Burgern und Snacks kommen sie jetzt auch auf den deutschen Markt. Erste Reaktionen fallen positiv aus. Manche Verbraucher haben noch Ekel – und die Behörden noch einige Bedenken.

Es war ein Crowdfunding-Projekt, das dem ersten deutschen Bio-Grillen-Produkt bei der Entwicklung half. Über 15.000 Euro kamen zusammen. Jetzt ist es auf dem Markt: "Instinct", eine Art Müsli-Riegel mit zermahlenen Kurzflügelgrillen drin. Zwei Geschmacksvarianten sind im Angebot: "Apfel und Zimt" und "Salzige Schokolade".

Die Kunden bekommen die Riegel online und in bestimmten Bio-Supermärkten in Städten wie Berlin, Köln, Hamburg und München. Die Startup-Firma Bearprotein hat dieses Pionierprodukt für den neuen Lebensmittelbereich entwickelt. Geschäftsführer Marcus Friedrich definiert die Zielgruppe so:

"Zum einen natürlich gesundheitsbewusste Menschen, Menschen aber auch, die wenig Zeit haben und sagen: ‚Ich brauche einen Snack für Zwischendurch‘ und wir gehen tatsächlich viel an Familien und gar nicht so sehr an Sportler, aber grundsätzlich wollen wir schon den Massenmarkt antriggern und dann auch noch mehr."

"Schmeckt wie normales Mehl"

Der Berliner Bioladen, in dem ich eine Kostprobe kaufen will, hat den Riegel noch nicht im Regal. Die Mitarbeiter müssen erst einmal ins Lager gehen und holen dort – selbst ganz neugierig – die erste Lieferung. In einem Park und in einer Kantine bitte ich Freiwillige um ihre Meinung zu dem neuen Produkt – unter Hinweis auf die besondere Zutat Grillenmehl. Das Echo ist überraschend positiv: Die Reaktionen reichen von "Es schmeckt wie normales Mehl" bis zu "schmackhaft" und "kann man gerne als Snack essen".

Auf einem Teller sind diverse Schoko-Snacks mit einem Zahnstocher aufgespießt, die mit Insektenmehl hergestellt wurden. (Daniela Siebert)Insekten-Essen im Park: Test-Verköstigung auf Grillenmehl-Basis. (Daniela Siebert)

Allerdings gab es bei der kleinen Verkostungsaktion auch eine nennenswerte Fraktion, die auf gar keinen Fall probieren wollte. Aus höchst unterschiedlichen Gründen: Die einen finden es eklig, die anderen ernähren sich vegan oder essen nur, was sie auch kennen.

Insekten-Burger aus Buffalo-Würmern

Überwiegend positive Reaktionen von Kunden meldet die Super-Markt-Kette Rewe. Sie bietet seit wenigen Monaten einen "Insektenburger" an. Er wird nicht aus Fleisch hergestellt, sondern aus Buffalo-Würmern – den Larven einer Käferart. Allerdings findet man den Insekten-Burger bislang fast nur in bayerischen Filialen und auch dort nicht in allen. Das Echo der Kunden fasst die Rewe-Presseabteilung so zusammen:

"Die bisherige Nachfrage entwickelt sich gut. Natürlich traut sich nicht jeder Kunde, die Patties zu probieren. Diejenigen, die den Burger jedoch gekostet haben, sind positiv überrascht: Bisher hat er allen geschmeckt, so lautet die Resonanz aus unseren Märkten. Viele erinnert der Geschmack an einen vegetarischen Bratling."

Nach Einschätzung von Rewe spielt beim Griff zum Insekten-Burger Neugier eine weitaus größere Rolle als eventuelle Nachhaltigkeitsaspekte.

Wie lässt sich der Ekel abbauen?

Ganz ohne Hürden ist der Weg für Insektennahrung in die deutschen Läden und Mägen aber nicht. Das fängt bei dem tief in unserer Kultur verankerten Ekel davor an. Selbst Marcus Friedrich war nicht frei davon.

"Ich habe mir dann so ein Set bestellt. Da war eine Heuschrecke, drin, eine Grille, ein Mehlwurm und sowas drin, in so kleinen Röhrchen. Und dann dachte ich: 'Okay, jetzt probiere ich das aus.'"

Trotzdem glaubt der Bearprotein-Unternehmer, dass man diese Vorstellungen überwinden kann.

"Dadurch, dass ich das verarbeite, vereinfache ich diesen Prozess, Insekten zu konsumieren, für den Europäer wesentlich einfacher und schneller als wenn ich sage: 'Ja, esst mal die Heuschrecke!'"

Die Behörden sind skeptisch

Eine größere Herausforderung für Anbieter von Insekten-Nahrungsmitteln könnten behördliche Hindernisse sein. Etliche Berliner Veterinärämter hätten ihm eindeutigen Widerstand gegen seine Geschäftsidee signalisiert, berichtet Marcus Friedrich, so dass er seinen Firmensitz am Ende sogar nach Brandenburg verlegte.

Bislang bezieht sein Unternehmen sowohl das Grillenmehl als auch den Riegel selbst aus Kanada. Die Folge: Ein großer ökologischer Fußabdruck - für ein Produkt, das nachhaltig und umweltfreundlich sein will. Mittelfristig würde Marcus Friedrich gerne in Deutschland produzieren.

"In anderen Ländern gibt es ja schon Insektenfarmen, also wenn ich mir die Niederlande anschaue, Finnland, Schweiz – Deutschland hinkt immer so ein bisschen her mit der Gesetzeslage, viel wird leider auf der untersten Ebene ausgefochten, von den Veterinärämtern, das sind Einzelfallentscheidungen."

Gesundheitliche Vorbehalte

Die Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Auch im Bundesinstitut für Risikobewertung – BfR – sieht man insektenhaltige Nahrungsmittel mit einer gewissen Skepsis. Zum einen wegen des Allergie-Risikos. Das gehe zum Beispiel auf bestimmte Proteine in den Muskeln der Tiere zurück, sagt Alfonso Lampen vom BfR.

"Man findet sie – beispielsweise das Tropomyosin – bei Heuschrecken, bei Schaben, aber auch bei Milben, auch bei Mehlwürmern findet man die. Mehlwürmer sind ja so eine Spezies, die jetzt sehr für die Produktion von Proteinen in den Fokus gerückt sind."

Manche Insekten haben von Natur aus Giftstoffe im Körper - beispielsweise gegen Fressfeinde erklärt der Biologe und Veterinärmediziner Alfonso Lampen. Diese Gifte können auch für den Menschen ungesund sein. Und Insekten können Substanzen wie Thiaminase enthalten, die die Möglichkeit des Menschen hemmen, bestimmte Nährstoffe über seine Nahrung aufzunehmen. Darüber hinaus könnten Insekten Pilze, Bakterien oder Viren übertragen.

Auf die Verarbeitung kommt es an

"Normalerweise sind Temperaturen knapp über 120 Grad ausreichend, wenn man nämlich deutlich rüber geht, dann macht man zu viel kaputt an dem Lebensmittel. Es gibt Bakterien, die natürlich am Insekt haften, und es gibt eine ganze Menge Bakterien, die im Darm des Insektes sind, d.h. eine Rohverköstigung von Insekten würden wir als Bundesinstitut für Risikobewertung in keinem Falle empfehlen, sondern es ist schon eine Weiterverarbeitung, eine Prozessierung – in der Regel durch Hitze – erforderlich, und das ist bisher, was wir so mitbekommen haben bei den Produzenten auch so vorgesehen."

Im BfR sieht man alles in allem noch großen Forschungsbedarf rund um Insekten als Nahrungsmittel. Viele Fragen zu Allergien und Krankheitsrisiken seien völlig ungeklärt, so Alfonso Lampen.

Bei der EU sind nach Auskunft der Kommission derzeit diverse Genehmigungsanträge für Insektenlebensmittel gestellt: etwa für die Grillensorte Heimchen oder für Mehlkäfer. Schon in wenigen Monaten könnte das Angebot daher weit über Burger und Knusper-Riegel hinausgehen.

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